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Die Glücksfrage

In Deutschland geht es dem Großteil der Menschen materiell gut, um Rechte und Freiheiten ist es ebenfalls vergleichsweise gut bestellt. Dennoch zeigen Erhebungen immer wieder, dass viele Menschen unzufrieden sind. Parallel scheint das Thema „Glück“ seit einiger Zeit allgegenwärtig zu sein. Sogar als Schulfach wird „Glück“ inzwischen angeboten. Was ist aber Glück und kann man glücklich sein wirklich lernen?

Günstige Fügung des Schicksals, Zufall, Dusel, Freude, Segen, Hochgefühl – dies sind nur einige Begriffe, die sich im Synonymwörterbuch unter „Glück“ finden. Was denn nun – kommt Glück von außen oder von innen? Passiert es einem oder kann man es selbst erzeugen? Hat man überhaupt ein Anrecht auf Glück? Wird der Begriff derzeit gar überstrapaziert und Glück damit überbewertet? Oder greifen die Medien von Frauenzeitschrift bis Nachrichtenmagazin nur das auf, was die Gesellschaft gerade bewegt? Allein diese Eingangsüberlegungen verdeutlichen, mit welch komplexen Thema wir es zu tun haben.

Glückssalat – ja wovon sprechen wir eigentlich?

Die Definition von und das Rezept für Glück hat schon die Philosophen der griechischen Antike beschäftigt. Der moderne Philosoph und Autor Wilhelm Schmid hat sich viele der eingangs erwähnten Fragen ebenfalls gestellt und weist zumindest auf die Ursache des Problems mit der Begrifflichkeit hin: Im Deutschen gibt es eben nur ein Wort, während andere Sprachen trennschärfer sind. Die englische Sprache unterscheidet beispielsweise zwischen dem Zufalls- oder Schicksalsglück („fortune“, „luck“) und dem Zufriedenheitsglück („happiness“), ähnlich ist es im Spanischen. Schmid löst das Problem, indem er trennschärfere Begriffe wie „Zufallsglück“, „Wohlfühlglück“ und „Glück der Fülle“ einführt. Letztlich lässt es sich vielleicht herunter brechen auf: Glück haben oder glücklich sein. Neben der Frage, ob das Glück schicksalhaft von außen kommt, oder ob es eine Person in Form von Freude oder Hochgefühl in sich trägt, gibt es einen weiteren wichtigen Faktor bei der Glücksbetrachtung: die zeitliche Dimension des Glücks. Das neue Kleidungsstück, das tolle Geburtstagsgeschenk, eine wilde Partynacht – vieles beschert uns nur ein kurzes, intensives Hoch, das rasch wieder abklingt. Aber sehnen wir uns alle nicht eigentlich nach einem nachhaltigen Wohlbefinden? Diese Frage würden sicherlich viele Menschen bejahen. Also lieber Zufriedenheit als Euphorie. Doch wie kommen wir dahin?
 
Gebrauchsanweisung? Alles Einstellungssache!

Fest steht: Zahlreiche Rahmenbedingungen, unter denen wir leben, können wir nicht allein und unabhängig ändern. Wir haben keinen Einfluss darauf, in welche wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse oder wo wir auf der Welt geboren werden. Wir können einen gesunden Lebensstil pflegen und trotzdem schwer krank werden. Wir sind gut ausgebildet und geben im Job alles, aber trotzdem werden wir arbeitslos. Wir gehen wählen, um unser Land mit zu gestalten, aber die Politiker entscheiden trotzdem anders, als wir es erwartet haben. Müssen wir uns deshalb automatisch unglücklich fühlen? Nö. Sicher wirken diese Betrachtungen zunächst einmal negativ. Aber entscheidend ist letztlich die Haltung, die der Einzelne dazu einnimmt. Und genau die lässt sich lernen. Wenn man möchte. Es steht selbstverständlich allen Individuen offen, weiterhin als frustrierter, sauertöpfischer, unfreundlicher Griesgram durchs Leben zu stapfen. Doch mal ehrlich: Wer will das ernsthaft? Bei der Erlernbarkeit setzt auch die Willy-Hellpach-Schule an. Seit September 2007 steht bei der Heidelberger Schule das Fach „Glück“ auf dem Lehrplan. „Ziel ist die Förderung von persönlicher Zufriedenheit, Selbstsicherheit, Selbstverantwortung und sozialer Verantwortung“, sagte der damals verantwortliche Direktor Ernst Fritz-Schubert zur Glücks-Premiere an deutschen Schulen. Dabei gehe es darum, die Empfangsbereitschaft der Jugendlichen für Glücksmomente schärfen, individuelles Glück erlernbar zu machen und sie dabei unterstützen, eine eigene Wertehierarchie zu entwickeln. Die ersten Untersuchungen haben gezeigt, dass die Heidelberger Schüler nach einem Jahr Unterricht bei verschiedenen Pädagogen, Therapeuten und anderen externen Trainern sich selbst und ihre eigenen Bedürfnisse bereits viel besser kennengelernt hatten – und somit in der Schule ein Grundstein für Zufriedenheit gelegt wurde.

