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„Kommunikation mit unseren Gästen ist substantiell“

Markus Müller, Intendant des Mainzer Staatstheaters

Seit dem 1. August 2014 ist Markus Müller der Intendant des Mainzer Staatstheaters und damit Nachfolger von Matthias Fontheim. Zuvor leitete Müller das Oldenburgische Staatstheater und das sehr erfolgreich - er steigerte innerhalb seiner Amtszeit die Zuschauerzahlen und die Kritiker schätzten ihn. Markus Müller wurde 1973 in Kempten geboren, hat in Bamberg, Erlangen und Mannheim studiert. In Mannheim arbeitete er bereits acht Jahre in der Intendanz, ehe er als Generalintendant nach Oldenburg ging. Dazu leitete er diverse Festivals und Theaterprojekte. In Mainz lebt er mit seiner Tochter nahe des Rheins. Wirtschafts-News sprach mit Markus Müller über sein „neues“ Amt in Mainz und ein erstes Resümee in der Landeshauptstadt.

Wirtschafts-News: Sie sagten kürzlich einmal: „Kein Stück geht auf die Bühne, ohne dass ich es vorher gesehen habe“. Wie kann man sich den Prozess von der Idee bis zur Premiere vorstellen? 

Markus Müller: Wir arbeiten hier ganz stark als Team zusammen, entwickeln alles, was wir machen, gemeinsam und stehen in engem Kontakt miteinander. Das ist das A und O unserer Arbeit. Dennoch trage ich die Gesamtverantwortung für das, was die Zuschauer auf der Bühne sehen. Somit ist es für mich selbstverständlich, dass ich jede Produktion im Detail  kenne. Wir setzen uns im Leitungsteam bereits ganz früh zusammen. Wir besprechen jedes Stück und die Reihenfolge des gesamten kreativen Prozesses, die Verknüpfungen. Es ist uns wichtig, allen Beteiligten frühzeitig Beweggründe für jede Spielplanposition mitzugeben. Mit den jeweiligen Teams treffe ich Verabredungen, verhandle die Verträge, bespreche die Probenzeiträume und die Besetzungswünsche.  Ein gutes halbes Jahr vor der Premiere findet dann die Modellpräsentation statt. Dabei diskutieren wir den Entwurf. Im Anschluss gibt es eine Bauprobe auf der Originalbühne, bei der wir versuchen, mit vorhandenen Materialien den Aufbau zu markieren. Dabei überprüfen wir Sichtlinien und Dimensionen. Das sind alles Termine, bei denen ich anwesend bin. Ebenso komme ich zum Probenstart mit dem Ensemble und nehme am Konzeptionsgespräch teil. Danach begleitet das Stück die Produktionsdramaturgie und ich komme erst wieder zu den Endproben. Nach den Endproben führen wir Nachbesprechungen, die auch gerne mal bis tief in die Nacht andauern. Bei den durchschnittlich etwa 30 Premieren pro Spielzeit bin ich natürlich anwesend, ebenso bei Wiederaufnahmen und Umbesetzungen und den letzten Vorstellungen. Man begleitet so eine Produktion also über einen langen Zeitraum. 

Wirtschafts-News: Gibt es gewisse Schwerpunkte im Programm?

Markus Müller: Der Spielplan eines Mehrspartenhauses braucht eine differenzierte und ausgewogene Mischung. Abwechslung und Vielfalt sind ganz wichtig, um viele Menschen zu erreichen. Um dabei nicht beliebig zu werden, pflegen wir eine fokussierte inhaltliche Auseinandersetzung, die sich leitmotivisch durch die Spielzeit zieht. Ob wir Klassiker spielen oder zeitgenössische Stücke: die Frage nach der Relevanz für uns heute steht im Zentrum – was auf der Bühne passiert, soll uns elementar angehen. Kraftvolle ästhetische Setzungen und klar erkennbare Handschriften der Regisseure und Choreografen prägen damit einhergehend das Profil des Hauses.

Wirtschafts-News: Wie oft sind Sie selbst am Abend im Theater?

Markus Müller: Ich bin jeden Abend an sieben Tagen die Woche mit Theater beschäftigt. Das nicht ausschließlich nur an meinem Theater – ich reise auch viel, besuche Aufführungen an anderen Häusern oder repräsentiere das Staatstheater bei entsprechenden Anlässen. 

Wirtschafts-News: Wann beginnen Sie morgens ihren Tag, wenn Sie jeden Abend bis zu später Stunde im Theater sind?

