. .

„Das klassische Vereinsleben gibt es nicht mehr“

Die Vereinsstruktur hat sich in den letzten Jahren massiv geändert. Jugendliche für Sport und somit auch für das Engagement in einem Verein zu motivieren, ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Wie man es als Verein trotz kleinen Budgets schaffen kann, Projekte ins Leben zu rufen, sie weiterzuführen und auszubauen und welche Rolle dabei die neuen Medien spielen, verrät Ralf Winkler, 1. Vorsitzender der DJK (Deutsche Jugend Kraft) Nieder-Olm.

Wirtschafts-News: Sie sind der Preisträger 2011 der Spendenaktion der Firma Aeterna Lichte. Den Preis erhalten Vereine, die sich durch ihren Einsatz für Menschen mit einem Handicap auszeichnen. Wie gestaltet sich Ihr Engagement in diesem Bereich und wofür setzen Sie das Preisgeld ein?

Ralf Winkler: Durch unsere Initiative „3-Punkte-für-die-Region“ sind wir automatisch in einen bundesweiten Wettbewerb aufgenommen worden. Der Initiator des Wettbewerbs hat sich für uns als Preisträger entschieden. Darauf sind wir sehr stolz. Wir arbeiten derzeit intensiv an der Umsetzung einer Rollstuhl-Basketballmannschaft, in der behinderte und nicht behinderte Menschen miteinander Sport machen sollen. Das ist seit langem ein großer Wunsch unseres Vereins. Wir hoffen, dass wir mit der Anschubfinanzierung, die uns der bundesweite Wettbewerb gebracht hat, eine Möglichkeit haben, dieses Projekt gezielt voranzutreiben.


Wirtschafts-News:
Werden Sie sich in Zukunft weiter in diesem Bereich engagieren?

Winkler: Auf jeden Fall. Vor zwei Jahren hätten wir nicht gedacht, dass dieser Weg auf eine solche Resonanz stößt. Wir haben in der laufenden Saison mit dem Kinderschutzbund, der eine Niederlassung in Nieder-Olm hat, einen neuen Partner gefunden, den wir unterstützen werden. Auch in dieser Spielzeit spenden wir also, mit Unterstützung der EWR AG, pro 3-Punkte-Wurf 3 Euro an eine soziale Einrichtung. Schirmherr ist übrigens der Nieder-Olmer Stadtbürgermeister Dieter Kuhl.

Wirtschafts-News:
Wie präsent ist der Vereinssport bei den Menschen in der Region?

Winkler: Das Vereinsleben, wie man es vor 15 Jahren kannte, gibt es nicht mehr. Kinder haben heutzutage zu viele Alternativen. Wenn man kein Basketball mehr spielen möchte, spielt man morgen Handball und übermorgen Tennis.
Basketball ist generell nicht so populär wie Fußball oder Handball – wir arbeiten aber daran. In der Region geht es primär um Basketball als Schulsport. Daher lenken wir unser Augenmerk auf die Zusammenarbeit mit Grundschulen der Verbandsgemeinde Nieder-Olm sowie den Orten Wörrstadt und Alzey. Die DJK arbeitet bereits seit 25 Jahren als Kooperationspartner mit dem Gymnasium Nieder-Olm zusammen. Wir sehen es als unsere Aufgabe, die Schulen im Sportbereich zu unterstützen und auch den Lehrkräften aktiv unter die Arme zu greifen. Unter anderem planen wir, einen Schulcup ins Leben zu rufen, bei dem die Schulgruppen der Verbandsgemeinde im Wettkampf gegeneinander antreten müssen. Unternehmen, die uns dabei unterstützen möchten, sind herzlich willkommen. Basketball kommt zunehmend ins Gespräch. Natürlich auch, weil namhafte Clubs wie Bayern München jetzt im Basketballsport aktiv sind und durch den Titelgewinn von Dirk Nowitzki in den USA, der zunehmend als Vorbild und Integrationsfigur auch für kleinere Vereine dient.


Wirtschafts-News:
Könnte der Regionalsport noch präsenter gestaltet werden und wenn ja, wie?

Winkler: Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, die aber nicht jeder Verein umsetzen kann. Viel hängt von den Mitgliedern ab. Jeder Verein muss bereit sein, sich den aktuellen Gegebenheiten anzupassen und weitere Organisationen einzubeziehen. Dazu gehören für mich ganz klar die Kirche und die Stadt. Wobei ich damit nicht meine, dass in einem Verein Politik gemacht werden soll. Ich meine die Stadt und die Region unabhängig von Parteien.

Wirtschafts-News: Warum haben Sie sich für diese ehrenamtliche Tätigkeit entschieden?