Aufmerksam durch den Alltag

Waren Sie in letzter Zeit morgens mal spät dran, haben aber trotzdem noch den Bus erwischt? Haben Sie unerwartet in der vollen Innenstadt einen Parkplatz gefunden? Wie schön! Und haben sie sich darüber gefreut? Und wenn ja: wie lange? Häufig gehen diese erfreulichen kleinen Alltagsbegebenheiten völlig an uns vorbei, weil unser Bewusstsein überhaupt nicht dafür geschärft ist. Kein Wunder, oftmals hetzen wir ja ziemlich gestresst durch eine komplexe Welt. Können Sie heute noch drei Dinge nennen, über die Sie sich gestern gefreut haben? Keine Angst, die Wahrnehmung lässt sich schulen. Um die Sinne entsprechend zu schärfen, empfehlen Psychotherapeuten ihren Patienten häufig, ein „Freude-Tagebuch“ anzulegen, in dem sie täglich mindestens drei positive Erlebnisse notieren. Auch für Menschen ohne Seelenleiden hat sich diese Methode bewährt. Bis alte Denkmuster umgeschult sind, braucht es Zeit, aber die Geduld lohnt sich.  Klingt Ihnen das noch zu abstrakt? Dann helfen Ihnen vielleicht diese Anregungen. Gehen Sie aufmerksam durchs Leben und halten Sie einen Augenblick inne, wenn beim nächsten Spaziergang ein Eichhörnchen über den Weg läuft. Vergessen Sie das Genießen nicht: Schmecken Sie morgens den Kaffee intensiv nach, statt ihn gehetzt die Kehle hinunter zu stürzen. Atmen Sie die Luft oder ihren Lieblingsduft tief und bewusst ein. Würdigen Sie die schönen Augenblicke mit Freunden. Spenden Sie selbst Freude: Schicken Sie Menschen, die Ihnen wichtig sind, doch einfach zwischendurch mal eine Postkarte mit lieben Grüßen. Machen Sie Komplimente. Lächeln Sie anderen zu.

Gut zu sich selbst sein
Ein wichtiger Aspekt, der schon bei den Heidelberger Glücksschülern angesprochen wurde, ist das Erkennen von eigenen Bedürfnissen. Experten der Achtsamkeitsschule sprechen von der sogenannten Selbstfürsorge. Selbstfürsorglich handelt, wer achtsam mit seinen Bedürfnissen, Gefühlen und Kräften umgeht. Gerade in heutigen Zeit mit ihren Arbeitsbedingungen und Sozialgefügen ist es wichtiger geworden, rechtzeitig das Tempo zu drosseln und sich zum Ausgleich etwas Gutes zu tun. Nicht umsonst sprechen Therapeuten von einem „Befindenskonto“: Verbucht man zu viele Einträge auf der negativen Seite, gerät man aus der Balance. Natürlich lassen sich nicht auf einen Schlag alle Anforderungen, die das Leben an einen stellt, sofort reduzieren. Aber schon das Abgrenzen ist ein erster Schritt. Hilfreich ist auch die Frage: Was würde ich einem guten Freund in dieser Situation raten? Schnell ist dann enttarnt, dass man mit seinen Mitmenschen wesentlich nachsichtiger umgeht, als mit sich selbst.

Glück erforscht

Nach Ansicht des Heidelberger Professors Wolfgang Knörzer muss der Mensch vier Grundbedürfnisse befriedigen, um glücklich zu sein: starke Bindungen, Orientierung und Kontrolle, Lustgewinn sowie Selbstwerterhöhung. Globalisierung, Individualisierung, Finanzkrise, Mobilisierung, Flexibilisierung – keine idealen Rahmenbedingungen für diese Grundbedürfnisse. Der Orientierung und Bindung steht inzwischen häufig der Verfall traditioneller soziale Netze wie der Familie entgegen, die früher maßgeblich für die Vermittlung von Normen, Verhaltensweisen, Lebenskompetenzen zuständig waren. Ernst Gehmacher dagegen, der als Professor für Soziologie und Psychologie seit Jahren das Glück erforscht, ist überzeugt, dass nachhaltiges Glück durch Freundschaft, Zuwendung sowie das Gefühl, eine sinnvolle Arbeit zu tun, entsteht. Letztlich bleibt Glück und Glücksempfinden von vielerlei Einflussfaktoren abhängig, nicht zuletzt von individueller Wahrnehmung und biochemischen Prozessen in unserem Gehirn. Wer das jedoch als Chance begreift, sein Glück selbst in die Hand zu nehmen, lebt vermutlich selbstbestimmter – und kann vielleicht sogar wieder etwas mehr Authentizität in die Welt bringen.

Lesetipps
Wilhelm Schmid: Glück: Alles, was Sie darüber wissen müssen, und warum es nicht das Wichtigste im Leben ist

Eckart von Hirschhausen: Glück kommt selten allein
Ernst Fritz-Schubert: Schulfach Glück