. .

Quantified Self – das eigene Leben messbar machen

Es gibt Menschen, die halten ihre Trainingskilometer in einem Lauftagebuch fest, während sie sich auf einen Marathon vorbereiten. Andere notieren jeden Tag, was sie essen, weil sie abnehmen oder sich gesünder ernähren wollen. Und wieder andere müssen aus medizinischen Gründen regelmäßig ihren Blutdruck messen. Das alles ist nichts Neues. Neuartig sind jedoch Technologien und Geräte, die es jedermann erlauben, zu messen und zu dokumentieren, was früher ausschließlich durch Fachpersonal oder mit aufwendigen Verfahren möglich war.

Mittlerweile hat sich ein regelrechter Boom entwickelt, die sogenannte „Quantified Self“-Bewegung, deren Auftrieb sich vor allem aus der Anwendungsvielfalt von Smartphones speist. Weil sich unser Leben immer mehr in deren ständiger Begleitung abspielt, ist die Selbstvermessung oder anders gesagt Selbstquantifizierung ein gutes Stück einfacher geworden. Brauchte man früher viel Disziplin zum Führen eines Ernährungstagebuchs und bei der Berechnung der täglichen Kalorienmenge, übernehmen das heute diverse Apps. Vom Kalorienzähler bis zum Trinkwecker: Das Smartphone kann, wenn sein Besitzer es denn wünscht, den Alltag in die Hand nehmen. Auch andere Gerätschaften können mehr oder weniger das Leben dominieren. So messen spezielle Schlaftracker, in welchem Schlafstadium der Träger sich befindet, und passen die Weckzeit an Phasen des leichteren Schlafes an. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, welche Körper- und Lebensdaten aufgezeichnet und wie sie visualisiert werden.

Absurde Auswüchse

Es kann natürlich auch ins Absurde abgleiten. Da schreibt ein Mitglied des US-Forums, es habe seine Webcam so programmiert, dass sie jede Minute automatisch ein Bild von ihm und seiner Tätigkeit schießt. Um auch das aufzuzeichnen, was im Offline-Leben geschieht, könnte er nun entweder eine Zeitraffer-Kamera an seiner Kleidung anbringen, wie sie zum Beispiel in der Botanik verwendet wird, oder eine iPhone-App namens Lifelapse installieren, die alle 30 Sekunden ein Bild aufnimmt. Später kann man sich dann den Tag zusammengefasst ansehen und online stellen, seinem Facebook-Profil hinzufügen oder auch einfach nur für sich selbst abspeichern.

In Zeiten von Google und Wikipedia hat sich medizinische Selbstdiagnostik breitgemacht. Wer hat nicht schon einmal seine Krankheitssymptome gegoogelt, bevor ein Arzttermin vereinbart wurde? Selbstquantifizierer gehen noch einen Schritt weiter: Der gesamten Bewegung ist der Wunsch nach Antiautorität anzumerken. Das Herrschaftswissen der Mediziner und Wissenschaftler wird infrage gestellt, Fakten und Zusammenhänge sollen demokratisiert werden. Das Credo der Quantified Self-Plattform im Internet lautet bezeichnenderweise „self knowledge through numbers”, Selbstkenntnis durch Zahlen. Denn letztlich besteht jeder Mensch aus einer unerschöpflichen Menge von Daten, die pausenlos produziert, aber nur in geringem Umfang von uns wahrgenommen, geschweige denn verstanden werden.

Wunsch nach Individualisierung
Der Grundgedanke dahinter ist so simpel wie weitreichend: Wer Selbstvermessung betreibt, möchte sich selber besser kennenlernen, sich eventuell auch verändern, entwickeln, verbessern. In einer sich differenzierenden Gesellschaft ist das nicht zuletzt auch Ausdruck von Individualisierung und Personalisierung: Wie reagiert der Einzelne auf Umwelteinflüsse, die alle betreffen? Und kann er sich eventuell sogar aus dieser Abhängigkeit lösen, wenn er sich selber besser kennt? Selbstkontrolle statt Fremdbeherrschung – Werbebranche und Produzenten von Konsum- und Luxusgütern sollten sich warm anziehen, leben doch immerhin ganze Wirtschaftszweige davon, im Verbraucher ein Bedürfnis zu erzeugen, das angeblich nur durch bestimmte Produkte befriedigt werden kann.

