Bücherregal statt Aktenschrank
Warum die Studenten der Fachhochschule Mainz auch Bücher statt Klausuren schreiben. Ein Gespräch mit Prof. Dr. Andrea Beyer

Hausarbeit oder Klausur – wenn es um Leistungsnachweise geht, macht das Studieren plötzlich nicht soviel Spaß. Ausnahmen gibt es aber auch hier, genauer gesagt in Mainz. Bei Prof. Dr. Andrea Beyer, Vizepräsidentin der Fachhochschule Mainz (FH) und Leiterin des Studiengangs Bachelor Betriebswirtschaftslehre im Fachbereich Wirtschaft, schreiben die Studenten am Ende des Semesters Bücher. Es entstehen Werke, die nicht nur während der Erarbeitung ein großes Lernpotential für die Studenten bieten, sondern auch lehrreichen Lesestoff für Fachfremde darstellen. Insbesondere ein Buch über bedeutende Mainzerinnen und Mainzer war ein großer Erfolg.
Wirtschafts-News: Das Buch, das die wohl größte Resonanz hervorgerufen hat, heißt „Mainzer, Määnzer, Meenzer – Menschen in einer lebensfrohen Stadt“. Hierin haben Ihre Studenten für die Domstadt bedeutende Menschen portraitiert. Können Sie uns den Unterschied zwischen Mainzern, Määnzern und Meenzern erklären?
Prof. Dr. Andrea Beyer: Mainzer sind neu Zugezogene, Määnzer solche, die schon lange in der Stadt wohnen und Meenzer sind die Alteingessenen, die „Urmainzer“ sozusagen. Wir haben die Begriffe während der Interviews oft gehört und dann recherchiert. Wissenschaftlich standhafte Belege haben wir zwar nicht gefunden, als Titel fanden wir das aber sehr ansprechend.
Wirtschafts-News: Ja, der Titel weckt Neugierde – zu welcher Kategorie zählen Sie?
Prof. Dr. Beyer: Ich bin keine Urmainzerin, ich bin eine Zugezogene aus der Pfalz. Da ich aber bereits 1975 als Studentin nach Mainz gekommen bin, darf ich mich mittlerweile rechtmäßig als „Määnzerin“ bezeichnen.
Wirtschafts-News: Die Beschäftigung mit den Einwohner der Stadt lässt darauf schließen, dass die Verbindung zwischen der Fachhochschule und der Stadt sehr eng ist. Wie äußert sich das im täglichen Lehrbetrieb?
Prof. Dr. Beyer: Wir machen sehr viele Veranstaltungen gemeinsam mit Firmen und Institutionen, die in Mainz und der Region ansässig sind. Beispielsweise haben wir kürzlich ein Forum zum Thema „Rekrutierung und Mitarbeiterbindung“ hier im Hause mit der Handwerkskammer und der Industrie- und Handwerkskammer organisiert und durchgeführt. Außerdem sitzen wir verschiedenen Gremien bei und beraten auf Wunsch. Wir sind sehr praxisorientiert – das ist eine unserer großen Stärken. In der Lehre zeigt sich dies durch Gastvorträge, Projekte mit den Unternehmen, insbesondere auch im Rahmen von Bachelorarbeiten, oder in Exkursionen zu den Firmen und in der Veranstaltung von Konferenzen. Während des Studiums haben die Studierende auch vorgeschriebene Praktika zu absolvieren, wodurch wiederum Verbindungen entstehen und der Praxisbezug betont wird. Darüber hinaus haben wir mehrere berufs- und ausbildungsintegrierte Studiengänge, die eine Kooperation mit den Unternehmen erfordern. Es liegt dann natürlich nichts näher, als am eigenen Standort Beziehungen zu knüpfen und zu verstärken. Weiterhin gibt es die Mainzer Wissenschaftsallianz, die insbesondere in diesem Jahr im Rahmen der „Stadt der Wissenschaft 2011“ besonders im Fokus stand. In diesem Rahmen arbeiten wir und andere wissenschaftlichen Institutionen für die Stadt und mit der Stadt.
Wirtschafts-News: Das Stichwort „Praxisbezug“ führt uns zurück zu unserem eigentlichen Thema: Wie kamen Sie auf die Idee, statt gängigen Leistungsnachweisen wie Klausuren oder Hausarbeiten gemeinsam mit den Studenten ein Buch zu schreiben?
Prof. Dr. Andrea Beyer: Am Anfang stand die Frage: „Wie können wir einen Leistungsnachweis generieren, der nicht nach der Bewertung ungenutzt in den Aktenschrank wandert?“ Da kam ich dann auf die Idee mit dem Buch.
Wirtschafts-News: Und haben die Studenten gleich begeistert zugegriffen?
Prof. Dr. Andrea Beyer: Nicht ganz. Zunächst haben sie mich etwas argwöhnisch angeschaut. Als ich aber erklärt habe, wie ich mir das vorstelle, waren sie schnell dabei.
Wirtschafts-News: Was war das erste Thema?