Winkler:
Zu der DJK kam ich zufällig. Ich bin kein Basketballer, habe keine Ahnung von dieser Sportart, bin aber begeisterter Zuschauer. Ich wusste, dass es Körbe gibt und wie der Ball aussieht. Aber dafür bin ich auch nicht gewählt worden, denn ich muss nicht spielen. Das macht die Mannschaft.
Der damalige Vorsitzende, Dr. Hans Valentin Kirchner, hat mich angesprochen. Da ich innerhalb von Nieder-Olm bereits als Ehrenamtler bekannt war, wusste er, dass ich nicht nein sagen würde. Im Laufe der Zeit wuchs meine Faszination für den Sport, aber auch für das Projekt, einen Verein zu führen. Wir haben immerhin 600 Mitglieder, sind nach dem TV Nieder-Olm mit 1.700 Mitgliedern der zweitgrößte Verein. Wir sind stolz darauf, dass wir inzwischen mit dem Herren-Team in der Regionalliga spielen, in jeder Altersklasse eine Mannschaft melden können und zu den größten und erfolgreichsten Basketballvereinen in Rheinland-Pfalz gehören. Das sind Punkte, die eine Vereinsarbeit leben lassen und Spaß machen.

Wirtschafts-News:
Gibt es auch Momente, wo Sie die ehrenamtliche Arbeit belastet?

Winkler:
Es gibt immer mal wieder Phasen, in denen man sich fragt: „Mache ich weiter, können mich die Aufgaben noch begeistern oder gebe ich das Amt ab?“. Der Reiz der Arbeit überwiegt aber. Der liegt vor allem darin zu zeigen: es geht auch anders, auch als kleiner Verein. Wir haben den Vorteil, dass wir, gemessen am Durchschnittsalter, ein sehr junger Verein sind. In der Regel fängt das bei 64 Jahren aufwärts an. Die DJK hat einen Vorstand, der etwas wagt, der bereit ist, sich neuen Entwicklungen zu öffnen, ohne das Ergebnis zu kennen. Wir haben beispielsweise unsere Diabetikersportgruppe zwei Jahre gemacht und dann festgestellt, dass es nicht angenommen wurde. In der Folge haben wir die Gruppe eingestellt. Das heißt aber nicht, dass Diabetikersport nie mehr in Frage kommt. Es kann sein, dass sich in diesem Bereich etwas ändert. Beispielsweise in Form der Gesundheitspolitik, wenn Kassen es für Betroffene zur Auflage machen, einen solchen Kurs zu besuchen. Dann sieht es auch für einen Verein wieder ganz anders aus.

Wirtschafts-News: Wie sehen die aktuellen Projekte aus?

Winkler:
Neu ist das Business-Netzwerk der DJK-Drachen. Wir haben in Nieder-Olm keinen Gewerbeverein mehr und das ist für eine Stadt mit der Infrastruktur unserer Region sehr schade. Mit unserem Business-Netzwerk bieten wir ansässigen Unternehmen eine Plattform, auf der sie sich austauschen können. Zudem können sie sich bei unseren Spielen über Bandenzüge und Visitenkartenständer vorstellen oder ihren Unternehmensfilm präsentieren. Außerdem erhalten die Gewerbetreibenden Freikarten für unsere Spiele und können sich über unsere Drachenpost den Lesern vorstellen. Ferner planen wir zwei Mal im Jahr ein Treffen aller teilnehmenden Unternehmen. Hier kann man sich kennenlernen und neue Verbindungen knüpfen. Sport trifft also Business!

Wirtschafts-News: Jugendarbeit ist ein zentraler Bereich des Vereins. Wie begeistern Sie Jugendliche für den Verein?

Winkler: Jugendliche zu gewinnen, ist in der heutigen Zeit sehr schwer. Wir können unser Ziel nur erreichen, indem wir uns allen Möglichkeiten der modernen Technik öffnen. Der klassische Jugendliche ist fit in „Facebook“, „Twitter“ und anderen sozialen Netzwerken. Wir dürfen diesen Trend nicht an uns vorbeiziehen lassen. Wenn es uns als moderner Verein gelingt, auf diesen Zug aufzuspringen, dann haben wir einen wichtigen Einstieg geschafft. Eine zentrale Rolle spielt dabei auch unser Schulkonzept. Wir leiten zweimal in der Woche Arbeitsgruppen zum Thema Basketball an der Grundschule in Zornheim. Bereits seit vier Jahren bieten wir im Nieder-Olmer Kindergarten Ballspiele an. Zudem ist da unsere Kindergruppe, die mittlerweile 25 Kleinkinder ab zweieinhalb Jahren umfasst. Ob die Kinder später sagen, sie wollen Basketball spielen, können wir jetzt noch nicht sagen. Aber wir sind präsent, zeigen den Jugendlichen und den Eltern, dass wir etwas machen. Diesen Weg wollen wir weitergehen.

Wirtschafts-News: Wie sieht die Jugendabteilung derzeit aus?