Dass die Eigenbeobachtung nicht losgelöst werden kann von einer gleichzeitigen Veränderung des Beobachteten, ist den Selbstvermessern dabei gleichgültig. Wer jedoch zu jeder vollen Stunde aufzeichnet, was er gerade tut, wird automatisch seine Tätigkeiten derart anpassen, dass sinnvolle oder gewünschte Aktivitäten zu verzeichnen sind. Es sei denn, die Selbstkontrolle ist bereits so groß, dass man sein unbewusstes Verhalten bewusst unbewusst lässt – doch welcher Mensch könnte das? Und irgendwie ist es auch paradox, dass man im Versuch, Selbstkontrolle über den eigenen Körper und das eigene Tun zu erlangen, gleichzeitig die Kontrolle abgibt, welche Firmen auf die in irgendeiner Weise elektronisch gesammelten und gespeicherten Daten zugreifen können. Zudem kann bei allem Vertrauen in technische Hilfsmittel das eigene Körpergefühl verlorengehen; dann kontrolliert nicht mehr der Nutzer sich selbst durch Anwendungen, sondern die Technik erlangt die Kontrolle. Im Extremfall glaubt jemand, schlecht geschlafen zu haben, weil ein Gerät eine schlechte Schlafqualität gemessen hat – auch wenn derjenige sich eigentlich ausgeruht und bereit für den Tag fühlt.

Der richtige Weg?

Führt Selbstvermessung denn im Endeffekt tatsächlich zur Selbsterkenntnis, wie der griechische Philosoph Heraklit sie in seinem Verständnis von Weisheit geprägt hat? Allen Menschen sei es gegeben, sich selbst zu erkennen und klug zu sein. Dies war bisher dem Geist überlassen, der nun von der Technik abgelöst zu werden scheint. Diverse Gadgets gibt es bereits, zum Beispiel ein Armband, das mittels Hautspannung das Stressniveau misst. Sensormatten unter der eigentlichen Matratze registrieren Herzfrequenz, Atemrhythmus sowie Bewegungsintensität und sollen so Aufschluss über die Schlafqualität geben. EEG-Geräte zur Aufzeichnung der Hirnströme sind bereits ab 100 US-Dollar zu haben. Und was der Markt nicht hergibt, wird kurzerhand selbst ausgetüftelt. Trotz allem dreht sich nicht alles um Erfassung mit modernen Methoden, wie auf quantifiedself.com in einleitenden Worten geschrieben steht. Hier wird jeder angesprochen, der einen Computer, ein Smartphone, elektronische Hilfsmittel, aber auch traditionell Papier und Stift nutzt und am „Self-tracking“ interessiert ist, was so viel heißen kann wie Diagnose, Steuerung, Abgleich, aber auch Verfolgung der eigenen Person, des eigenen Körpers. Wie auch immer man es bezeichnen mag, der Austausch und das Lernen voneinander stehen an prominenter Stelle im Selbstverständnis der Selbstvermesser. Und spätestens hier kommt wieder das Internet als weltweite Kommunikationsplattform ins Spiel.

Während sich in Deutschland erst einige wenige Menschen der Selbstquantifizierungsgemeinde angeschlossen haben, ist in den USA eine sehr aktive Szene zu verzeichnen. Es gibt QS-Gruppen in verschiedenen Großstädten wie New York, San Francisco oder Pittsburgh, es finden Treffen statt, bei denen die Mitglieder von ihren Erfahrungen berichten und sich gegenseitig Tipps geben können. Weltweit gesehen kommen sie aus den verschiedensten Verhältnissen, sind unterschiedlich alt, verdienen mal mehr, mal weniger – und haben doch zwei Dinge gemeinsam: Neugier und die Lust am Experimentieren.