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Wie holt man sich die Nacht zurück? Der Fluglärm in Mainz und die Wege des Widerstands

Sabine Turn ist müde. Wieder ist sie um kurz nach fünf wach geworden. Wieder ist sie zwei Stunden vor dem Weckerklingen aufgestanden, weil sie keinen Schlaf mehr finden konnte. Schuld daran sind die Flugzeuge, die viel zu häufig und viel zu tief über ihre Wohnung in Mainz-Marienborn hinwegdonnern – jeden Morgen um kurz nach fünf, genau dann, wenn das Nachtflugverbot endet. So wie Sabine Turn geht es vielen Mainzern, besonders jenen, die in den Stadtteilen Drais, Lerchenberg und Marienborn wohnen. Mit der Inbetriebnahme der neuen Landebahn hat sich die Situation für diese Menschen rapide verschlechtert.

Alles begann am 21. Oktober, als die neue „Nordwest-Landebahn“ und damit die sogenannte Südumfliegung in Betrieb genommen wurde. Diese Landebahn wird für Landeanflüge genutzt und das bedeutet, dass es nach den derzeit festgelegten Routenplanungen der Deutschen Flugsicherung (DFS) bei Anflügen aus der West-Richtung einen vollkommen neuen Anflugpfad über das Mainzer Stadtgebiet hinweg gibt. Neben Drais, Lerchenberg und Marienborn sind auch die Oberstadt, die Neu- und Altstadt sowie die Stadtteile Laubenheim und Weisenau von dem vermehrten Fluglärm besonders stark betroffen.

Unter Druck: warum Fluglärm zur „Herzenssache“ werden kann

Doch nicht nur Schlafprobleme und die daraus möglicherweise resultierenden psychischen Folgen kreiden die Betroffenen den Verantwortlichen an. Dazu kommt: Fluglärm kann physisch krank machen – auch wenn die Betroffenen das zunächst gar nicht unbedingt merken. Der Kardiologe Professor Thomas Münzel, Leiter der II. Medizinischen Klinik und Poliklinik der Universitätsmedizin Mainz, wies am 22. Oktober 2011 bei einer Rede vor Betroffenen und Anwohnern des Flughafens auf die gesundheitlichen Folgen des Ausbaus hin. Seinen Ausführungen zufolge ist Fluglärm für die Entstehung von Herzkreislauferkrankungen, Depressionen und evtl. auch Tumorerkrankungen verantwortlich. Insbesondere während der Nachtruhe könne Fluglärm zu einer vermehrten Ausschüttung von Stresshormonen führen, was wiederum zu einem erhöhten Herzschlag, einer Blutdrucksteigerung und zur Aktivierung der Blutgerinnung führe. All diese Faktoren können das Risiko eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls steigern. Der schlafende Mensch merkt das vielleicht gar nicht – der Körper reagiert dennoch entsprechend. Interessierte können die vollständige Rede von Herrn Professor Münzel auf der Internetseite des „Bündnis der Bürgerinitiativen“, www.bbi.de, nachlesen.

Der harte Kampf um den ruhigen Schlaf
Seit dem 30. Oktober 2011 – also zehn Tage nach Inbetriebnahme der neuen Landebahn – gilt von 23 bis 5 Uhr das Nachtflugverbot. Zu verdanken ist das lärmgeplagten Privatklägern, die ihr Ansinnen vor dem Obersten Hessischen Verwaltungsgericht durchsetzen konnten. Mit dem Urteil bekräftigt dieses Gericht sein eigenes Urteil aus dem Jahre 2009, in dem die Zulassung von Nachtflügen als rechtswidrig eingestuft wurde. Die hessische Landesregierung, allen voran Verkehrsminister Dieter Posch, hatte das Urteil jedoch ignoriert und für den Winterflugplan 17 Flüge in der Zeit von 23 bis 5 Uhr genehmigt. Das brachte der Regierung nicht nur den Unmut der Bevölkerung, sondern auch die harsche Kritik vieler Kommunen und der Stadt Mainz ein. Bisher ist das Nachtflugverbot vorläufig gültig, am 13. März 2012 wird dazu das endgültige Urteil am Bundesverwaltungsgericht in Leipzig fallen. Bis dahin werden die Betroffenen die Zeit nutzen, ihrem Anliegen mehr Nachdruck zu verleihen. Mit Argusaugen wachen beispielsweise Mitglieder der Initiative „Fluglärm Rheinhessen“ über die Einhaltung des Nachtflugverbotes. Bis zum 8. November wurden acht Starts und eine Landung während der Nachtruhe festgestellt und angezeigt – immer waren es Maschinen der Deutschen Lufthansa, die das Verbot ignorierten. Am 14.11.2011 wurden zwischen 23 und 24 Uhr zwanzig Starts und zwei Landungen am Frankfurter Flughafen durchgeführt. Die betroffenen Bürger haben also anscheinend jeden Grund, wach(sam) zu bleiben.
 
