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Am Strom der Zeit

Die Mainzer Neustadt beherbergt derzeit jenseits der Rheinallee ein Jahrhundertprojekt: den Umbau des Zollhafens in ein modernes Stadtquartier nach neuesten Maßgaben. Welche das sind und worauf sich die ganz Stadt freuen kann, darüber sprachen wir mit Peter Zantopp-Goldmann, Verantwortlicher für das Standortmarketing der Zollhafen Mainz GmbH & Co. KG.

Auf etwa 30 Hektar wird in den nächsten zehn Jahren eines der ehrgeizigsten und größten Stadtentwicklungsprojekte in Rheinland-Pfalz umgesetzt. Mit dem Umzug des Hafenbetriebs in die Ingelheimer Aue lag in einer Entfernung von 15 Fußminuten zur Mainzer Altstadt und zum Hauptbahnhof eine innerstädtische Fläche brach, die nun für ein neues Zeitalter bereitgestellt wird. „Wir wollen ein urbanes Quartier erschaffen, keine Schlafstadt“, bekräftigt Peter Zantopp-Goldmann. Daher wird die eine Hälfte der ca. 355.000 qm Geschossfläche für Wohnbebauung vorgesehen, die andere Hälfte für Gewerbe und Kultureinrichtungen. 2500 Bewohner sollen eines Tages dort leben, wo vor wenigen Monaten noch Container gestapelt wurden, etwa 4000 mögliche Arbeitsplätze werden geschätzt. Ein weiterer Schritt im Wandel der gewerblichen zur privaten Hafennutzung ist der Plan privater Anlegestellen und einer Marina als Anziehungspunkt für Wasserwanderer. Diese wäre neben dem Winterhafen ein weiterer Pluspunkt für Mainz als Standort im Wassertourismus.

Wer derzeit auf der Rheinallee in Richtung Mombach unterwegs ist, sieht auf hinter der Kunsthalle vor allem eins: Erdreich. Im seit wenigen Wochen angelaufenen Bauabschnitt erfolgt der Aushub für die Tiefgarage. Seit Herbst 2010 wird bereits das alte Weinlager saniert. Und auch die Wiederherstellung der historischen und denkmalgeschützten Kaimauer, gebaut 1887, beginnt in Kürze. 120 Jahre Hafenbetrieb sind nicht spurlos an dem Gelände vorbeigegangen. Die Relikte aus dieser Zeit werden nach Möglichkeit in die zukünftige Freiraumgestaltung integriert, so zum Beispiel die alte Gleisanlage in der Nähe des Weinlagers. Auch der Hafenkran direkt nebenan bleibt als Wahrzeichen erhalten. Ein Hafenmuseum unter freiem Himmel ist freilich nicht gewollt: Der Bereich am Weinlager wird auch in Zukunft Anlegestelle die für Berufsschifffahrt bleiben. Für authentisches Hafenflair wird außerdem das stete Tuckern der vorbeiziehenden Schiffe sorgen. Darauf muss sich jeder zukünftige Bewohner des Zollhafens einstellen – und wird mit dem Nebeneinander von Moderne und Tradition belohnt.

Das Wohnen in unmittelbarer Rheinnähe wird immer mit dem Thema Hochwasser verbunden sein. „Der Zollhafen bleibt Überschwemmungsgebiet“, erklärt Peter Zantopp-Goldmann. Zusammen mit dem Land Rheinland-Pfalz besteht seit 2006 das Modellprojekt „Hochwasserangepasstes Bauen“, das im Mainzer Zollhafen erstmalig in einem kompletten Stadtquartier umgesetzt werden wird. Ausgehend vom Extremfall liegt das zukünftige Erdgeschossniveau 50 cm über dem höchsten Hochwasserpegel der letzten 200 Jahre – dann wäre das Hafengelände ungefähr einen Meter hoch überflutet. Sämtliche Häuser werden sich selber schützen können und auftriebssicher gebaut. Gleiches gilt für die Tiefgarage. Auch das historische Weinlager erhält einen neuen Hochwasserschutz.

Dieser hochwasserangepasste Bauansatz, die geplante Fernwärmeversorgung und der Schallschutz für die zukünftigen Bewohner, den die mehrgeschossigen Gebäude zur Rheinallee gewährleisten sollen, passt in den Kriterienkatalog der „Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen“, womit eine Zertifizierung als nachhaltiges Bauprojekt möglich ist. „Allein das Recycling einer innerstädtischen, versiegelten Brachfläche und das Zurückfahren der Bodennutzungsintensität ist ein großer Schritt in Sachen Nachhaltigkeit“, so Peter Zantopp-Goldmann. Hinzu kommen die Vorteile durch die zentrale Lage, die kurze Wege während der Bauphasen und insgesamt einen geringen Erschließungsaufwand gewährleistet.

