. .

Kampf ums Mainzer Rathaus - Martin Ehrhardt

Gitarre habe er begonnen, zu spielen, weil er „Das Licht der Welt“ möge, eine Nummer von Gisbert zu Knyphausen. Hört man sich den Song an, möchte man meinen, der Wiesbadener Liedermacher habe eine Apologie auf das Leben schreiben wollen, allen Übels zum Trotz. Doch so euphemistisch, ja fast schon kindlich naiv, der Text anmuten mag, man möchte es dem Mainzer OB-Kandidaten Martin Ehrhardt glauben. Vielleicht, weil er davon erzählt frei von Impetus und Furor. Als vierter Kandidat wirft er seinen Hut in den Ring für die Partei „Die Partei“.

Einen Ingwer-Zitronen-Tee trinkt Martin, als ich ihn fragte, weshalb er sich bei seinem roten Rennrad vorne Campagnolo und hinten Shimano montiert habe. Wir fachsimpeln über Rennräder. In derselben, unaufgeregten Tonlage erklärt er mir die Gründe dafür. Bei einem Unfall mit seinem Rennrad vor einigen Jahren brach er sich den Handrücken. Moderne Wippschaltungen, wie man sie heute von Rennrädern kennt, sind für ihn nicht die beste Lösung. Auch ein Grund, weshalb er sich den Renner komplett selbst aufgebaut hat. Dass seine Hand gebrochen war, wusste er schnell. Zwischen Studium und Studium ließ er sich zum Rettungssanitäter ausbilden. Vielseitig ist er, so viel steht fest.


Seine Eltern sind beide Lehrer. Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft. Sein Vater, Geisteswissenschaft, sagte in etwas scherzhafter Weise zu Martin, er solle auf jeden Fall was Anderes machen. Spricht man mit Martin persönlich, drückt er es sehr viel pointierter aus. Von Ingenieurswesen in Straßburg über ein freiwilliges soziales Jahr, einer Ausbildung zum Rettungssanitäter ging es dann nach Mainz, Mathe und Geographie auf Lehramt in Rekordzeit. In der Zeit davor habe er keinen Ort gefunden sagte er. Was er damit meine, wollte ich von ihm wissen. Nicht eine Stadt oder Region etwa, erklärte er mir, sondern seine Rolle in der Gesellschaft. Oder vielleicht auch seine Idee davon. So ähnlich, wie Europa kam mir da in den Sinn, als der französische Publizist Bernard-Henri Levy sagte, dies sei kein Ort, sondern eine Idee.
 

Einen Ort indessen würde er gerne mitgestalten. Auf die Kaiserstraße kommt er als erstes zu sprechen, als ich ihn auf die Mainzer Themen anspreche. Eine Picknickmeile würde er daraus machen. Viel grün, Naherholung, keine Autos. Mainz, so seine Vorstellung, könne die erste Stadt sein, die auf den Klimawandel samt Umstellungen und Konsequenzen vorbereitet ist. Den ÖPNV etwa wolle er halb kostenlos machen, indem jeder die Möglichkeit haben sollte, einen weiteren Mitfahrer mitzunehmen. Gerade wollten wir uns über die Stadtteildiskussion unterhalten, als Daniela hinzukam, eine Parteikollegin von Martin.


Das passte gut. Daniela ist bei der Stadtteildiskussion fest im Thema. Wo ist Platz? Wo liegen bereits Anschlüsse? Welcher Vorschlag kommt von welcher Partei? Grob gesagt, gibt es dazu zwei Ideen. Einmal diesseits, einmal jenseits der Rheinhessenstraße. Außerdem will ich von beiden wissen, was mir nicht ganz klar ist; wofür die Partei „Die Partei“ steht. Tatsächlich sei noch nicht ganz klar, ob es sich bei der Partei um demokratische Satire oder satirische Demokratie handele, erklärte mir Martin. Kaum verwunderlich, ins Leben rief sie Martin Sonneborn im Jahr 2004 in seiner Rolle als Titanic Chefredakteur, nachdem im Rahmen einer Redaktionssitzung die Frage nach der Wählbarkeit von bestehenden Parteien unbeantwortet blieb. Er selbst wechselte vor fünf Jahren von den Grünen zur „Die Partei“. Zu dogmatisch seien sie ihm geworden, antwortete er auf meine Frage, weshalb er gewechselt sei. Seine Entscheidung bezeichnete er nicht ohne Nonchalance als Notwehr, mehr noch als Nothilfe. Ebenjenes Augenzwinkern, das mäandert zwischen Chuzpe, Naivität und unverstelltem Blick, ohne jedoch seinen Sinuswert an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Die Frage nach demokratischer Satire oder satirischer Demokratie drängt sich geradezu auf. So ähnlich, wie bei der Partei selbst. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
 

Auf Egoismus, erklärt er mir am Schluss, folge immer Altruismus. Eine Erkenntnis mathematischer Spieltheorie sei dies. Da fühlte ich mich erinnert an unseren Gesprächsbeginn mit der Nummer von Gisbert zu Knyphausen.
 

Nun, man möchte es ihm glauben.