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„Welch schöner Garten“

Das Elsass begeistert mit seiner Vielfalt – kulturell, landschaftlich und kulinarisch.

Schloß bei Ribeauvillé; Foto:CRTA Zwardon

„Oh, welch schöner Garten!“, soll der Französische Sonnenkönig Ludwig XIV. einst gerufen haben, als er mit seinem Tross die Vogesen überquerte und zum ersten Mal den Blick über das Elsass schweifen ließ. Und in der Tat: auch heute noch ist der Landstrich zwischen Vogesen und Rhein reich an Schönheiten und Köstlichkeiten, ganz so eben, wie sich das für einen üppigen Garten gehört. „L'Alsace“ ist ein kulturelles und landschaftliches Füllhorn, das zu entdecken sich lohnt.
Kaum fährt man durch das Weintor im Süden der Pfalz, ist man auch schon vor Ort. Im Laufe der Jahrhunderte wechselte das Elsass zigmal den „Besitzer“ – und ist so ein wahrer Hybrid europäischer Kulturen geworden. Optisch wähnt man sich hier zwar des Öfteren ganz heimisch in der Pfalz, doch die kulturelle Vielfalt seiner Einflüsse verschafft dem Elsass und seinen Bewohnern eine einzigartige, selbstständige Identität. Kelten und Römer, Alemannen und Franken, Deutsche und Franzosen – sie alle haben dem Land zwischen Pfalz und Schweiz, Vogesen und Rhein im Laufe der Geschichte ihren Stempel aufgedrückt.

Es lebe der Dialekt
Das merkt man auch an der Sprache, dem Elsässerditsch, einem alemannischen Dialekt. Zwar wird dieser eigentlich nur noch auf dem Land und dort vor allem von der älteren Generation gesprochen, doch ähnlich dem Irischen scheint die Sprache zurzeit eine kleine Renaissance zu erleben. Diverse Initiativen versuchen teils mit kreativen Mitteln, das drohende Ableben des Dialektes zu verhindern. So wurde etwa 2002 unter dem Motto „E Friehjohr fer unseri Sproch“ ein Mundart-Festival etabliert, im Rahmen dessen sich nun jährlich diverse Vereine und Initiativen darum kümmern, dass man die „Muodr“, das „Velo“ und den „Trottwar“ auch weiterhin durch die Elsässer Gassen schallen hört.
Erreicht man das Elsass von Norden her, bemerkt man die in den letzten Jahrzehnten rasant fortgeschrittene Französisierung jedoch sofort. Schon direkt südlich des Städtchens Wissembourg („Weißenburg“) tritt – zumindest für den Wochenendausflügler – das Elsässerditsch höchstens noch als Schriftzug auf den Ortsschildern in Erscheinung. Egal ob im „supermarché“ oder beim Tanken an der „station de service“ – es besteht kein Zweifel daran, in welchem Land man sich gerade aufhält. Freilich lässt sich diese Entwicklung auch positiv betrachten. Bereits knapp hundert Kilometer südlich von Alzey beginnt so nämlich das „joie de vivre“. So wird ein Ausflug ins Elsass schnell zum Urlaub.

Von Norden nach Süden
Entscheidet man sich für einen Besuch im Norden just südlich der Pfalz, tut man das in der Regel aus Liebe zur Natur. Denn im Nordelsass geht es beschaulich zu. Touristen verirren sich hierhin eher selten, auch wenn bereits Dichter wie Goethe oder Victor-Marie Hugo der Gegend huldigten. Von den vogelreichen Feuchtgebieten am Rhein durch dichte Mischwälder hinweg bis hin zu den sanften Hügeln der Nordvogesen mit ihren teils bizarren Sandsteinformationen und Burgruinen lässt sich das Nordelsass besonders gut mit dem Fahrrad erleben.
Weiter südlich rund um Molsheim beginnt dann der Landstrich, für den das Elsass bekannt wurde – die Weinstraße. Auf 120 Kilometern Länge findet man hier eine Kulturlandschaft vor, die ihresgleichen sucht. Weit über die Grenzen des Elsass hinaus bekannt sind pittoreske Örtchen wie Riquewihr oder Ribeauvillé, die mit ihrem blumenbeschmückten Fachwerk-Charme Bilderbuchcharakter haben. Doch wehe es ist Sommer, sonnig und Samstag. Dann nimmt das touristische Treiben hier schnell überhand – und vertreibt mit seinem Gedränge jegliche Romantik. Gerade an solchen Tagen, wenn in der Winstub kein Platz mehr ist, um den jungen Muscat d'Alsace zu genießen, ist es gut zu wissen, wohin man sich zur Not flüchten kann.
Ein solcher Fluchtpunkt ist Ottrott. Am Anfang der Weinstraße nahe dem ebenfalls sehenswerten Obernai gelegen, schmiegt sich die 2.000-Seelen-Gemeinde an die waldigen Vogesenhänge. Eine Fachwerk-Altstadt findet man hier zwar nicht, doch auf der Suche nach Authentizität wird man hier fündig. Über dem Ort thront neben diversen Burgruinen auf dem Mont Sainte-Odile ein altes Kloster, von dessen kleinem Garten man einen fantastischen Blick über die Rheinebene hat. Hat man genug vom Wandern oder Umherfahren, kann man sich schließlich in einer der Dorfkneipen niederlassen. Wie schön es doch ist, nach einem Tag an der frischen Luft ins dampfig warme „L`Étoile d`Or“ einzutauchen und sich inmitten der Einheimischen gleich bretterweise hauchdünne Flammkuchen bringen zu lassen.

