Große Wirkung für kleines Geld
Seit nunmehr zehn Jahren stellen Studenten der Universität Mainz Firmen ihre Beraterdienste zur Verfügung – und müssen sich dabei nicht hinter den Branchengrößen verstecken.

Ende 2009 muss ein Businessplan für den neuen Masterstudiengang „Nano- und Optoelektronik & Leistungselektronik“ der Universität Stuttgart her. Beauftragt wurde nicht etwa McKinsey, sondern der studentische Verein „berater e. V.“ aus Mainz. Innerhalb sehr kurzer Zeit erarbeiten die Mainzer Studenten den Businessplan und zwar so gut, dass sie dafür von der baden-württembergischen Regierung ausgezeichnet werden. Für Benedikt Schnellbächer, Vorsitzender von „berater e.V.“, zeigt dieser Erfolg die besondere Qualität des studentischen Vereins: „nämlich die Verbindung von Theorie und Praxis.“ Seit inzwischen zehn Jahren wird besonders auf diese Korrelation Wert gelegt. Der Verein ist sehr attraktiv für Studenten, da er die Möglichkeit bietet, sich praxisnah während des Semesterbetriebs zu engagieren. Gerade in den stark strukturierten und teils recht überladenen Bachelorstudiengängen fehlt vielen die Zeit, monatelange Praktika zu absolvieren, und Praktikumsplätze während der Semesterferien sind schwer zu ergattern. Da kommt ein Hochschulverein wie „berater e.V.“ manch einem gerade recht.
Von Profis geschult
Seine Angebote richtet der Verein gezielt auf die klassische Beratung von kleineren und mittelständischen Unternehmen, wobei die Auftraggeber aus den verschiedensten Geschäftszweigen stammen. Gegründet wurde der Verein 1990 von Studenten der Universität Mainz, derzeit hat er 60 Mitglieder. Er ist dem Dachverband „Junior Consultant Network“ als einer von 23 deutschlandweiten Hochschulstandorten untergeordnet. Diese stehen miteinander in engem Kontakt und treffen sich halbjährlich zu einem Schulungswochenende. Während des zehnjährigen Vereinsbestehens konnten 50 Projekte abgeschlossen werden. Sehr viele Mitglieder sind Studenten der Wirtschaftwissenschaften, jedoch versteht sich der Verein vor allem als interdisziplinärer Zusammenschluss mit dem Ziel, sich Praxiserfahrung anzueignen. „Gerade diese Interdisziplinarität ist eine unserer Stärken. Die unterschiedlichen Ausbildungshintergründe fördern vor allem die Entwicklung kreativer Lösungsansätze, die auf jeden Kunden persönlich zugeschnitten sind“, erklärt Schnellbächer. Dabei richtet sich „berater e. V.“ nicht nur an Studenten, die eine Karriere in einem Beratungsunternehmen anstreben. Schnellbächer betont vielmehr, „dass in der Vereinsarbeit bei ‚berater e.V.’ viele allgemein nützliche Kompetenzen wie selbstständige Problemlösung oder die Umsetzung theoretischen Wissens in die Praxis ausgebildet werden.“
Neben der Projektarbeit liegt der Fokus auf Schulungen. Diese werden intern durch Vereinsmitglieder oder Professoren angeboten oder extern geleitet – in der Vergangenheit etwa von Vertretern der Firmen BASF oder McKinsey. Die Themen sind offen, so dass sich Mitglieder sowohl einen fächerübergreifenden als auch fachspezifischen Einblick in unterschiedliche Bereiche verschaffen können. Generell lassen sich die Schulungsinhalte in die Module Beratungsgrundlagen, Projektmanagement, Qualitätsmanagement sowie Recht und Finanzen kategorisieren. Jedes Mitglied, das ein Zertifikat als Certified Junior Consultant (CJC) erhalten möchte, muss in jedem dieser Ressorts an Schulungen teilgenommen haben. „Dieses Zertifikat attestiert einem Studenten Engagement, Kenntnisse in unterschiedlichen Schulungsbereichen sowie Praxiserfahrung. Ein solches Zeugnis kann bei der Bewerbung sehr hilfreich sein“, weiß der Vorsitzende.