Prof. Dr. Andrea Beyer: Für das erste Buch haben die Studenten Menschen aus der PR-Branche portraitiert. Inhaltlich hat sich das angeboten, weil ich gemeinsam mit einem Kollegen eine Spezialisierung im Bereich „Kommunikationsmanagement / Medienökonomie“ anbiete. Die Studenten haben sich dann selbst die Personen, die sie interviewen wollten, ausgesucht und die Portraits geschrieben.
Wirtschafts-News: Hört sich nach einem reibungslosen Ablauf an. Gab es gar keine Probleme?
Prof. Dr. Andrea Beyer: Natürlich. Das fing schon damit an, dass die jungen Leute erstmals erfahren haben, wie schwierig es sein kann, einen Termin zu vereinbaren. Dann gab es manchmal auch Probleme beim Schreiben – nicht jeder hat dafür Talent. Andererseits haben die Studenten gerade durch diese Schwierigkeiten viel gelernt. Beispielsweise sollten sie die Texte gegenseitig quer lesen und bewerten. Bei den ersten Malen hieß es immer nur: „Ich finde deinen Text gut.“ Schließlich waren aber alle soweit, konstruktive Kritik zu üben. Am Anfang hatte ich nicht gedacht, dass die Idee bei den Studenten so gut ankommt, als dann aber der nächste Jahrgang auch ein Buch schreiben wollte, habe ich mich natürlich gefreut.
Wirtschafts-News: Und es auch getan. Ist das Konzept dasselbe geblieben?
Prof. Dr. Andrea Beyer: Ja, fast bei allen Büchern. Die Portraits erstrecken sich jeweils über eine Doppelseite und sind gleich aufgebaut: Foto, Einführung, Fließtext und Zitat. Wir arbeiten nach wie vor mit demselben Grafiker zusammen. Natürlich gibt es immer mal Abweichungen vom Hauptkonzept, so beispielsweise bei dem Buch „Bedeutende Ökonomen – Leben und Werk“. Hier fielen die Interviews weg, denn viele der Portraitierten sind bereits verstorben oder sind als Nobelpreisträger über die ganze Welt verteilt. Alles in allem war dieses Buch die größte Herausforderung für die Studenten, denn sie mussten nicht nur die Kerntheorien vorstellen, sondern auch prüfen, inwieweit diese heute noch Gültigkeit besitzen, beziehungsweise anwendbar sind.
Wirtschafts-News: Weniger um die Theorie als um die Praxis ging es in dem Buch über die „Expatriates“, also Arbeitnehmer, die für ihre Firma einige Zeit ins Ausland gehen. Wie ist die Idee dazu entstanden?
Prof. Dr. Andrea Beyer: Wir unternehmen jedes Jahr mit einer Studierendengruppe eine Exkursion und besuchen Unternehmen, Institutionen und Partnerhochschulen im Ausland. Bisher waren wir in China, Indien, Brasilien, Russland, Vietnam und Mexiko. Wir gehen in die Firmen hinein und sprechen mit den Leuten, gerade mit solchen, die für ihre deutsche Firma vor Ort sind. Die Studierenden fragen dabei immer sehr interessiert nach. Häufig erkundigen sie sich, wie der Anfang im neuen Land verlaufen ist und welche Probleme es mit der Familie gab. Im Bus hatte mein Kollege Rüdiger Nagel auf einer dieser Reisen die Idee, ein Buch über die Expatriates zu schreiben. Das fand ich auf Anhieb gut und vielversprechend, denn man kann sich vorstellen, dass jemand der zwei Jahre in Frankreich oder Österreich war, ganz andere Erfahrungen gemacht hat, als jemand, der in Nicaragua oder Indien gearbeitet hat. Und spannend wird die Sache, wenn die Expatriates nach Hause zurückkehren. Die Wiedereingliederung ist oft nicht leicht. Das fängt schon bei so kleinen Dingen an, wenn man sich wieder daran gewöhnen muss, die Spülmaschine selbst auszuräumen.
Wirtschafts-News: Welche Sorte von Expatriates portraitieren die Studenten?
Prof. Dr. Andrea Beyer: Das Spektrum ist sehr breit. Die Einsatzorte der Portraitierten verteilen sich über die ganze Welt. Da ist beispielsweise ein Ingenieur dabei, der beim Aufbau eines Werkes in Südamerika hilft, ein Softwarespezialist, der für einige Zeit nach Indien gegangen ist und ein Bauleiter, der ein Bauprojekt in den Vereinigten Arabischen Emiraten übernommen hat. Ergänzt werden die Portraits von Beiträgen über die Thematik aus verschiedenen Perspektiven.
Wirtschafts-News: Ihr bisher letztes Buch handelt von Familienunternehmen. Das ist zwar noch nicht ganz fertig, aber können Sie uns trotzdem schon einen Einblick geben? Wie schauen Familienunternehmen beispielsweise in die Zukunft? Besorgt, optimistisch?
