Interview mit Karl Kardinal Lehmann: „Ein humorloser Glaube ist ein Missverständnis“
„Ich bin von Hause aus eigentlich kein so witziger Mensch“, gesteht Karl Kardinal Lehmann, nachdem er mit dem Preis „Meenzer Jockelche“ ausgezeichnet wurde. Im Interview beweist er das Gegenteil.
Wirtschafts-News: Sie sind der diesjährige Preisträger des Meenzer Jockelchens, der von der Mainzer Kleppergarde verliehen wird. Den Preis erhalten Menschen und Organisationen, die sich durch ihren Einsatz für die Jugend auszeichnen. Wie genau gestaltet sich Ihr Engagement für Kinder und Jugendliche?
Kardinal Lehmann: Die Zuständigkeiten für die Kinder- und Jugendarbeit im Bistum sind auf mehrere Personen und Organisationen verteilt. So hat beispielsweise die Caritas in Mainz zwischen 220 und 230 Kindergärten in ihrer Obhut mit insgesamt 2.500 Erzieherinnen – es sind ja weniger Erzieher. Meine Arbeit ist es, wegweisende Richtlinien zu erarbeiten und an die Zuständigen weiterzugeben. Dennoch habe ich natürlich dauernd persönlichen Kontakt zu Kindern und Jugendlichen – vor allem durch meine Firmreisen, Gemeindebesuche, Begegnungen in unseren Schulen und eben durch Veranstaltungen mit Jugendlichen.
Wirtschafts-News: Gibt es denn, trotz der sicher großen Fülle an wichtigen Hilfsbedürftigkeiten, ein Projekt, das Ihnen besonders am Herzen liegt?
Kardinal Lehmann: Ja, dazu gehört sicherlich das „Netzwerk Leben“, ein offenes Netzwerk zur Unterstützung und Beratung schwangerer Frauen in Not- und Konfliktsituationen. Vor zehn Jahren gab es den vielbeachteten Konflikt mit Rom, dass wir uns aus dem staatlichen System der Scheinausstellungen herauslösen sollten.
Wirtschafts-News: Sie waren dagegen…
Kardinal Lehmann: Ja, ich war dagegen, es war mir aber klar, dass ich am Ende nicht selbst entscheiden kann. Nur war mir auch klar, dass wir deshalb die Tätigkeit nicht gänzlich aufgeben. Und zwei Monate später wussten wir, dass wir das Projekt auf unsere Weise weiterführen. So haben wir heute das „Netzwerk Leben“, bei dem sich Frauen in Not – es sind vor allem Alleinerziehende – schnell und unbürokratisch helfen lassen können. Und so ist es für mich ganz selbstverständlich, dass ich das Preisgeld des gestrigen Abends – 1.111,11 Euro – dem „Netzwerk Leben“ zur Verfügung stelle. Genauso wie fast alle Honorare, die ich bekomme.
Wirtschafts-News: Ein wesentlicher Punkt Ihrer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen bezieht sich auf die Vermittlung von Werten. Wie können Sie der heutigen Kinder- und Jugendgeneration Werte vermitteln, und welche Werte sind Ihrer Meinung nach verloren gegangen und müssen neu vermittelt werden?
Kardinal Lehmann: Die Vermittlung von Werten ist die Voraussetzung für das praktische Tun. Dabei ist die alltägliche Aufgabe eines Bischofs, in der Verkündigung, in Predigten, bei Grundsatzreferaten und Begegnungen Werte zu vermitteln und zu verkünden. Ein Beispiel ist die „Woche für das Leben“, eine Initiative der katholischen und evangelischen Kirche, bei der ganz unterschiedliche, auch sehr aktuelle Themen wie der Schutz des Lebens, Klimaveränderung, Artenerhalt oder Demographie angesprochen werden. Die dafür vorbereiteten Materialien sind so wertvoll, dass sie auch an Schulen weitergereicht werden.
Wirtschafts-News: Aber wie ist es mit ganz einfachen, konkreten Werten wie Hilfsbereitschaft oder Nächstenliebe? Zu solchen Werten haben viele Kinder und Jugendliche, vornehmlich aus sozialen Randgruppen, oftmals keinen Zugang, weil sie ihnen einfach nicht vermittelt werden. Zudem gibt es immer mehr Kirchenaustritte. Im Jahr 2008 waren es in Deutschland über 120.000. Ist hierfür eine falsche Wertevermittlung ursächlich, und wie kann die Kirche an diese Menschen herantreten?
Kardinal Lehmann: Das mag öffentlich vielleicht nicht immer erkennbar sein, aber wir tun einiges für Kinder und Jugendliche aus allen sozialen Bereichen. Viele werden beispielsweise in unseren Institutionen aktiv, sei es durch Praktika in Krankenhäusern, sei es durch den Zivildienst, und beginnen dadurch nachzudenken. Wir haben Schulpsychologen, die hervorragende Arbeit leisten; die Jugendämter und die Jugendverbände helfen ebenfalls sehr aktiv bei der Wertevermittlung. Aber natürlich kann man nie alle erreichen.
