Burn-out: Wenn nichts mehr geht. Wie man die Symptome erkennt und Hilfe findet
Sorgen um den Arbeitsplatz, Konflikte im Büro, Probleme im Privatleben – die Deutschen sind gestresst wie nie. Viele Menschen sind übermäßig belastet und Erschöpfung ist eine bedeutende Ursache für das sogenannte Burn-out-Syndrom. Oft bleiben die Ursachen dieser psychischen und psychosomatischen Erkrankung unentdeckt.

Von der Elias-Müdigkeit zu Shakespeares „burn out“
Burn-out ist ein Modebegriff für einen Zustand, den immer mehr Menschen aus leidvoller Erfahrung kennen: die absolute Erschöpfung, ein Sich-ausgebrannt-Fühlen, das verhängnisvolle Konsequenzen für den Betroffenen und sein Umfeld hat. Häufigster Auslöser sind der Beruf oder die Doppelbelastung von Job und Familie. Partnerschaft, Kinder und Freundeskreis bleiben dabei ebenso auf der Strecke wie, allem voran, die Gesundheit. Auf der Suche nach dem ältesten überlieferten Fall von totaler Erschöpfung wird man im Alten Testament (1. Buch der Könige, 17-22) fündig. Hier ist überliefert, dass der Prophet Elias von seinem Wirken im Namen des Herrn so erschöpft war, dass er sich in die Wildnis zurückzog und verzweifelt darum bat, dass seine „Seele stürbe“, bevor er in einen bleiernen Schlaf fiel. Dieser totale Erschöpfungszustand wird in der Psychologie auch Elias-Müdigkeit genannt und betrifft Menschen, die am Ende ihrer physischen und psychischen Kräfte angelangt sind. Shakespeare spricht schon 1559 von „burn out“. Prominente Beispiele gibt es viele, wie z.B. Johann Wolfgang von Goethe, der sich schon in jungen Jahren dichterisch im Austrocknungszustand wähnte, seinen Job in Weimar hinwarf und nach Italien floh, wo er sich Erholung erhoffte.
Das moderne Gesicht der Erschöpfung
In den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts betraf die Erkrankung vor allem Menschen in so genannten helfenden und sozialen Berufen, wie z.B. Lehrer, Betreuer, Ärzte und Pflegepersonal. Mittlerweile haben Burn-out und Depression die Volkskrankheiten Rückenleiden und Herz-Kreislauf-Beschwerden von den vordersten Plätzen verdrängt. Burn-out ist durch eine Vielfalt von Symptomen gekennzeichnet, die zum Teil auch sehr unspezifisch sind und kann Menschen aus allen Berufszweigen treffen. Aus diesem Grund ist ein Burn-out vor allem in seiner Frühphase nicht leicht zu diagnostizieren. Merkmale für einen Erschöpfungszustand, der zum Burn-out führen kann, sind folgende:
Körperliche Merkmale:
- chronische Müdigkeit
- Energiemangel, Schwächegefühl
- Muskelverspannungen, Rückenschmerzen
- erhöhte Infektanfälligkeit
- Schlafstörungen
- Konzentrations- und Gedächtnisstörungen
- funktionelle Störungen (z.B. Herz-Kreislauf- oder Magen-Darm-Probleme)
Emotionale Merkmale:
- Niedergeschlagenheit
- Hilflosigkeit
- Hoffnungslosigkeit
- fehlende Gefühlskontrolle (z.B. unbeherrschtes Weinen, erhöhte Reizbarkeit, Wutausbrüche)
- Ängste
- Lustlosigkeit
- ein Gefühl der Leere, Entmutigung und Vereinsamung
Gründe und Ursachen