Prof. Dr. Andrea Beyer: Das lässt sich vereinheitlichend nicht sagen. Ein großes Problem für kleine und mittlere Unternehmen scheint die Nachfolge zu sein. Manche müssen aufhören, weil sie keinen geeigneten Nachfolger finden. Entweder fehlt sozusagen der natürlich Erbe oder die Kinder haben andere Interessen oder Fähigkeiten. Das Buch über die Familienunternehmen variiert übrigens auch im Konzept. Es wird keine Personenportraits geben, sondern Portraits der Unternehmen selbst. Bei einigen Unternehmen folgt nach dem Profil auch noch ein Interview mit einem Familienmitglied, das in der Unternehmensführung aktiv ist. So möchten wir Orginalstimmen und individuelle Sichtweisen in das Buch integrieren.
Wirtschafts-News: Liegt der Fokus wieder auf der Stadt?
Prof. Dr. Andrea Beyer: Der Schwerpunkt liegt nicht nur auf der Stadt. Die Region ist mit eingeschlossen.
Wirtschafts-News: Gibt es denn hier zu wenige passende Unternehmen?
Prof. Dr. Andrea Beyer: Nein, das ist nicht das Problem. Wir hätten das Buch auch nur mit Mainzer Firmen füllen können. Die breitere Streuung ergibt sich daraus, dass wir unterschiedliche Rahmenbedingungen berücksichtigen wollen. Wir hatten einige Unternehmen vorgeschlagen, die berufsintegrierten Studierenden haben sich aber auch teilweise selbst die Unternehmen ausgesucht. So bildet die Auswahl der Unternehmen auch zum Großteil das Einzugsgebiet unserer Studierenden ab.
Wirtschafts-News: Wie können sich Familienunternehmen Ihrer Meinung nach heute erfolgreich positionieren, Stichwort Globalisierung und Eurokrise?
Prof. Dr. Andrea Beyer: Das ist nicht mein originäres Gebiet. Aber persönlich denke ich , dass kleinere Unternehmen in einer Nische als Anbieter von Spezialprodukten sehr erfolgreich werden können. Ich denke, das hat auch damit zu tun, dass kleine Unternehmen flexibler sind. Und wenn spezielle und individuelle Produkte und Dienstleistungen gefragt sind, können sie schnell reagieren. Es gibt in diesen Bereichen einige versteckte Weltmarktführer, so genannte „hidden champions“.
Wirtschafts-News: Und wagen Sie zum Abschluss einen Blick in Ihre eigene Zukunft? Werden Sie demnächst ein neues Buch gemeinsam mit Ihren Studenten verfassen?
Prof. Dr. Andrea Beyer: In der Rohfassung liegen mir bereits Porträts einer Studierendengruppe über Blogger vor. Ideen habe ich noch viele, aber ich möchte mich auch nicht zu sehr auf die Porträts konzentrieren bzw. dazwischen gibt es auch noch viele andere interessante Ideen. Aber wenn eine zündende Idee für ein Porträtbuch kommt, wer weiß…
Wirtschafts-News: Wir danken für das Gespräch.
Prof. Dr. Andrea Beyer ist seit 1992 Professorin an der Fachhochschule Mainz im Fachbereich Wirtschaft. Dort leitet sie seit 2006 den Studiengang Bachelor Betriebswirtschaftslehre. Seit September 2008 hat sie zudem das Amt der Vizepräsidenten inne. Ihre Lehrgebiete sind: Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, Kommunikationsmanagement, Medienökonomie, Wirtschaftsjournalismus/Praktische PR.
Von Andrea Beyer und Studierenden des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften sind bisher erschienen:
• Andrea Beyer/Ute Diehl (Hrsg.): Medien und Medienmacher am Standort Mainz, Mainz 2011.
• Andrea Beyer/Rüdiger Nagel (Hrsg.): Globalisierung hautnah – Expatriates im Gespräch, Mainz 2010.
• Andrea Beyer/Ute Diehl/Marion Diehl (Hrsg.): Mainzer, Meenzer, Määnzer – Menschen in einer lebensfrohen Stadt, 2. aktualisierte und erweiterte Auflage, Mainz 2009.
• Andrea Beyer/Kurt Koeder (Hrsg.): Führungskräfte Personal im Portrait, Mainz 2009.
• Andrea Beyer/Ute Diehl (Hrsg.): Bedeutende Ökonomen – Leben und Werk, Mainz 2009.
• Andrea Beyer/Ute Diehl (Hrsg.): Mainzer, Meenzer, Määnzer – Menschen in einer lebensfrohen Stadt, Mainz 2007.
• Andrea Beyer/Lothar Rolke (Hrsg.): Heads und Facts – die PR-Branche im Portrait, Norderstedt 2006.
Ansprechpartner für Bestellungen:
Therese Bartusch
Fachhhochschule Mainz
Lucy-Hillebrand-Straße 2
55128 Mainz
Tel.: 06131-628-3131
Mail: therese.bartusch@wiwi.fh-mainz.de