Wirtschafts-News: Der Preis „Ritter vom Mainzer Jockelche“ wurde Ihnen nicht nur für Ihr Jugendengagement verliehen, sondern Sie bekamen ihn auch von einer ganz bestimmten Organisation: der Kleppergarde, der zweitältesten Mainzer Fastnachtsgarde. 2005 wurden Sie außerdem mit dem Orden „Wider den tierischen Ernst“ ausgezeichnet, der an Personen verliehen wird, die „Humor im Amt“ bewiesen haben. Das sind Gründe, den Humor als unseren zweiten Schwerpunkt zu thematisieren. Starten wir entsprechend mit einer etwas legeren Frage: Eminenz, haben Sie einen Lieblingswitz?
Kardinal Lehmann: Nein, das habe ich nicht (lacht). Ich erfreue mich mal über den einen oder anderen Witz, den ich höre, aber komischerweise kann ich mir die nicht merken. Es gibt allerdings witzige Situationen, die einem im Gedächtnis bleiben. So bin ich in der DDR mal in eine Verkehrskontrolle gekommen, bei der auch ein Förster kontrolliert wurde. Der musste Bußgeld zahlen – ich weiß nicht mehr wofür. Als der Polizist kassiert hatte, meinte der Jäger: „So, jetzt bin ich dran. Hier ist ein Wald, und Sie rauchen. Also müssen Sie jetzt Bußgeld zahlen“.
Wirtschafts-News: Sören Kierkegaard, der dänische Philosoph und Theologe, betrachtete Glauben und Humor als zwei einander ausschließende Existenzsphären. Lachen habe, sagte er, in einer Religion keinen Raum, die das Leiden so sehr betont wie das Christentum. Sind Ihrer Meinung nach Humor und Lachen mit dem christlichen Glauben vereinbar?
Kardinal Lehmann: Das Christentum verschließt selbstverständlich nicht die Augen vor dem Leiden. Ich bin sogar der festen Überzeugung, dass man sich an Leid nicht vorbeimogeln sollte; gerade der Blick auf das Kreuz nötigt einen dazu, dem Leid ins Auge zu sehen.
Aber ein völlig humorloser Glaube wäre ein Missverständnis. Auch deshalb, weil ich sagen kann: „Komme, was da wolle, ich habe immer noch eine Hoffnung, ich habe immer noch die Gewissheit, dass ich nicht im Elend untergehe.“ Nehmen wir zum Beispiel Haiti. Gerade der starke Glaube hilft den Menschen dort, sich trotz der verheerenden Katastrophe nicht unterkriegen zu lassen.
In gewisser Weise hat Kierkegaard recht: Es gibt eine dunkle Seite in der Beschreibung des Christlichen und manchmal auch in der Selbstwahrnehmung – aber diese Idee ist meiner Meinung nach falsch. Gerade die großen Heiligen hatten zum Teil einen unglaublichen Humor. Franz von Assisi zum Beispiel hatte eine große Leichtigkeit im Umgang mit seiner Umwelt und auch im Umgang mit sich selbst. Echte Freude, Heiterkeit und Gelassenheit gehören einfach zum richtig verstandenen Glauben. Oder nehmen Sie Don Bosco mit seinem Humor, der in Turin und durch die von ihm gegründeten Salesianer sich der Kinder aus dem Elend annahm.
Wirtschafts-News: Kommen Humor und Lachen in der Bibel vor?
Kardinal Lehmann: Oh, ich habe mal vor bestimmt 30 Jahren einen Aufsatz geschrieben über Jesus und die Freude. Damals, als ich das Thema annahm, dachte ich: „Na, da kann ich ja nicht viel schreiben“, aber als ich das Neue Testament absuchte, war ich überrascht, wie viel ich fand.
Wirtschafts-News: Es gibt auch Humorformen, die durch ihre kritische Natur Empörung hervorrufen können, wie etwa die Satire oder die Karikatur. Der Karikaturenstreit zum Beispiel hat eine erschreckend gewalttätige Reaktion hervorgerufen. Vor kurzem erst wurde ein Anschlag auf den dänischen Karikaturenzeichner verübt. Eines Ihrer Statements zum Karikaturenstreit war folgender: „Satiren oder Karikaturen, die zur Meinungsfreiheit in demokratischen Gemeinwesen gehören, werden dann problematisch, wenn sie an Kernbestände eines religiösen Bekenntnisses rühren.“ Die Frage ist: wann ist der Zeitpunkt, an dem Sie diesen Kernbestand verletzt sehen?
Kardinal Lehmann: Das ist von den Grundsätzen her nicht einfach zu beantworten, da es hier sehr stark auf den Einzelfall ankommt. Bei dem Beispiel der Mohammedkarikatur muss man natürlich wissen, wie unanfechtbar für einen Muslimen die Gestalt Mohammeds ist. Aber auch, dass viele Muslime genauso das Lachen kennen und nicht ausschließlich ein todernstes Verhältnis zu heiligen Dingen haben. Wichtig ist meiner Meinung nach, dass man demjenigen, den man mit einer Satire verletzt, auch am nächsten Tag noch in die Augen sehen kann. Man sollte sich in einer guten Satire wiedererkennen können und ertappt fühlen – aber sie darf keine große Bitterkeit hinterlassen. Ansonsten ist die Grenze überschritten.
Redaktion: Kerstin Petry, Bernd Wildemann