Immer wieder Widerstand: Die Arbeit der Initiativen und Beschwerdemöglichkeiten für Privatpersonen
Das Nachtflugverbot ist eine Kernforderung der Aktivisten. Zu den Hauptakteuren gehören neben der „Initiative gegen Fluglärm in Rheinhessen e.V“, der „Verein für ein lebenswertes Mainz und Rheinhessen“ und die „Initiative Zukunft Rhein-Main“ (ZRM), hinter welcher drei Landkreise, 23 Städte und Gemeinden, ein Naturschutzbund und zahlreiche Bürgerinitiativen stehen. Die Aktivisten fordern:

•    Fluglärm verhindern: Dazu gehört die unbedingte Einhaltung eines Nachtflugverbotes, das von 22 bis 6 Uhr morgens und damit zwei Stunden länger als das derzeitige vorläufige Nachtflugverbot (23 bis 5 Uhr) gilt.

•    Fluglärm reduzieren: Möglich wäre dies durch die Einführung eines deutlich längeren Steilstartes und ein Tempolimit auf dem Gegenanflug zum Flughafen von 210 Flugknoten. Durch die Einführung verteilter Flugrouten zur zeitlich gestaffelten Nutzung könnten zudem Lärmpausen erreicht werden.

•    Ein neues Luftraum- und Flughafenkonzept: 55% aller Flugzeuge, die in Frankfurt landen, befördern entweder Passagiere, die dort umsteigen, oder Waren, die dort umgeladen werden. Der wirtschaftliche Gewinn solcher Flüge für die Region ist gering.

Auch die Stadt Mainz schließt sich diesen Forderungen an. Schon früh nahm man dort den Kampf gegen den Flughafenausbau und der damit einhergehenden Lärmbelästigung für die Bürger auf. So klagte Mainz bereits im Jahr 2001 gegen den vom Frankfurter Flughafen verursachten Fluglärm über ihrem Stadtgebiet. Drei Jahre später folgte eine Flugroutenklage gegen die Neuordnung des Flugroutensystems. Die Klage wurde abgewiesen mit der Begründung, dass der Lärm in Mainz zumutbar und den Behörden bei der Festlegung der Flugrouten kein Verfahrensfehler unterlaufen sei. Die bislang letzte Klage erfolgte 2009 gegen den Planfeststellungsbeschluss vom 18.12.2007. Das Urteil steht noch aus. Gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Initiative ZRM brachte die Stadt verschiedene Gutachten in die Verfahren ein. Jetzt, wo die neue Landebahn realisiert ist, zielen die Aktivitäten der Stadt unter anderem auf das Nachtflugverbot, die Durchsetzung von Lärmschutzbereichen und die fachliche Begleitung eines Fluglärm-Monotorings. Hierbei werden die Lärmbelastungen kontinuierlich überwacht und Tendenzen und Veränderungen sichtbar gemacht. Von Stadtseite wird also weiterhin gegen den Fluglärm vorgegangen. Doch auch jeder einzelne Betroffene hat die Möglichkeit, sich zu engagieren.

Das sind die gängigsten Wege:
•    Verstöße gegen das Nachtflugverbot zur Anzeige bringen. Auf der Website www.fluglaerm-rheinhessen.de findet man im Downloadbereich ein Musterschreiben zur Anzeige beim Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung. Konkrete Angaben zur Kennung und Lande- und Startzeit des Flugszeugs sind nötig und können über die Website des Deutschen Fluglärmdienstes, DFLD.de/Messwerte/Nachtflüge, herausgefunden werden.