Markus Müller: Morgens kümmere ich mich zuerst einmal um meine Tochter und treffe Vorbereitungen für ihren Schulalltag. Wenn sie das Haus verlassen hat und mit ihren Freundinnen zur Schule radelt, gehe ich in mein Büro. Allerdings nehme nicht an jedem Morgen den direkten Weg ins Büro - dreimal pro Woche bewegen wir uns im Team, sprich wir joggen zusammen am Rhein. Das gemeinsame Laufen hat sich als sehr positiv erwiesen. Es tut der Gesundheit gut und die Gedanken sind klar dabei. Im Anschluss an das Laufen dusche ich und halte die Entscheidungen fest. Dann geht es ins Theater.

Wirtschafts-News: Kann man Markus Müller denn auch mal privat treffen?

Markus Müller: Wenn ich etwas privat machen möchte, dann ist das am besten am Nachmittag der Fall. Abends kann man sich mit mir kaum verabreden, außer nach Endproben oder Vorstellungen. Aber da ich mein Hobby zum Beruf gemacht habe, empfinde ich nichts davon als unangenehm. Es macht bis heute großen Spaß.

Wirtschafts-News: Wie kann man sich einen Tag von den Künstlern vorstellen, die am Staatstheater angestellt sind?

Markus Müller: Alle Solisten wissen am Vortag bis 14 Uhr zu welcher Zeit am nächsten Tag die Proben stattfinden, sie müssen sehr flexibel sein. Ein regelmäßiger privater Termin ist da eher schwierig. Die Vorstellungen stehen natürlich schon Wochen vorher fest und haben  Priorität. 

Wirtschafts-News: Seit August 2014 sind Sie am Mainzer Staatstheater – was wollten Sie in Ihrem Amt auf jeden Fall erreichen?

Markus Müller: Das Schönste, was man erreichen kann, ist, spannende Produktionen auf die Bühne zu bringen, bei denen der Zuschauer das Haus mit einem Erkenntnisgewinn verlässt. Wie in vielen anderen Städten bildet das Theater auch in Mainz die physische Stadtmitte und unser Ziel ist, das Theater auch zu einem lebendigen gesellschaftlichen und künstlerischen  Mittelpunkt zu machen.  Dies befördern wir mit zahlreichen Einführungen und Nachgesprächen, außerdem gehen wir häufig nach draußen mit unseren Produktionen und, wie Sie vielleicht bemerkt haben: Die Tür unseres Hauses steht – wenn es das Wetter zulässt - offen. Wir wollen die Schwelle zum Theater senken, die Zugbrücken runterlassen. Theater soll ein selbstverständlicher Bestandteil der Gesellschaft sein. Die Schwelle zu senken bedeutet andererseits aber natürlich nicht, dass wir zu Kompromissen bei Qualität und Anspruch der Stoffe bereit sind, die wir auf der Bühne verhandeln.  Was unser Programm angeht, so sind die Stücke, die man in Mainz sieht, oft ebenso komplex, wie es unsere Wirklichkeit ist, und auf den ersten Blick vielleicht sogar etwas sperrig. Wir sind stets auf der Suche nach spannenden neuen Autoren, Komponisten und Stoffen und finden in den Klassikern immer wieder sehr aktuelle Bezüge. Trotzdem – oder genau deshalb – soll unser Publikum das Gefühl haben: das ist mein Theater. Wenn mir jemand sagt, dass er in einem klassischen Stück bei unserer Inszenierung etwas ganz neu wahrgenommen hat, dann freut mich das und wir haben viel erreicht. Wir gehen ganz bewusst auch an Stoffe ran, die kraftvoll irritieren und fragen uns im Vorhinein: Wie kann ich mit diesem Stoff umgehen, ohne ihn zu stark zu modifizieren? Welche Themen sind uns wichtig, wie können wir diese erzählen? Die künstlerische Antwort darauf kann ganz unterschiedlich sein, es gibt nicht den EINEN Weg – wir suchen immer die wechselseitige Befruchtung unserer ästhetischen und inhaltlichen Angebote. Viel Kommunikation mit unseren Gästen ist bei diesem Prozess substanziell, denn die Meinung unseres Publikums ist uns sehr wichtig. 

Wirtschafts-News: Gibt es weitere Direktoren am Haus?

