. .

Wenn der Horizont auf den Himmel trifft

Zur Galerie bitte Bild anklicken

Der Himmel kann sich an diesem frühen Dienstagabend nicht recht entscheiden, immer wieder kämpfen sich Sonnenstrahlen durch die Wolkenfelder. Als unsere Gruppe vor dem Wörrstädter Tourismusbüro zusammentrifft und wir erste Blicke wechseln, wird schnell klar: wir alle sind Neulinge – Neulinge in Sachen E-Bikes.

Für Angelika Friedrich, unsere heutige Tourenleiterin der Tourismus GmbH „Im Herzen Rheinhessens“, ist das nichts Neues und so erklärt sie unserer 4-köpfigen Gruppe (Fotograf Jochen Kratschmer ist leider schlecht mit ins Bild zu setzen) zunächst die Bedienung der tief dunkelroten E-Bikes. Ein besonderes Highlight ist das E-Mountainbike; noch stärker in der Übersetzung, voll gefedert, kommt es auffällig sportlich daher. Ebenfalls eine Spezialanfertigung und ganz offenbar Angelikas Schätzchen, schließlich „mag auch ich, wenn junge Männer bei meinen Touren dabei sind“ fügt sie beiläufig charmant hinzu. Außerdem, dass alle 14 Räder speziell für die Tourismus GmbH gefertigt wurden und sie so in dieser Art kein zweites Mal zu fahren sind.

Beste Voraussetzungen um die E-Bike-Premiere zu starten. Noch wissen wir nicht, was uns erwartet, als wir beim Wörrstädter Tourismusbüro aufbrechen. Ein kurzer Schwenk durch den Ortskern und wir lassen Wörrstadt hinter uns, raus geht es in die umliegenden rheinhessischen Felder. Die Tour de France auf rhoihessisch hat Kultur- und Weinbotschafterin Angelika Friedrich ganz individuell auf unseren Zeitrahmen abgestimmt. Vor uns liegen rund 11 Kilometer durch sanftes Hügelland, welches den einen oder anderen Anstieg für uns parat hält. 

200 Jahre Rheinhessen schickt seine Vorboten

Ganz nach Belieben können Interessierte entweder feste Touren buchen oder in enger Absprache mit dem Tourismusbüro eine ganz eigene Rundfahrt zusammenstellen. Grundsätzlich ist alles möglich, ein wichtiges Qualitätsmerkmal der E-Bike-Touren, die seit einem Jahr angeboten werden und sich immer größer werdender Beliebtheit erfreuen. Mit dem Ausblick auf die Feierlichkeiten anlässlich des 200-jährigen Rheinhessen-Geburtstages im nächsten Jahr, kann das für die Verbandsgemeinde Wörrstadt ein entscheidender Bonuspunkt sein, um möglichst viele Menschen in die größte deutsche Weinregion zu locken. Man spürt schnell, wie groß der persönliche Einsatz und die Motivation von Angelika Friedrich rund um dieses Kultur- und Freizeitangebot sind. 

Nach den ersten Metern, auf denen man beeindruckt von der elektronischen Kraftübersetzung noch scheinbar völlig auf die E-Bikes konzentriert ist, löst sich der Blick plötzlich auf diese schier nicht enden wollende Weite der rheinhessischen Natur. Wir nehmen den ersten Anstieg in Richtung Schildbergturm. Diese Momente, in denen man seine Umgebung ganz allein auf sich wirken lässt, innehält, an nichts anderes denkt und mit tiefen Atemzügen genießt – so erging es mir auf der ersten Aussichtsplattform. Ein selten schönes Panorama, das uns zu unserer Linken freie Sicht auf das lang gestreckte Plateau des Donnersberg bietet, von da schweift der Blick weiter bis zur Erhebung des Wißberg, der einen der bekanntesten Golfplätze Rheinhessens beherbergt. Der Lage nach verwundert das nicht. Zu Füßen der beiden Hochplateaus liegt eine Senke mit ewig weiten Flächen von Weinreben, Obstackern und goldenen Weizenähren, die kurz vor der Ernte stehen. Ich bin mir sehr sicher, Angelika Friedrich ahnt, dass wir einen Moment brauchen, um diese Eindrücke aufzunehmen und sie wirken zu lassen. Und sie lässt uns die Zeit, bevor sie uns schließlich erklärt, was es mit dem Schildbergturm auf sich hat: hier genießen wir die Aussicht von einer der insgesamt elf Stationen des Erlebniswanderwege, der sich rund um Wörrstadt und Sulzheim schlängelt. Wir schaffen es an diesem Dienstag auf zwei Stationen, unser Fortsetzungsbedarf steht damit früh fest. 

