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Die Stadt unter der Stadt: Oppenheims Kellerlabyrinth

Kellerlabyrinth: Die unterirdischen Gänge in Oppenheim

Die Oppenheimer Altstadt ist zu weiten Teilen unterkellert und durch unterirdische Gänge miteinander verbunden. Das dadurch entstandene Kellerlabyrinth ist ein Kulturdenkmal, das in Deutschland seinesgleichen sucht.

Lange Zeit beachtete niemand die Existenz des unterirdischen Labyrinths, bis es durch einige unerfreuliche Einstürze wieder auf sich aufmerksam machte. So verschwand nicht nur ein Polizeiauto 1986 in der Erde, auch eine Frau, die gerade ihren Garten bewässerte, wunderte sich nicht wenig, als ein Stück Rasen neben ihr plötzlich drei Meter in die Tiefe stürzte. Zudem musste auch das Kopfsteinpflaster in der Altstadt gesperrt und teuer saniert werden, waren doch Steine daraus in den Tiefen der Keller verschwunden.

Kultur im Keller
Diese nicht ungefährlichen Ereignisse waren für die Stadtoberen Anlass, über den weiteren Umgang mit den vorhandenen Kellern nachzudenken. So fand im Jahr 1990 ein internationaler Kongress zu diesem Thema statt, bei dem herauskam, was viele bereits befürchtet hatten: Durch die lange Vernachlässigung war das Gangsystem marode und brüchig – der Untergrund musste dringend saniert werden. Ein aufwändiges und kostspieliges Vorhaben. Doch wie sagt man so schön? Selten Schaden, wo kein Nutzen: Heute, nach der gründlichen Sanierung, ist das Kellerlabyrinth nicht nur einsturzsicher, sondern auch ein Ort des kulturellen Lebens und der Begegnung mit der Geschichte Oppenheims. Seit 2003 sind einige der Gänge für Besichtigungen und Führungen geöffnet. Zahlreiche Häuser nutzen ihre Keller außerdem für private Weinproben oder Feierlichkeiten und während der Oppenheimer Festspiele sind die Keller atmosphärischer Schauplatz für zahlreiche Theateraufführungen.

Unterirdischer Schutz- und Lagerraum
Doch wie lange existiert das Kellerlabyrinth überhaupt schon und zu welchem Zweck haben die Oppenheimer Bürger diese Keller angelegt? Eines vorweg: Alle Angaben zu Entstehungszeit und Nutzung der Keller sind mehr oder weniger Spekulation, denn leider sind nur wenige verlässliche Quellen zur Oppenheimer Unterwelt vorhanden. Laut Expertenschätzungen geht die Entstehungszeit der Keller allerdings bis ins 13. Jahrhundert zurück. Eine genaue Datierung ist deshalb so schwierig, weil gängige Datierungsmethoden wie die Dendrochronologie, bei der die Jahresringe von Bäumen gezählt werden, nicht anwendbar sind. Nur eine relative Chronologie, das heißt eine Einschätzung, welche Bereiche einer Anlage älter, beziehungsweise jünger sind, lässt sich annährend ermitteln. Relativ sicher ist deshalb die Annahme, dass die Kellerräume vor den sie verbindenden Gängen entstanden sind. Das würde bedeuten, dass der Anlage ein Gesamtplan nicht zugrunde liegt, sondern jeder Hausbesitzer zunächst selbst unter seinem Haus zu graben begann. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass an mehreren Stellen einige Ebenen übereinander lagern, die unabhängig voneinander verlaufen – viele Baumeister wussten wahrscheinlich nichts von ihren über oder unter ihnen befindlichen Kellernachbarn.

Buddeln für Bier
Genau wie über die Entstehungszeit kann auch über den Sinn und Zweck der zahlreichen Buddelaktivitäten nur spekuliert werden. Der Bauhistoriker Lorenz Frank und die Kunsthistorikerin Anke Behmer, die zehn Jahre lang die Keller und Ganganlagen erforschten, nehmen an, dass diese vor allem als Lagerraum benutzt wurden. Nachdem Oppenheim 1226 zur Freien Reichsstadt erhoben wurde, wuchs auch die Bedeutung des Handels für die Stadt. Da Oppenheim genau zwischen Rhein und den Bergen lag, war es schwer, die Stadt zu vergrößern, ohne ihre militärisch günstige Lage einzubüßen. Andererseits benötigte der aufblühende Handel neuen Lagerraum. Die Lösung war eine Stadterweiterung in die Tiefe. In den unterirdisch geschaffenen Hohlräumen lagerten die Handelsleute wahrscheinlich Lebensmittel aller Art. Das Oppenheimer Erdreich war denn auch wie geschaffen für diesen Zweck, garantierte doch das konstant kühle Klima eine lange Haltbarkeit.

