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Berliner Luft - das Mainzer Jahr

Ein Hauch Berliner Luft wehte über Mainz in diesem Sommer. Die Mainzer Oberbürgermeisterwahl, das war klar, warf lange Schatten voraus. Dass es spannend würde, ließ sich früh erahnen. Schon zu Anfang des Jahres war klar, dass Nino Haase, Sprecher der Bürgerinitiative gegen den Bau des Bibelturms gegen Amtsinhaber Michael Ebling antreten würde. Und kurz nach Fastnacht waren erste Stimmen zu vernehmen, die Tabea Rößner, Bundestagsabgeordnete der Grünen, ebenfalls im Rennen um das Amt sahen. Mit dem Mainzer Rechtsanwalt Martin Malcherek von der Linken und dem angehenden Lehrer Martin Ehrhard der Partei „Die Partei“ traten zudem zwei weitere Kandidaten an. Erste Hinweise auf die Ausgangssituation gab die Mainzer Kommunalwahl. Zwar wurde die Mainzer Ampel bestätigt, nicht jedoch ohne Verluste für die SPD und Zugewinne für die Grünen. Und auch die CDU verlor. Die Grünen waren fortan stärkste Fraktion im Stadtrat.

Die Brisanz indes, das wusste jeder, hatte andere Gründe. Zwar unabhängig, gleichwohl kaum unbekannt war etwa Nino Haase. Gerade unlängst hatte er sich als Sprecher der Bürgerinitiative gegen den Bibelturm im Beschaffen von Mehrheiten und Stimmen profiliert – der Ausgang ist bekannt. Auch Tabea Rößner war in Mainz bereits vielfältig in Erscheinung getreten. Sich dem Bau des Kohlekraftwerks „Ingelheimer Aue“ entgegenzustellen, verschaffte Ihr nicht nur Bekanntheit, sondern obendrein Glaubwürdigkeit als Umweltpolitikerin. Und gewiss, zwar gibt es mit Fritz Kuhn bereits einen grünen Landeshauptstadt-Chef, doch der ist eben keine – Sie ahnen es – Frau. Weithin bekannt ist zudem noch der grüne Tübinger Boris Palmer. Freilich ist auch dessen Geschlecht unbestritten. Streitbar hingegen sind seine politische Orientierung und Parteizugehörigkeit. Keine Frage also, der Kampf zwischen Ebling, Rößner und Haase versprach vor allen Dingen einen breiten Erfahrungshorizont der Kandidaten. Natürlich ging es um Persönlichkeiten, nicht im Besonderen um Themen.


Das Medieninteresse war gewaltig. Nicht nur aus Mainz kamen sie, sondern auch von außerhalb. Und weil es kaum Themenfelder gab, die nicht doppelt und dreifach besetzt waren, bildete sich ein enormes Brennglas über den Persönlichkeiten. Da war keine Kiste zu alt, kein Wort leichthin gesagt, schon gar nicht geschrieben. Kaum ein Text wurde gedruckt, Bewegtbild gesendet oder was auch immer sonst, ohne, dass Spekulationen über merkantile, gewohnheitsmäßige oder freundschaftliche Bande die Folge gewesen wären. Natürlich erzeugte das ein eigentümliches Bild der Branchenteilnehmer – Politiker und Journalisten – die enger wesensverwandt und aufeinander angewiesen kaum sein könnten. Beide Gruppen eint die Notwendigkeit zu Bekanntheit und Reichweite. Da mag Ehrgeiz keine schlechte Tugend sein, doch, wenn Ziel und Mittel einander nicht entsprechen, verliert er seinen Anspruch. Schlimmer ist nur der Trigger. Ohne Eitelkeit geht es nicht. Jene Betriebstemperatur aus Überheblichkeit und Hysterie, aus Machtbewusstsein und Versagensängsten. Die einen unter dem Deckmantel der Gestaltung und die anderen – so schmerzhaft es sein mag – unter dem der Aufklärung. 

Irgendwann im Sommer fragte ich Michael Ebling, was er machen wolle, wenn es nicht klappte mit der Wahl. Die Fastnacht wolle er tags drauf ausrufen, sagte er mir. Nun, es klappte mit der Wahl und auch sonst kehrte wieder Ruhe ein am Rhein. Besinnlich wird es zudem in den Straßen von Mainz und Wiesbaden. Gastautor Jörg Jaegers denkt in seinem Text über Wesenshaltung, Sinnhaftigkeit und gesellschaftliche Bedeutung von Weihnachten nach.


Bedeutsamer Punkt Jaegers Gedanken ist der Spannungsbogen zwischen entfesseltem Konsum und geistiger Haltung an Weihnachten. Versöhnung findet er in der Spendenbereitschaft von Unternehmen, Verbänden und gemeinnützigen Einrichtungen, die ihre Möglichkeiten nicht zuletzt jenem Konsum verdanken. Und in der Tat, wie groß die Not vieler Menschen ist, werden wir jetzt im Winter wieder sehen. Noch sind die Temperaturen mild. Doch das nächste Beast from the east kommt bestimmt. Und wenn der schneidende Ostwind die russische Kälte durch die Straßen der Städte peitscht, werden jene sichtbar, die in Niemands Bewusstsein sind. In Servicecentern von Banken, in Bahnhöfen, Unterführungen und Parkhäusern. Sie zahlen den zynischen Preis für das groteske Versagen einer Gesellschaft, die sich an absurd lächerlichen Diskussionen abarbeitet. Zugegeben, mit Lokalpolitik hat das nichts zu tun. In diesem Fall ist es schlimmer. Berliner Luft kommt nicht alle acht Jahre, sondern jeden Winter aufs Neue.  


Haben Sie eine schöne Weihnachtszeit und einen guten Rutsch ins neue Jahr.