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Geocaching in Bingen: Der Fluch der Koordinaten

Der Freizeitspaß Geocaching modernisiert die gute alte Schatzsuche - denn die Jagd nach versteckten Schätzen findet per Navigationsgerät statt. In Bingen führen erlebnisreiche Geocaching-Routen durch die Stadt.

Freizeitspaß mit moderner Technologie; Foto: Stadt Bingen

Überall warten sie auf ihre Entdecker: Schätze, die an mehr als 780.000 Orten auf der ganzen Welt verborgen liegen und die man per GPS-System und mittels im Internet veröffentlichter Koordinaten finden kann. Selbst in Afghanistan haben amerikanische Soldaten die kleinen Schätze – Caches genannt – ausgelegt. Man findet Schätze in der Antarktis, im abgelegenen Königreich Buthan und sogar in den Sanddünen der libyschen Wüste. Wer auf geocaching.com seine Postleitzahl angibt, kann herausfinden, auf welchen Koordinaten in seiner Nähe Caches versteckt sind. Und siehe da: Ich müsste nur im Vorgarten unseres Nachbarhauses suchen, und schon hätte ich meinen ersten Schatz gefunden. 50/50 heißt der Cache, der dort versteckt liegt, denn er befindet sich genau auf dem 50. Breitengrad und wurde zum 50. Geburtstag der Hausbesitzerin ausgelegt. Jetzt weiß ich auch, warum manchmal wildfremde Menschen unseren Nachbargarten durchsuchen.

Bingen auf Schnitzeljagd
Auch in Bingen kann man sich auf Schatzsuche per Satellitennavigation begeben: Die Stadt hat drei verschiedene Geocaching-Routen in ihr Tourismuskonzept integriert, mit denen man Bingen und seine Sehenswürdigkeiten erkunden kann: „Der Fluch der Koordinaten“, „Preußens Gloria“ und „Bergwerksleut’ und Waldgeister“. Die Stadtführung „Der Fluch der Koordinaten“ beispielsweise dauert 1,5 bis 3 Stunden und beginnt an der Tourist-Information. Mit einem Prospekt und GPS-System bewaffnet, das man gegen eine Gebühr von vier Euro und Pfand ausleihen kann, sucht man die erste Station auf. Die Koordinaten dazu findet man im Prospekt. An der ersten Station muss man eine Frage beantworten, mit deren Lösung man die Koordinaten der nächsten Station erhält. So begibt man sich auf Koordinatenjagd durch die Stadt und entdeckt dabei gleichzeitig Orte, die man als Otto Normaltourist wahrscheinlich nicht besuchen würde.
Hält man sich beim „Fluch der Koordinaten“ weitgehend innerhalb der Stadt auf, begibt man sich bei „Preußens Gloria“ auf eine 16 Kilometer lange Wandertour durch den Binger Wald und den gegenüberliegenden Niederwald. Hier wird es abenteuerlich und fantastisch: Die Tour handelt von „Waldfeen, Burgfräuleins, Wassergeistern, Zauberhöhlen und Rebenschwebern“. Integriert in die insgesamt 17 Stationen, für deren Suche eine Zeit von 6 bis 8 Stunden angesetzt ist, sind ein Besuch der Burg Rheinstein, Schifffahrten sowie Fahrten mit der Seilbahn Assmannshausen und der Seilbahn Rüdesheim. Der Preis für diese ganz besondere Geocaching-Tour durch zwei Bundesländer beträgt für Erwachsene 15 Euro. Darin sind alle Eintritte und Fahrtkosten enthalten. Hinzu kommt die Leihgebühr für das Gerät.
Egal für welche Route man sich entscheidet: Am Ende kann man sich als stolze Bezwinger aller Flüche und Geister in das Logbuch eintragen, das an der Tourist-Information ausliegt und das regelmäßig im Internet unter http//:www.bingen.de/de/2/logbuch.html veröffentlicht wird.
Mehr Informationen zu den Routen erhalten Sie bei der Hotline 0 67 21/ 18 42 05.

Ein Spiel geht um die Welt
Dass Städte und Ortschaften Geocaching in ihr Tourismus-Programm integrieren, ist noch relativ selten. Das elektronische  Spiel allerdings gibt es schon seit dem Jahr 2000: Am 3. Mai legte der Amerikaner Dave Ulmer den ersten Cache im Staat Oregon aus. Genau einen Tag zuvor hatte die Clinton-Regierung die Verzerrung der Satellitensignale abgeschaltet. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Signale durch das Hinzufügen künstlicher Fehler verändert worden. Für Otto-Normal-Navigierer war die Genauigkeit dadurch auf etwa 100 Meter beschränkt. Als Regel für das Spiel Geocaching formulierte der Erfinder: „get some stuff, leave some stuff“ – „Nimm Zeug heraus, hinterlasse Zeug“ und jeder, der den Cache fand, sollte sich in das darin befindliche Logbuch eintragen. Diese Regeln bilden auch heute noch die Basis des Spiels, das sich schnell über ganz Amerika und dann über die ganze Welt verbreitete. Schon nach einem Monat tauchte der erste Cache in Australien auf. Am 2. Oktober 2000 wurde der erste Cache in Deutschland in der Nähe von Berlin versteckt, er bekam den Namen „First Germany“. Auf der Internetseite geocaching.com wurden ein paar Monate nach Erfindung des Spiels Koordinaten für die verbreiteten Caches bekanntgegeben. Bis heute dient die Seite als Plattform für Geocacher.