Neumitglieder bekommen kurz nach ihrem Einstieg bei „berater e. V.“ ein erfahrenes Vereinsmitglied als Mentor zugeteilt. Der Mentor hilft dem Novizen bei der Einarbeitung und betreut ihn auch während der ersten praktischen Tätigkeiten. Schnellbächer unterstreicht den Nutzen dieses Mentorenprogramms für das Funktionieren des Vereins: „Der jeweilige Mentor hilft dem Neuling bei dem Sprung von der Theorie in die Praxis bis zur Vollmitgliedschaft. Außerdem entsteht zwischen Neumitglied und Mentor oftmals eine enge persönliche Beziehung.“ Ein gewichtiger Vorteil der studentisch organisierten Unternehmensberatung ist laut Schnellbächer zudem, dass es keine Berührungsängste auf Seiten der zumeist kleinen und mittelständischen Unternehmen gebe, die sich zum Teil noch nie mit dem Thema Beratung auseinandergesetzt haben.
Als Studenten sind den Vereinsmitgliedern neueste wissenschaftliche Forschungen, Erkenntnisse und Theorien bekannt. Bei sehr komplexen Problemstellungen können sie aber auch Hilfe von Dozenten, die als Kuratoren fungieren sowie von Partnern aus der freien Wirtschaft in Anspruch nehmen. Die im Verein fokussierte Interdisziplinarität trägt dazu bei, dass Aufträge von Kunden multiperspektivisch betrachtet werden und so teils sehr kreative Lösungsansätze gefunden werden. Und Schnellbächer nennt noch einen entscheidenden Vorteil für die Auftraggeber: „Unsere Arbeit ist kostengünstig.“
Jörg Schulte, Professor an der Stuttgarter Universität, der „berater e. V.“ für die Konzeption des preisgekrönten Businessplans beauftragt hatte, teilt diese Einschätzung: „ Für ein neues Projekt dieses Größenrahmens würde ich jederzeit wieder „berater e. V.“ engagieren, da sie flexibel, schnell und unkompliziert zu einem fairen Preis arbeiten.“ Mit den Ergebnissen des Vereins ist er äußerst zufrieden, schließlich bildete der Businessplan eine solide Basis für die Förderung des neuen Masterstudiengangs durch das Ministerium. Bei hauptberuflich organisierten Unternehmensberatungen, so Schulte, „ zahlt man teils auch für den prestigeträchtigen Namen und nicht nur für die reine Arbeitsleistung.“
Am Ende steht die Erfolgskontrolle
Die Bearbeitung eines Projekts verläuft zumeist in vier Arbeitsphasen: Zunächst wird in einem Erstgespräch der Erwartungshorizont des Kunden geklärt, woraufhin ein unverbindliches Angebot erstellt wird. Wenn die Inhalte des Projekts feststehen, stellt der Projektleiter ein Team von Studenten zusammen, deren Kenntnisse zu den Herausforderungen des spezifischen Auftrags passen. Dieses Team gründet eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR), die formal als Vertragspartner fungiert. In der eigentlichen Projektphase arbeitet das beauftragte Team an der Verwirklichung des Konzeptes, wobei es während dieser Phase die eigenen Arbeitsergebnisse wiederholt mit den zuvor im Angebot gesetzten Zielen abgleicht. Nach Abschluss des Projekts gibt es eine Erfolgskontrolle, in der sich das Team analytisch mit der Umsetzung ihrer Ergebnisse beschäftigt. „Dabei geht es vor allem um Qualitätsmanagement“, sagt der Vorsitzende, „also um die Gewährleistung von qualitativ hochwertigen Resultaten.“
Neben der Erstellung von Businessplänen – wie eben jener prämierte zum Stuttgarter Masterstudiengang – beschäftigt sich „berater e. v.“ auch mit der Erstellung von Studien. So führte der Verein eine Untersuchung über die Finanzierungsrichtlinien MiFID (Markets in Financial Instruments Directive) durch. Dabei wurden 250 Bankmitarbeiter sowie 250 Kunden befragt. Weitere Studien befassten sich mit der Abgeltungssteuer oder der Zufriedenheit von Kunden der Lufthansa Cargo AG.
Hochschulintern arbeitet der Verein derzeit an einer Imagekampagne des Fachbereiches Wirtschaftswissenschaften. So entsteht gerade ein Imagefilm, der später im Internetauftritt des Fachbereichs präsentiert werden soll. Schnellbächer erläutert, dass bei „berater e. V.“ dieses Projekt die enge Verbindung zwischen Fachbereich, also universitärer Struktur, und Verein auszeichnet. In Zukunft will der Verein auch jenseits der Wirtschaftswissenschaften noch präsenter sein. „Wir würden uns auch sehr freuen, wenn wir Kontakte zu anderen Fachbereichen aufbauen beziehungsweise intensivieren könnten.“ Denn die Kreativität, die bei der Unternehmensberatung eine tragende Rolle spielt, kennt keine Fächergrenzen.
Nähere Informationen und Kontaktadressen unter:
www.berater-mainz.de bzw. unter 06131-3920878
Redaktion: Amelie Pluschke