Winkler: Die Basketballwelt ist klein. Bei der Entscheidung, ob Jugendliche im Verein bleiben oder nicht, spielt der Trainer eine zentrale Rolle. Wenn zwischen Trainer und Spieler ein enges Verhältnis besteht, kann es durchaus sein, dass der Spieler gemeinsam mit dem Trainer den Verein verlässt. Das ist eine vollkommen normale Entwicklung. Daher ist es wichtig, dem Jugendlichen einen Verein zu geben, in dem er sich wohlfühlt, in dem er eine qualifizierte Ausbildung und die Möglichkeit erhält, höherklassig zu spielen. Vor zwei Jahren haben wir mit dem ASC Mainz-Vorsitzenden, Rainer Datz, erste Gespräche über eine Kooperation geführt. Die DJK hat nicht genug Talente, um eine Mannschaft zu gründen, die auf bundesweitem Niveau in der Nachwuchs-Basketball-Bundesliga antritt. Daher ist die Lösung, dass sich Mannschaften zusammenschließen. So können wir Jugendlichen eine Möglichkeit bieten, hochklassig zu spielen. Inzwischen ist das Konzept SG RheinHessen so erfolgreich, dass mit dem BC Wiesbaden in diesem Jahr ein weiterer Verein dazugekommen ist. Wie sich das weiterentwickelt, wird sich zeigen, aber diese Kooperation ist eine gesunde Sache.

Wirtschafts-News:
Was kann der Vereinssport im Hinblick auf die Integration ausländischer Jungendlicher, den Zusammenhalt und die Wertevermittlung leisten?

Winkler: Wir tun einiges für Kinder und Jugendliche aus allen sozialen Bereichen. Unsere Behindertensportgruppe unterstützen wir als Verein mit Sonderbeiträgen. Im Bereich „Gesundheit- und Freizeitsport“ bieten wir eine Turnstunde an, in der vorrangig muslimische Frauen teilnehmen. Hierfür arbeitet die DJK verstärkt mit dem türkischen Integrationsverein vor Ort zusammen, um das Angebot weiter zu forcieren. Die Trainer und Übungsleiter sind sehr aktiv bei der Wertevermittlung. Aber natürlich kann man nie alle erreichen, dennoch muss man klar sagen, dass Sport verbindet.

Wirtschafts-News:
Gibt es trotz der Fülle an Initiativen ein Projekt, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Winkler: Ja, das Projekt „Rollstuhlbasketball“, wo Behinderte gemeinsam mit Nichtbehinderten spielen. Diese Zusammenführung ist erfahrungsgemäß nicht leicht, denn hier treffen verschiedene Kulturen aufeinander und auch Regeln und Vorgaben für Halle oder Boden sind nicht einfach zu realisieren. Es ist spannend, diese Entwicklung zu verfolgen, es ist aber auch ein Projekt, das Zeit braucht. Bei der diesjährigen Spendenübergabe kam ein 10-jähriger Junge, der bereits seit seiner Geburt im Rollstuhl sitzt, auf mich zu und meinte, ich könne seinen Namen sofort aufschreiben, sobald die Mannschaft gegründet worden ist. Diese Aussage nimmt man dann mit nach Hause und weiß, warum man dieses Projekt ins Leben gerufen hat.

Wirtschafts-News: Wo sehen Sie die DJK in der Zukunft?

Winkler: Trotz aller positiven Projekte ist die Zukunft der DJK auch an die gesellschaftliche Entwicklung geknüpft. Man darf den Fokus nicht nur auf den Sport legen, sondern auch auf das Vereinsleben selbst. Der Kampf um Mitglieder, Attraktivität und die Stellung innerhalb der Gesellschaft wird zunehmend schwieriger. Ich hoffe, dass wir in drei Jahren unsere Rollstuhl-Basketballmannschaft ins Leben rufen können. Außerdem hoffe ich, dass wir in fünf bis sechs Jahren eine Klasse höher spielen und die Arbeit vor Ort professioneller betreiben können. Für unsere Projekte wünsche ich mir, dass sie sich stetig weiterentwickeln und wir die wichtige Partnerschaft mit der Stadt noch weiter ausbauen. Der Verein unterstützt und fördert seit Jahren hier ansässige Schulen. Diese Kooperation wollen wir weiter ausbauen, um bereits das Kind im Grundschulalter zur DJK zu führen. Diese Dinge haben wir im Fokus. Der Verein vertraut darauf, dass dies der richtige Weg ist, um den Standort zu sichern und somit auch die DJK.


Kontakt:
DJK Sportverein Nieder-Olm e.V.
Bahnhofstraße 2b
55268 Nieder-Olm
Tel: 0 61 36/ 9 26 44 78
Fax: 0 61 36/ 9 26 18 68
www.djk-nieder-olm.de
www.facebook.com/NiederOlmBasketball
info@djk-nieder-olm.de