Kultur und Geschichte Rheinhessens vermitteln, dabei auch aus dem Leben und der Charakteristik dieser Region erzählen, das sind die Ziele der Tourismus GmbH. Trotz der Vorwegnahme, mit den geführten E-Bike-Touren gelingt dies mühelos. Während des Stopps zaubert Angelika Friedrich einen frischen Obstteller und einen dazu passenden,  gekühlten roten Secco hervor, „als Kultur- und Weinbotschafterin ist klar, dass der alkoholfrei ist“. Ebenso, dass beide Genussmittel von regionalen Bauern und Winzern stammen, dieses Mal setzt sie auf den Sulzheimer Obst- und Weinbaubetrieb „Am Schlehbaum“. Von Tour zu Tour wählt sie immer wieder andere regionale Betriebe aus, das Angebot ist üppig im größten Weinbaugebiet Deutschlands, welches den umliegenden Gebirgen Hunsrück, Taunus und Odenwald die besonders geschützten und somit trockene Lage verdankt. In Millionen von Jahren haben sich die verschiedenen Gesteinsschichten und die heute vorherrschenden Lössboden-Vorkommnisse entwickelt. Wo noch vor dem Eiszeitalter das Mainzer Becken, ein Meeresbecken über die gesamte Fläche Rheinhessens, vorzufinden war, kann man noch heute Belege dieser Zeit entdecken: Angelika Friedrich hat verschiedene Gesteinsproben und reinweiße Muscheln dabei, die noch immer in und um Sulzheim herum zu finden sind.

Ob Römer, Franken oder Franzosen – Rheinhessen trägt Zeugnis

„200 Jahre jung. 2000 Jahre alt“, 2016 feiert Rheinhessen seine Gründung im Jahr 1816 mit zahlreichen Events und speziellen Aktivitäten. Dass der Jubiläumsslogan wörtlich zu nehmen ist, wird beim nächsten Haltepunkt deutlich. Nachdem wir die Senke durchfahren sind, stehen wir auf einer Anhöhe die historisch zu einer der bedeutendsten gehört. Die Bergkuppe des „Vorderen Greifenberg“ scheint durch eine Rutschung der Plateaukante aus dem nebenliegenden Hang entstanden zu sein, welche man tatsächlich dort erahnen kann. 1978 wurden hier drei römische Sarkophage aus dem 4. Jahrhundert n.Chr. ausgegraben. Nach langem Kampf um den Verbleib der Funde, ist nun eine der drei Grabstätten auf dem Sulzheimer Friedhof zu finden. 

Bewegte Geschichte im Land der tausend Hügel. Schon Julius Caesar wusste die einmalige Lage der Region am Rhein einzusetzen und so hielt die römische Vorherrschaft bis zum 5. Jahrhundert, ehe sie wenig später zusammenbrach und das linksrheinische Gebiet in Zeiten der Völkerwanderung von Franken und Alemannen besetzt wurde. Zu dieser Zeit blieb Rheinhessen lange noch Grenzregion. Eine vermeintliche Beständigkeit gab es bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, währenddessen das Erzbistum Mainz und die Pfalzgrafschaft die entscheidenden Mächte in Rheinhessen waren.  Mit Ende des Dreißigjährigen Krieges, 1648, rückte die Region erstmals wieder in den Mittelpunkt, konnte aber gehalten werden.  Im Zuge der Französischen Revolution startete Ludwig der XIV. seine Revolutionskriege, erst fiel im September 1792 das Fürstbistum Speyer und wenig später Mainz, dem wenig später die Gründung der Mainzer Republik folgte.

„Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah“

Geschichtlich hat Rheinhessen viele historische Daten hervorgebracht, doch auch sonst steht sie dem Nachbarn Rheingau in nichts nach. Burgen, Schlösser und Klöster mögen auf der gegenüberliegenden Rheinseite dichter gedrängt sein, auch hat Rheinhessen milde ausgedrückt, recht wenig Waldfläche anzubieten. Dennoch: Von Bingen über Mainz bis nach Worms besticht Rheinhessen durch seine ganz eigene Idylle, seine Unverfälschtheit und auch durch seine Bescheidenheit. Es war genau dieses Bewusstsein, das sich während dieser Radtour in mir auflud: Statt mich nur allzu gern dem Fernweh hinzugeben, mich ans andere Ende der Welt zu träumen, sollte man viel öfter mit der nötigen Gelassenheit und Aufmerksamkeit seine Umgebung wahrnehmen, die einem nur allzu oft doch eigentlich auf einem Silbertablett präsentiert wird. Und 2016 wird dieses Bewusstsein im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten sicher weit über die rheinhessischen Grenzen hinausgetragen. Nicht umsonst hat es der rheinhessische Wein schon lange bis nach Asien und in die USA geschafft und wird dort als eine Köstlichkeit von allerhöchster Qualität geschätzt; es ist an der Zeit, dass auch der Tourismus sein volles Potenzial entfaltet. Dabei weiter in typischer Rheinhessen-Tradition: bewusst besonnen und nachhaltig natürlich. 

Redaktion: Ilka Waßmann
Bilder: Jochen Kratschmer