Markus Müller: Neben meinem kaufmännischen Kollegen in der Geschäftsführung gibt es einen Künstlerischen Betriebsdirektor, die Chefdramaturg*innen von Oper und Schauspiel, unseren Tanzdirektor, natürlich Generalmusikdirektor Herrmann Bäumer und einen Technischen Direktor. Zudem arbeiten wir mit fünf Hausregisseuren. Bei allem was wir tun, ist es für mich wichtig, viele Stimmen zu hören. Denn das Spielfeld des Theaters kann sich ja nicht allein auf meinen Horizont beschränken. Wir arbeiten sehr teamorientiert und es gibt flache Hierarchien. Wir schöpfen aus dem Potential der Kolleg*innen und das auf Augenhöhe. 

Wirtschafts-News: Wie kann man sich den zeitlichen Ablauf einer Spielzeitplanung vorstellen?

Markus Müller: Unser Spielplan wird im Frühjahr für die darauffolgende Spielzeit gedruckt, um den Besuchern und Abonnenten die Chance zu geben, sich in Ruhe zu entscheiden. Nach dem Spielplan geht es an die Monatsdispositionen. Wir verfeinern also die Spielzeit 2017/2018 und denken gleichzeitig schon über 2018/2019 nach. Alle darstellenden Künstler haben jedes Jahr bis zum 31. Oktober Zeit, sich zu entscheiden, ob sie in der darauffolgenden Saison weiter zum Ensemble gehören wollen und umgekehrt.

Wirtschafts-News: Von welcher Amtszeit geht man bei den Beschäftigten des Theater aus?

Markus Müller: Intendanten bleiben in der Regel zwischen fünf und zehn Jahren an einem Haus. Das ist eine „gesunde“ Zeit, denn man kann bis dahin Vieles erreichen, läuft aber nicht Gefahr, sich zufrieden zurückzulehnen. Was meine Arbeit in Mainz bisher angeht, so freue ich mich natürlich über die Erfolge, die wir erzielt haben – aber mein Anspruch bleibt es weiterhin, relevante Themen zu setzen und Publikum und Presse zu begeistern.

Das künstlerische Personal verweilt meist drei bis acht Jahre, um danach Erfahrungen an anderen Häusern zu sammeln. Natürlich versuchen wir besonders prägende Künstler möglichst langfristig zu binden, da viele unser Theater gezielt wegen unserer Ensemblemitglieder besuchen. In der Summe gilt es, das rechte Maß zu finden zwischen einer gesunden Fluktuation kombiniert mit einer angemessenen Kontinuität.

Wirtschafts-News: Wie erleben Sie das Mainzer Publikum?

Markus Müller: Was wir merken; wenn Stoffe mit der Region zu tun haben, gibt es beim Publikum oft nochmals ein ganz anderes Bedürfnis für das Nachgespräch. Die Mainzer habe ich bisher als sehr international und weltoffen erlebt – sie sind neugierig, sie treten gern in Interaktion mit uns. Das ist ein sehr schöner Ansatz. Die Freude an der Kommunikation, die die Mainzer verspüren und auch vermitteln, gefällt mir gut. 

Wirtschafts-News: Wie wichtig sind Ihnen generationenübergreifende Inhalte und was bedeutet Ihnen das junge Publikum?

Markus Müller: Das junge Publikum bedeutet mir sehr viel und wir haben eigens für unsere jungen Gäste die Sparte „Junges Staatstheater Mainz - justmainz“ gegründet. Hier zeigen wir Stücke, die speziell für Kinder und Jugendliche gemacht – oder aus dem Abendspielplan auch für Jugendliche geeignet sind. Außerdem etablieren wir zwei Schulprojekte: „enter“ und „theaterstarter“. Bei enter kommen alle Schüler der fünften bis achten Jahrgansstufe aller Schulformen jeweils zweimal in jeder Saison ins Staatstheater und sehen Produktionen aller Sparten. Damit wird jeder junge Mensch, unabhängig vom Elternhaus und dem Engagement einzelner Lehrer, systematisch an Theater herangeführt und es entstehen keine Schwellenängste. Bei den Theaterstartern wenden wir uns an Grundschulen. Allerdings handelt es sich hierbei nur um einen Theaterbesuch im Jahr. Dafür wird dieser pädagogisch stärker aufbereitet und entsprechend in den Unterricht eingebettet. Neben den beiden Projekten gibt es immer ein Angebot für Kinder, Jugendliche und Familien abends und an Wochenenden. Wir bieten eine große Bandbreite für alle Altersgruppen – auch außerhalb des großen Familienstückes zur Weihnachtszeit. Alle Ensemblemitglieder spielen gerne für Erwachsene wie für Kinder. Sonst wären sie bei uns auch falsch.