•    Jeder kann jederzeit eine Beschwerde wegen subjektiv empfundener zu hoher Lärmbelastung an die Fraport schicken. Das geht per E-Mail an info@fraport.de, telefonisch an die kostenlose Hotlinenummer 0800-2345679 oder über die Internetseite der Fraport, www. fraport.de.

•    Unterschriftenlisten gibt es zwar noch immer, ergänzt werden sie heute durch Onlinepetitionen. Zur Onlinepetition gegen den Fluglärm gelangt man über die Website www.openpetition.de. Gleich auf der Startseite findet man den Button „Fluglärm 21“ (Stand 23. November 2011).

•    An Demonstrationen teilnehmen: Auf der Website www.fluglaerm-rheinhessen.de wird man über aktuelle Treffen informiert. Bis zum 19. Dezember fanden auf dem Frankfurter Flughafen regelmäßige Montagsdemos statt. Auf obiger Internetseite kann man erfahren, ob die Montagsdemonstrationen 2012 fortgesetzt werden.

•    Eine eigene Messstation einrichten: Informationen hierzu gibt es auf der Internetseite www.fluglaerm-rheinhessen.de.

•    Bei der deutschen Flugsicherung (DFS), die für die Flugverkehrskontrolle in Deutschland zuständig ist, kann man Auskünfte über Flugrouten und Flughöhen einholen. Telefon: 0 61 03 / 707-0 oder www.dfs.de.

•    Informationen über Fluglärmmesswerte, Flugspuren, Betriebsrichtungen, etc. kann man auf der Website des Deutschen Fluglärmdienstes e.V. einholen: www.dfld.de. Hier kann man online auch Flugbeschwerden aufgeben.

•    Sich direkt an die Verantwortlichen wenden. Die Initiative Fluglärm Rheinhessen stellt unter dem Stichwort „Neue Wege, sich bei den Verantwortlichen zu beschweren“ die E-Mail-Adressen von Personen, wie dem Hessischen Minister für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung, dem Vorstand der Lufthansa oder dem Vorsitzenden des Aufsichtsrats der Fraport zur Verfügung.

•    Mitarbeit bei einem der Arbeitskreise (AK), die sich in den betroffenen Stadtteilen gebildet haben:

AK Fluglärm Bretzenheim: Treffpunkt: jeden 1. Donnerstag im Monat um 19.30 Uhr in der Pizzeria Fattoria D'Anna, Marienborner Str. 45, 55128 Mainz-Bretzenheim. Kontakt: Gabriele Müller, Tel.: 0 61 31/ 33 73 37.

AK Hechtsheim: Treffpunkt: jeden 2. Mittwoch im Monat WANN UND WO, BITTE NACHTRAGEN, Platanenstr. 9, 55131 Hechtsheim, Kontakt: Heino Schwarz, Tel.:0 61 31/ 5 95 36, E-Mail: schwarzHeino@web.de.
AK Lerchenberg: Koordinationstreffen der Initiative RheinhessenTreff. Treffpunkt: jeden 2. Donnerstag im Monat um 19.30 Uhr im Bürgerhaus Lerchenberg. Kontakt: Dietrich Elsner, Tel.: 0 61 31/ 5 86 31 59, E-Mail: dietrich.elsner@arcor.de.

AK Laubenheim: Treffpunkt und Termine bitte erfragen bei Irmgard Becker, Tel.: 0 61 31/ 88 13 74.

AK Oberstadt: Kontakt Jochen Schraut, Tel.: 01 76/ 1 22 14 18 68, E-Mail: schraut@sr-mainz.de, www.fluglaerm-mainz-oberstadt.de.

Neu: AK Weisenau: Kontakt: Wilhelm Pfeiffer und Susanne Görlach, E-Mail: info@fluglaerm-mainz-weisenau.de.

Zukunftsmusik 2020: Hängt der Himmel voller Flugzeuge?

Im Jahr 2020 sollen durch weitere Baumaßnahmen statt derzeit etwa 55 Millionen circa 90 Millionen Passagiere jährlich in Frankfurt abgefertigt werden. Die Menschen in Mainz und Rheinhessen könnten also unter Umständen noch stärker belastet werden, als es heute schon der Fall ist. Ob Sabine Turn davon betroffen sein wird, ist mehr als fraglich: Sie überlegt bereits, aus Marienborn wegzuziehen.