Schatzsuche mit Taucherausrüstung
Seit der Anfangszeit im Jahr 2000 hat sich die Fangemeinde der Geocacher weltweit enorm vergrößert. Mittlerweile sind allein auf der Seite geocaching.com über 91.000 Spieler angemeldet. Genauso haben sich auch die Varianten der Caches weiterentwickelt: Man findet sie in natürlichen Nischen zwischen Felsen oder Baumwurzeln, in Mauerritzen oder alten Gebäuden. Mal sind sie leichter, mal schwerer zu finden, was mit einer Angabe zum Schwierigkeitsgrad der Wegstrecke, des Geländes und der mit dem Cache verbundenen Aufgaben im Internet dokumentiert und bewertet wird. Manche Caches sind nur mit spezieller Ausrüstung zu finden. Dann braucht man eine Taschenlampe, eine Bergsteiger- oder Taucherausrüstung. Manchmal muss man Rätsel und Rechenaufgaben lösen oder Höhlen erkunden – so wie bei der Bingen-Tour „Der Fluch der Koordinaten.“ Beliebt sind auch Multi-Caches: Hier findet man erst nach mehreren Hinweisen an verschiedenen Orten das eigentliche Versteck. Solche Caches können sich über mehrere Etappen oder Tage hinziehen. Egal welcher Art die Schätze sind und wie man sie findet: Das Schönste am Geocaching ist wohl, dass es auch technikbegeisterte Stubenhocker wieder raus in die Natur bringt. Plötzlich klettern erwachsene Menschen auf Bäume oder laufen mit Taschenlampen nachts durch die Wälder.

Der Weg ist das Ziel
Allein in Deutschland befinden sich zurzeit über 82.000 Caches. Im vergangenen Jahr hat sich die Zahl der Verstecke mehr als verdoppelt. Einige tausend Geocacher sind in Deutschland regelmäßig auf der Suche. Das Spiel bringt seine Fans nicht nur zurück zur Natur, sondern verbindet auch Generationen. Denn die Begeisterung zieht sich durch jede Altersgruppe. Die Idee, Geocaching als touristisches Angebot zu etablieren, entspricht ganz der eigentlichen Intention des Spiels. Denn bei der GPS-Schatzsuche geht es nicht um den eigentlichen Schatz – man wird nichts wirklich Wertvolles in den Behältern finden. Viel wichtiger ist es, Orte neu und aus ungewohnter Perspektive zu entdecken und dabei außergewöhnliche Wege zu beschreiten.

Lexikon:
• Geocaching: von griechisch geo „Erde“ und englisch cache „geheimes Lager“, gesprochen: Geokäsching, ist eine Art elektronische Schatzsuche oder Schnitzeljagd.  Die Verstecke werden anhand geographischer Koordinaten im Internet veröffentlicht und können anschließend mit Hilfe eines GPS-Empfängers gesucht werden.
• Cache: Bei einem Cache handelt es sich zumeist um einen festen, wasserdicht verschließbaren Behälter, der an einem bestimmten Ort versteckt wird und den die Geocacher finden müssen. In einem Cache befinden sich ein Logbuch sowie verschiedene Tauschgegenstände. Jeder Besucher trägt sich in das Logbuch ein, um seine erfolgreiche Suche zu dokumentieren. Anschließend wird der Cache wieder an der Stelle versteckt, an der er zuvor gefunden wurde. Der Fund wird im Internet auf der zugehörigen Seite vermerkt und gegebenenfalls durch Fotos ergänzt.
• Owner: Derjenige, der einen Cache versteckt, ist der Owner des Caches
• Logbuch: existiert sowohl digital im Internet als auch buchähnlich im Cache-Behälter. In beiden Versionen muss sich der Finder des Caches eintragen, um seinen Fund zu beweisen.
• GPS: Global Positioning System – satellitengestütztes Navigationssystem in das die Koordinaten der Caches eingetragen werden. GPS-Handgeräte sind ab circa 70 Euro im Elektrofachhandel erhältlich. Aber auch in Notebooks, Smartphones und PDA-Geräten gibt es häufig eine GPS-Funktion, die man benutzen kann.
• Trackables/Travel Bug: Neben normalen Tauschobjekten gibt es so genannte Trackables, zu denen die Travel Bugs zählen (englisch „bitten by the travel bug“ = „vom Reisefieber gepackt“). Dies sind Gegenstände, die von Geocachern von einem Cache zu einem anderen transportiert werden und deren dabei zurückgelegter Weg auf speziellen Internetseiten protokolliert wird.
• .LOC-Dateien: Dateien mit Wegpunkten, die z. B. mit EasyGPS ausgelesen auf einen GPS-Empfänger übertragen werden können.
• Muggel: Als Muggel werden Menschen bezeichnet, die nicht ins Geocaching eingeweiht sind. Damit Muggel Caches nicht entfernen oder zerstören, sollten die Caches gut getarnt werden und einen Aufklärungszettel für die Unwissenden beinhalten.

Redaktion: Kerstin Petry