Was mit den Londoner Docklands in den 1980ern seinen Anfang nahm, findet mittlerweile in ganz Deutschland Nachahmung – die Umstrukturierung und Neunutzung brachliegender Stadthäfen. Ob Rheinauhafen in Köln oder Westhafen Frankfurt, die Mainzer Planer konnten in Sachen Projektdauer oder idealer Bebauungsdichte von bereits bestehenden Projekten profitieren und auch aus deren Fehlern lernen. Eines haben alle Ansätze gemeinsam: Die Kombination aus Citynähe und Wasserlage birgt enorme Chancen, aber auch Herausforderungen.

Eines der Probleme, mit denen der Mainzer Zollhafen als Wohn- und Gewerbequartier umzugehen hat, ist beispielsweise die Nachbarschaft mit der Industrie auf der westlichen Seite der Gaßnerallee. Verhandlungen, beispielsweise über Emissionen, laufen derzeit. Denn ein Charakteristikum soll der Zollhafen Mainz nicht verlieren: die Durchlässigkeit, die durch alle baulichen Maßnahmen und die bald dafür entstehende Infrastruktur gewährleistet werden soll. Von allen Seiten sollen Mainzer Bürger die Chance haben, das neue Stadtquartier zu betreten und zu nutzen. So wird es entlang der Wasserflächen keine Privatlagen geben, und auf der Nordmole soll eine öffentliche Rheinwiese angelegt werden als Naherholungsziel. Auch die geplante Ansiedlung der Stadtbibliothek und die Ergänzung der bereits bestehenden Kunsthalle durch weitere kulturelle Einrichtungen sowie Gastronomie und Einzelhandel sollen verhindern, dass ein isoliertes Exklusiv-Ghetto entsteht.

Letztendlich kann die Zollhafen Mainz GmbH & Co. KG hierfür jedoch nur durch gelenktes Standortmarketing die Weichen stellen. Sie erschließt die Flächen und verkauft die fertigen Grundstücke an konkrete Bauträger. Wie die bisherigen Anfragen von Investoren aus ganz Deutschland zeigen, scheint eine Nutzungsmischung bereits auf einem guten Weg zu sein. Aktuell laufen allgemeine Informationsgespräche, denn die tatsächliche Festlegung von Vergabepreisen und die damit ermöglichte Vermarktung geschehen erst, wenn der Rat der Stadt Mainz das Baurecht erteilt hat. Diese Baurechtsentwicklung liegt in den Händen der Landeshauptstadt Mainz, deren Stadtplanungsamt mit der Zollhafen Mainz GmbH & Co. KG kooperiert, einem Gemeinschaftsunternehmen der CA Immo und der Stadtwerke Mainz AG. Das Mainzer Projektbüro im Gebäude der Stadtwerke ist seit Anfang 2010 Arbeitsplatz für vier Mitarbeiter, von denen jeweils zwei aus den beiden beteiligten Unternehmen stammen. Sie können in ihren Tätigkeiten auf die Hintergrundstruktur der CA Immo und der Stadtwerke Mainz zurückgreifen.

Hintergrundstruktur für das neue Stadtquartier stellt im großen Sinne die Mainzer Neustadt dar. Hier kann Peter Zantopp-Goldmann beobachten, dass seit Planungsbeginn das angrenzende Viertel eine Aufwertung erfährt, Gebäude saniert oder von neuen Investoren aufgekauft werden. In seinen Augen besteht kein Risiko, dass durch die neue Nutzung des Zollhafens Nachteile für die Neustadt entstehen können: „Unser Projekt ist durchgängig von allen gewollt. Sowohl Politik als auch die Bevölkerung zeigen eindeutig positive Resonanz.“ Probleme von Anwohnern würden ernst genommen. So wird versucht, den Baulärm für die unmittelbaren Nachbarn des ersten Bauabschnitts gering zu halten, indem der Baustellenverkehr durch das gesamte Hafengelände gelenkt wird und nicht durch die Straßen rund um den Feldbergplatz.

Das Großprojekt Zollhafen nimmt langsam Form an. Weitere Informationen, etwa zu Bebauungsplänen oder Modellansichten, stellt die Internetseite www.zollhafen-mainz.de bereit.

Redaktion Sarah Thoermer