Wirtschafts-News: Im Jahr 2015 haben Sie eine Anzeige wegen „grober Störung” einer AfD-Demo erhalten. Das Ermittlungsverfahren wurde im Nachhinein wieder eingestellt. Was sagen Sie abschließend zu diesem Fall?

Markus Müller: Zuerst einmal waren wir unglaublich überrascht über diese Aufmerksamkeit und hätten damit so nie gerechnet. Der Grund, warum wir diesen Impuls setzen wollten, war ein zutiefst inhaltlicher. Politische Agitation, die versucht, aus den Ängsten der Menschen Kapital für fremdenfeindliche Ideologien zu schlagen, darf einfach nicht vor der Haustür eines Theaters unkommentiert abgesondert werden. Wir haben mit unseren ureigenen Theatermitteln darauf reagiert und mit der „Ode an die Freude“ ein klares Zeichen für Offenheit, Vielfalt und Toleranz gesetzt. Ich habe daraufhin eine Vielzahl positiver Rückmeldungen – und gleichzeitig unfassbare Anfeindungen bekommen. Das hat mich doch sehr schockiert. Durch die Anzeige der Polizei ist die Nachricht damals sehr groß geworden. Jetzt sind wir froh, dass dieses Verfahren eingestellt worden ist.

Wirtschafts-News: Würden Sie es wieder tun?

Markus Müller: Ja.

Wirtschafts-News: Ihr Resümee nach zwei Jahren Mainz und Ihre Pläne?

Markus Müller: Wir können uns über die besten Besucherzahlen seit 25 Jahren - und über die höchsten Einnahmen seit Bestehen des Hauses freuen. Es sind auch in dieser Spielzeit wieder über mehr als 600 neue Abonnenten dazu gekommen und wir haben mittlerweile auch viele Gäste, die extra von weither zu uns anreisen. Das sind natürlich alles Indikatoren, die uns zeigen, dass die Menschen gerne ins Theater kommen, sich mit dem Theater auseinandersetzen und wir offensichtlich auf dem richtigen Weg sind. Natürlich machen wir zwischendurch auch mal Mist, aber diesen verzeiht uns das Publikum bisher. So bin ich glücklich über den Zwischenstand, gleichzeitig aber natürlich nicht zufrieden. Es gilt nicht nachzulassen, sondern mit voller Energie weiterzumachen und nachzuspüren, welche Themen anliegen. Wo kann man den Finger bei einer gesellschaftlichen Fehlentwicklung in die Wunde legen? Was bewegt die Menschen? Wir werden neugierig und antriebsstark bleiben. 

Wirtschafts-News: Zum Schluss interessiert uns noch, wie Markus Müller sich in der Landeshauptstadt eingelebt hat. Sind Sie angekommen und gibt es vielleicht schon Ecken in der Stadt, die Sie besonders schätzen?

Markus Müller: Mainz ist eine Stadt am Wasser, in der viel Leben herrscht und dessen Bevölkerung sehr offen und herzlich ist. Das alles macht es einem Fremden leicht anzukommen. Es ist schön, hier zu sein. Ich mag die Stadtmitte direkt am Wasser, die vielen Weinstuben, die Altstadt und ich mag unser Theater und die Spielstätten. Es gibt viele Orte - ich fühle mich einfach wohl in Mainz. 

Wirtschafts-News: Haben Sie vielen Dank für das Interview.


Über die Autorin:

Alexandra Rohde ist freie Redakteurin und Autorin. Nach dem Studium der Publizistik, Soziologie und Pädagogik an der Johannes Gutenberg-Universität, absolvierte sie das Volontariat zur Pressereferentin. Ihren beruflichen Einstieg hatte sie bei der Mainzer Allgemeinen-Zeitung als freie Mitarbeiterin. Heute schreibt sie für unterschiedliche Zeitungen im Rhein-Main-Gebiet. Als Pressereferentin war sie weiterhin im Bereich der internen sowie externen Kommunikation tätig. Geboren 1982 in Mainz, studierte sie für ein Jahr im schweizerischen Basel und lebte für eine Weiterbildung im Bereich Aufnahmeleitung TV in München und Köln. Sie wohnt bei Mainz, in ihrer Freizeit reist sie leidenschaftlich gerne und hat ein Faible für Musik, Yoga und Tanz.