Das kulinarische Elsass
Überhaupt, diese Elsässer Küche! Gäbe es diese Mischung aus deftig süddeutscher und elegant französischer Küche noch nicht – man müsste sie glatt erfinden. Neben besagtem und zu Recht auch bei uns mittlerweile präsenten „Flammkueche“ finden sich zwischen Wissembourg im Norden und Mulhouse im Süden Leckereien wie „Coq au Riesling“ oder „Baeckeoffe“, ein Eintopfgericht mit in Weißwein geschmortem Rind-, Schweine- und Lammfleisch sowie Kartoffeln. Doch freilich versteckt sich hinter so manchem Elsässer Traditionsgericht eine altbekannte Speise. So ungewohnt sich „Krumbeerekiechle“, „Choucroute“ und „Wadala“ auch anhören mögen – es sind halt doch einfach  Kartoffelpuffer, Sauerkraut und Schweinshaxen.
Ein weiterer Schmelztiegel ist Strasbourg. Die Hauptstadt des Elsass fungiert als Bindeglied zwischen deutscher und französischer Kultur, zwischen alemannischer und gallischer Lebensart. Nicht ohne Grund firmiert die Großstadt am Rhein neben Brüssel und Luxemburg als „Hauptstadt Europas“. Ein Spaziergang durch die Stadt macht klar: Das hier ist europäisches Herzland.
Unweit von den mit modernen Trams durchzogenen städtischen Boulevards befindet sich „la Petite France“. Plötzlich ist Strasbourg nicht mehr die moderne Großstadt, sondern ein mittelalterliches Idyll. Inmitten kleiner Gassen, Kanäle und Stege klammern sich die alten Fachwerkhäuser der Gerber ans Ufer. Fährt man mit dem Boot an diesem romantischen Fleckchen vorbei, überrascht es einen nicht schlecht, wenn man sich plötzlich vor dem stattlichen Glaspalast des Europäischen Parlamentes wiederfindet.

Die Vogesen bewegen
Wer an seinem Urlaub allerdings weniger die Kultur und mehr die Natur oder gar den Sport schätzt – Fixpunkte, die einander natürlich keineswegs ausschließen – der sollte sich lieber den Anhöhen der Vogesen widmen. Das an den in Sichtweite schlummernden Schwarzwald erinnernde Mittelgebirge sitzt dem Elsass unübersehbar im Nacken, thront über allem, was im Tal passiert – und sollte bei einem Besuch nicht außen vor gelassen werden. Ob Wandern, Skifahren oder Fallschirmspringen – Vielfalt ist der zweite Vorname der Region. Ganz besonders gut eignen sich die Berge westlich der Weinstraße übrigens für Biker. Entspannter als in den Alpen, aber spannender als im Pfälzer Wald lassen sich hier mit dem Motorrad die Serpentinen kurven. Schier atemberaubend schön ist die Strecke um den türkisfarbenen „Lac Blanc“ und den abenteuerlichen „Col de la Schlucht“ westlich von Colmar.
Wenn dann nach einem wie auch immer gearteten Tag in den Bergen wieder die laue Luft der Elsässer Rheinebene um einen weht und die Sonne hinter den Weinbergen verschwindet – spätestens dann spürt man, was Ludwig XIV. damals gemeint haben muss.


Elsässer Highlights

Nur einen Tag Zeit?
Dann empfiehlt sich der Abstecher ins nahe Wissembourg mit seinem mittelalterlichen Stadtviertel „Le Bruch“.
Mit Kindern unterwegs? In Ottrott findet sich mit „les Naïades“ ein Park, in dem sich unter anderem ein Aquarium mitsamt Bewohnern spielerisch entdecken lässt (Mehr Infos: www.parclesnaiades.com). Auch schön und mit Sicherheit typisch elsässisch ist der Storchenpark in Hunawihr.
Lust auf Kunst? In Strasbourg ist neben dem Tomi-Ungerer-Museum, welches mit wechselnden Ausstellungen auch die Werke anderer Illustratoren präsentiert, vor allem das „Musée d'Art Moderne et Contemporain de Strasbourg“ mit seiner schönen Dachterrasse zu empfehlen.

Redaktion: Fabian Scheuermann