Eine weitere Vermutung ist, dass in den Kellern Bier gelagert wurde. Im Mittelalter und der frühen Neuzeit gab es bis zu 17 Brauereien in der Stadt. Da Bier damals außerdem Grundnahrungsmittel war und in rauen Mengen konsumiert wurde, liegt dieser Schluss nahe.

Unstrittig ist ein zweiter Nutzungsgrund: Die Oppenheimer benutzten die Keller in Notzeiten immer wieder als Zufluchtstätte. Etwa im zweiten Weltkrieg, als die „Stadt unter der Stadt“ als Luftschutzbunker diente. In dieser Zeit soll sogar noch ein intaktes unterirdisches Wegesystem bestanden haben, das heute aber nur noch erahnt werden kann, denn zahlreiche Bautätigkeiten nach dem Krieg und Abmauerungen zerstörten das ehemalige Wegesystem. Bis heute sind circa 600 der Einzelanlagen erfasst, beziehungsweise entdeckt worden. Ein Großteil dieser Anlagen harrt noch der genauen Vermessung und Dokumentation.

Idealer Boden für Kelleranlagen
Geht man davon aus, dass die Kelleranlagen bereits im 13. Jahrhundert entstanden sind, ist es verwunderlich, dass das Labyrinth so lange intakt blieb und es nicht schon viel früher zu Tageseinbrüchen kam. Die Erklärung für die außergewöhnliche Stabilität ist der sehr robuste Oppenheimer Untergrund, der an manchen Stellen aus einer bis zu acht Meter dicken Lößlehmschicht besteht. Die Lößlehmschicht ist eine Mischung aus Lehm und Sand, die leicht zu bearbeiten, aber dennoch – durch ein Kalkgerüst im Inneren – sehr widerstandsfähig ist. Problematisch wird es, wenn das empfindliche Gleichgewicht des Lösses durch Wassereintritt aus den Fugen gerät. Dann wird der Lehm ausgewaschen und fließt in die vorhandenen Gewölbe, wodurch sich unter Häusern und Straßen gefährliche Sekundärhohlräumen bilden. Auch die Stabilität der Gewölbe ist damit gefährdet. In einem solchen Zustand kommt es dann zu Tageseinbrüchen, womit wir wieder angelangt wären im Jahre 1986 und dem Einsturz des Polizeiwagens.

Führungen durch die Unterwelt
Nach den Tageseinbrüchen Ende der 80er Jahre wurde beschlossen, das Labyrinth zu sanieren, es dabei als Kulturdenkmal zu erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ein Rundgang unter dem Stadtzentrum war das Ziel, dessen Erreichen allerdings mit einigem Aufwand verbunden war: Zahlreiche Gänge lagen voll mit Erde und Unrat, andere waren einsturzgefährdet. Zudem mussten, um einen Rundgang zu erhalten, neue Gänge angelegt werden. Besonders unterhalb der Straßen war die Stabilisierung schwierig, denn der Untergrund musste auch die nicht geringe Verkehrsbelastung aushalten. Die Lösung waren 20 Zentimeter dicke Stahlmatten aus Spritzbeton, mit denen die Ganggewölbe ausgekleidet wurden.

Solche Maßnahmen hören sich nach garantierter Sicherheit an und so lassen sich Führungen in die spannende und geschichtsträchtige Unterwelt Oppenheims unbeschwert genießen. Feste Führungen finden samstags um 12.00 und 13.30 Uhr sowie sonntags und feiertags um 11.30, 13.30, 14.30 und 15.45 Uhr statt, aber auch individuelle Gruppenführungen sind möglich.

Kontakt
Stadt Oppenheim
Tel: 0 61 33 / 49 09 14 /-19
Fax: 06133 - 49 09 29
info@stadt-oppenheim.de
Eintritt:
Erwachsene: 6,00 Euro
Kinder von 5-14 Jahren: 2,50 Euro
Kinder unter 5 Jahren: frei

Redaktion: Kerstin Petry