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Der große Lord - ein turbulenter Weihnachtsroman- Von Laura Hold

Zugegeben - ich war skeptisch. Braucht die Welt wirklich eine Fortsetzung der Geschichte des kleinen Lord Cedric Fauntleroy? Noch dazu von einem Krimi-Autoren aus Rheinhessen, der bisher vor allem mit seinen Asien-Thrillern und Japan-Krimis bekannt geworden ist? Aber schon nach ein paar Seiten hat Raymond Scofield (alias ZDF-Reporter Gert Anhalt) den Leser in eine völlig neue, rasante und überaus amüsante Geschichte entführt.

Ach, schöne Weihnachtszeit… dazu gehören unbedingt: Glühwein, Plätzchen, Tannenbaum - und die Wiederholung des Fernsehfilms „Der kleine Lord“. Auch in diesem Jahr werden wieder Millionen Zuschauer erleben, wie der liebenswerte Cedric Fauntleroy aus New York das steinharte Herz seines verknöcherten Großvaters, des Earl von Dorincourt, erweicht und schließlich zum Alleinerben eines beträchtlichen Vermögens wird. Am Ende müssen immer alle weinen, wenn der liebenswerte Junge allen Menschen überall ein frohes Fest wünscht. 

Bis jetzt dachten alle, mit dem großen Festschmaus auf dem gräflichen Schloss habe die Geschichte ihr glückliches Ende gefunden. Aber ein Autor aus Hahnheim wollte sich damit nicht abfinden und hat nun, 130 Jahre nach dem Erscheinen des Romans der britischen Schriftstellerin Frances Hodgson Burnett, die Fortsetzung der Geschichte erdichtet. 

Es beginnt am Weihnachtsabend in der Polizeiwache von Erleboro, dem verschlafenen Dorf im Schatten des Schlosses von Dorincourt. Der gemütliche Konstabler Paddock, der sich eigentlich auf einen ruhigen Heiligabend eingerichtet hatte, bekommt überraschend Besuch von einem sonderbaren jungen Mann, der einen Mord gestehen will: er habe soeben Lord Fauntleroy erschossen, bekennt der Besucher, der sich Tom Tipton nennt. Während draußen ein schlimmer Schneesturm tobt, erzählt der Besucher, der von einem Pinguin und einem Lama begleitet wird, die Geschichte seines wild bewegten Lebens. Aber schnell versteht der Leser, dass dieser Tom Tipton in Wirklichkeit niemand anders ist, als der leibhaftige Cedric Fauntleroy, der durch eine gemeine Intrige aus dem großväterlichen Schloss vertrieben wurde. Unsanft vom Thron gestoßen, landet der arme, kleine Lord unversehens im schlimmsten Slum des Londoner Ostens und gerät in die Fänge einer  hundsgemeinen Verbrecherbande. 

Aber selbst in schlimmster Not und Drangsal bewahrt sich der kleine Lord sein freundliches Wesen und gewinnt schließlich auch im Elendsviertel Freunde und Verbündete, die ihm helfen und an ihn glauben. Bis er schließlich…aber ich will nicht zuviel verraten, denn „Der große Lord“ ist zwar in erster Linie ein Weihnachtsmärchen. Aber das Buch erzählt eben auch eine sehr spannende Geschichte von Verrat und Niedertracht und der Macht von Ehrlichkeit und Freundschaft in einer bedrückenden Umgebung, wie wir sie aus den Werken von Charles Dickens kennen. 

Doch das Buch hat auch viele Momente umwerfender Komik. Nicht nur das selbstverliebte, arrogante Lama Felicitas sorgt immer wieder für Spaß. Vor allem die humorgeladenen Dialoge entlocken dem Leser immer wieder lautes Lachen und verursachen unerwartete Ausbrüche von Heiterkeit. Wenn Cedric alias Tom Tipton schließlich am Hofe der ehrwürdigen Königin Victoria landet und dort ihren unerzogenen Enkel, dem Preußenbengel Wilhelm zum Weihnachtsfest Gesellschaft leisten soll. Der geschichtskundige Leser erkennt sofort den späteren deutschen Kaiser Wilhelm II, der hier einen furiosen Gastauftritt hinlegt. 