Auf der Suche nach den Ursachen für die Zunahme der Burn-out-Fälle stößt man unweigerlich auf einen zunächst banal anmutenden Grund: Heute ist es wichtiger denn je, die Erwartungen anderer zu erfüllen. In einer zunehmend vernetzten und schnelllebigeren Zeit gehören Flexibilität, permanente Verfüg- und Erreichbarkeit, überdurchschnittliche Einsatzbereitschaft und Belastbarkeit zu den Grundvoraussetzungen im modernen Arbeitsalltag. Handy bzw. Smartphone, Blackberry und WLAN-Technologie machen es möglich, rund um die Uhr erreichbar zu sein. Weltweit operierende Großkonzerne erwarten von ihren Mitarbeitern ein Maximum an Flexibilität und Einsatzbereitschaft. Da bleiben Familienleben und Freundschaften schnell auf der Strecke. Aber nicht nur die Arbeit stellt oftmals eine Überforderung dar, Alleinerziehende reiben sich zwischen Kindern und Job auf, Angehörige müssen gepflegt und versorgt werden. Und Internetplattformen wie Facebook und My Space haben längst viele der früher üblichen sozialen Netzwerke, wie Kirchengemeinden, Sport- und Freizeitvereine oder Gewerkschaften und Organisationen, die Menschen Halt gaben, abgelöst. Auch traditionelle Strukturen wie die klassische Großfamilie brechen immer mehr auf, die Zahl der Alleinerziehenden und Single-Haushalte steigt stetig an. Nur noch selten leben mehrere Generationen unter einem Dach oder zumindest im gleichen Ort. Die anonymisierte Web-Gemeinde solidarisiert sich zwar gerne online, weil es da nur ein paar Klicks bedarf. Im realen Leben stehen die User in der Regel ohne ihre „Freunde“ dar. Als äußere Ursachen im beruflichen Umfeld für einen Burn-out kommen folgende Faktoren zusammen: Zu hohe Arbeitsbelastung, schlechte Arbeitsbedingungen, ein zu großes Pensum, das in einem zu eng steckten Zeitrahmen erledigt werden muss; schlechtes Betriebsklima, wachsende, aber auch zu wenig Verantwortung, die dann zum Dienst nach Vorschrift oder zur inneren Kündigung führt; Nacht- und Schichtarbeit, die nicht an biologische Erkenntnisse angepasst sind; schlechte Arbeitsmaterialien und Ausstattung des Arbeitsplatzes, unzureichende Kommunikation der Mitarbeiter untereinander oder der Vorgesetzten zu ihren Untergebenen, zu wenig Unterstützung und Lob durch die Vorgesetzten; wachsende Komplexität und Unüberschaubarkeit der Arbeitsabläufe und –zusammenhänge; Verwaltungszwänge, zunehmende oder rasch wechselnde Anforderungen; ständige organisatorische Umstrukturierungen, ohne die Betroffenen in Planung und Entscheidung mit einzubeziehen; zu geringe Entlohnung und die wachsende Angst vor Arbeitslosigkeit.
Die Deutschen: Ein Volk der Erschöpften?
Der „Seeleninfarkt“ ist ein Phänomen in allen Industrienationen. Die Krankheitskosten, die psychische Störungen insgesamt verursachen, betrugen im Jahre 2008 laut Statistischem Bundesamt 28,7 Milliarden Euro; allein die Behandlung von Depressionen kostete 5,2 Milliarden Euro. Wachsender Druck im Beruf, gesellschaftliche Veränderungen, gestiegene Anforderungen im Privatbereich: Schlagwörter, die jeder auf die eine oder andere Weise aus eigenem Erleben kennt. Nur wie erklärt es sich, dass einige scheinbar mühelos ihren Alltag bewältigen, während andere das Gefühl haben, die Lunte brennt an beiden Enden? Die Meinungen der Fachleute gehen in diesem Punkt auseinander: Die einen machen Gene dafür verantwortlich und damit die individuelle Konstitution, die anderen verweisen auf Wertvorstellungen, die bereits in der Kindheit vermittelt worden sind. Offenbar spielen auch gesellschaftliche Wertvorstellungen und Normen eine wichtige Rolle. Burn-out ist keine Krankheit, sondern ein Syndrom, ein Zustand ausgesprochener emotionaler, geistiger und auch körperlicher Erschöpfung mit reduzierter Leistungsfähigkeit. Burn-out wird