Mein persönlicher Favorit ist der Seemann Jerry - eine Figur, zwar nicht im Film, wohl aber im Buch vom „Kleinen Lord“ vorkommt. Seine Aussprüche und Seemanns-Weisheiten sind von umwerfender Klarheit und tieferer Einsicht geprägt. „Was hat mir der stramme Nordwesten denn da Sappiges in die Flögels gedödelt…?“

Meisterhaft verwebt Scofield/Anhalt die Geschichte des kleinen Lords mit der erzählerischen  Gegenwart der Polizeiwache in Erleboro. Bis die beiden Handlungsstränge endlich zusammen kommen zum großen Finale, in welchem - am Heiligabend und mitten im tollsten Schneesturm - endlich der Showdown gelingt: die Konfrontation des wahren mit dem falschen Erben. 

Nach 250 turbulenten Seiten, die sich weglesen wie ein Thriller. 

Einziges Manko vielleicht: der Autor hätte statt 20 doch lieber 24 Kapitel schreiben sollen. Dann hätte man wie im Adventskalender jeden Tag eines lesen - und den Kindern eines vorlesen können. Denn so wie die Vorlage vom kleinen Lord ist auch der große Lord ein Erlebnis für die ganze Familie.


Über den Autor:


Gert Anhalt ist Journalist und Autor von Sachbüchern und Kriminalromanan. Nach dem Abitur studierte er in Marburg und Tokio Japanologie. Auf ein Volontariat folgte die Stelle als Redakteur der Hauptstadtredaktion von „Aktuelles“ und schließlich als Reporter für das „heute-journal“. Zu Anfang der 90er Jahre begann er, im Fernen Osten zu arbeiten, zunächst als Leiter des ZDF-Studios in Peking, anschließend als Reporter im Reporterpool. Nach der Jahrtausendwende ging er zurück nach Tokio, wo der das ZDF-Studio leitete. Darüber hinaus erschienen im ZDF mehrere von ihm produzierte Reportagen, darunter die zweiteilige Reportage „Indien“, sowie die im Jahr 2009 veröffentlichte Doku-Serie „Chinas Schätze“. Seine Sachbücher beschäftigen sich zumeist mit dem Thema Fernost und seit 1996 veröffentlicht er zudem Romane unter dem Pseudonym Raymond A. Scofield. 

 

Über Laura Hold:


Den Fokus der Öffentlichkeit scheut sie – schon seit vielen Jahren lebt Laura Hold auf dem Land im Süden von Köln, wo sie sich als Kunstkennerin und –sammlerin betätigt. Gewiss, beschaulich mag es dort sein, gleichwohl war es die rheinländische Offenheit, die sie nach dem Abitur in ihre Wahlheimat zog. Den Bezug zu ihrer einstigen Heimat Rheinhessen hat sie niemals verloren. Womöglich, sagt sie, sei es der Unterschied der Menschen hier und dort, der ihren Habitus begründe. Während der unverstellte Blick dem Rheinland entstamme, bliebe ihre geistige Heimat stets Rheinhessen. Viel erzählen über sich, möchte sie nicht. Eigensinnig mag sie sein, vielleicht wie Kater Heinrich, der ihr seit 15 Jahren Gesellschaft leistet. Ob ihre Empathie und Feinsinnigkeit auch ebenjener wechselseitigen Wertegemeinschaft zuzurechnen ist, lässt sich schwerlich sagen. Klar jedenfalls ist, wären nicht Wort und Kunst Gegenstand ihrer Gedanken, würde ihr Büro eine Detektei sein und ihren Boss hätte sie erfunden.