meist durch Stress und berufliche Überlastung ausgelöst und stellt den Endzustand einer Entwicklung dar, die mit idealistischer Begeisterung beginnt und über frustrierende Erlebnisse zu Desillusionierung und Apathie, psychosomatischen Erkrankungen und Depression, Angststörungen oder Sucht führt. Nach der zehnten Auflage des von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegebenen Internationalen Klassifizierungssystems der Erkrankungen gilt Burn-out bzw. Ausgebranntsein oder Zustand der totalen Erschöpfung nicht als eigenständige Krankheit. Aber immerhin wird das Burn-out-Syndrom als möglicher Einflussfaktor für die Entstehung von Erkrankungen, wie z.B. Depressionen, anerkannt und kann vom behandelnden Arzt mit in die Diagnose aufgenommen werden. Allerdings haben die Krankenkassen das Burn-out-Syndrom – im Gegensatz zu Depressionen, dem chronischen Müdigkeitssyndrom oder Angststörungen (Phobien) – bislang nicht in ihren Leistungskatalog aufgenommen, obschon psychische Krankheiten die häufigste Ursache sind, wenn Arbeitnehmer frühzeitig krankheitsbedingt in den Ruhestand gehen.
Hilfe für Betroffene
Bei chronischen Burn-out-Fällen sollte stets ein Arzt konsultiert werden, der je nach Schwere eine geeignete Therapie in einer Spezialklinik* veranlassen kann. Wer an einer weniger schweren Form leidet oder erste Anzeichen einer Erschöpfung bei sich erkennt, kann Folgendes tun: Zuerst kommt eine gründliche Situationsanalyse, ist es doch erstaunlich, wie lange sich viele ausgebrannte Menschen dahinschleppen, ohne über mögliche Ursachen realistisch und objektiv nachgedacht zu haben. Dazu gehört auch, das eigene Potential richtig einzuschätzen, die Kräfte sparsamer einzusetzen und auch, das zur Routine gewordene Engagement lieber etwas zurückzuschrauben. Je nach Einzelfall könnte ein Wechsel des Arbeitsplatzes die Lösung sein. Zur Korrektur der Selbsteinschätzung gehört auch, die überhöhten Ansprüche an sich selber zu senken und insgesamt die Lebensführung auf „gesund“ umzustellen. Die Grundpfeiler einer ganzheitlichen Therapie von Burn-out-Erschöpfungszuständen sind: Stressbewältigung, Revitalisierung, Bewegung und Ernährung. Eine wirksame Stressbewältigung ist nur möglich mit individueller Psychotherapie.
Um abschließend etwaigen Missverständnissen vorzubeugen: Dies ist kein Aufruf zur Passivität, denn wer für eine Sache brennt, muss nicht zwingend ausbrennen. Leidenschaft ist Lebensfreude pur, sie ist das, was uns alle antreibt. Ohne Leidenschaft ist das Leben wie eine lauwarme Suppe. Ohne dieses Brennen, diese Begeisterung, würden wir unser Leben tatenlos an uns vorbeiziehen lassen. Der US-Autor Tennessee Williams brannte so vor Leidenschaft zum Schreiben, dass ihm alles andere daneben belanglos erschien: „Wirklich existent bin ich nur dann, wenn ich arbeite“, bekannte er. Sein deutscher Kollege Arno Schmidt verstand das Gerede um die 40-Stunden-Woche nicht. Er spottete, seine Woche habe immer 100 Stunden gehabt!
Wer also an einem Mangel an Leidenschaft leidet, mag mit EDUARD MÖRIKE seufzen:
Dein Liebesfeuer,
Ach, HERR! wie teuer
Wollt`ich es hegen,
Wollt`ich es pflegen?
Habe nicht geheget
Und nicht gepfleget,
Bin tot im Herzen-
HÖLLENSCHMERZEN!
Dr. Elef Karkalis, Oppenheim
Info:
Foren, wie etwa www.das-burn-out-syndrom.de,bieten umfangreiche Hintergrundinformationen und den Austausch mit Betroffenen.
