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Coronakrise - Whatever it takes

Es gibt Aussprüche, die Ihre Zeit überdauern. Angela Merkels „Wir schaffen das“ zur Zeit der Flüchtlingskrise war so einer. Steinbrücks und Merkels apodiktisches Versprechen während der Finanzkrise, die Sparkonten seien sicher ebenso. Zu neuer Identität verhalf Boris Johnson unlängst dem Slogan „Keep Calm and carry on“, den die britische Regierung zu Beginn des zweiten Weltkrieges an ihre Bevölkerung richtete. „Whatever it takes“, wird ein solcher werden. Gleich in mehrfacher Hinsicht.

Als Mario Draghi unter dem Druck der Euro-Krise den Spekulanten mit aller Entschlossenheit entgegentrat, konnte er kaum geahnt haben, dass ein nach oben hin offener Superlativ einmal noch stärker strapaziert werden könnte. Zwar betonte Draghi-Nachfolgerin Christine Lagarde, sie wolle nicht in die Rolle ihres Vorgängers schlüpfen, doch am Ende blieb ihr nichts anderes zu sagen als eben dies: „Whatever it takes“. 

Wann immer einem Ausspruch neues Leben eingehaucht wird, kann man davon ausgehen, dass sich die Lage unter veränderten Parametern vergleichsweise dramatisiert hat. Während in Draghis Zeit „Whatever it takes“ einzig und allein bedeutete, Geld zu drucken, heißt es nun – unter anderem Geld zu drucken. Der Rest der Lösung bleibt offen. Jener Ausspruch, der damals als entschlossene Ansage mit klarem Konsequenzweg gewertet werden durfte, wird damit zum Sinnbild der Hilflosigkeit.


Über Hilflosigkeit will ich gar nicht die Nase rümpfen. Ich selbst habe meine Meinung zum politischen Kurs in den vergangenen Wochen vielfach geändert. Und von einer klaren Positionierung bin ich weit entfernt. Die Abwägung, welche Strategie zwischen Durchseuchung und komplettem Lockdown die richtige ist und sein wird, ist nicht nur komplex, sondern vor allen Dingen von der Notwendigkeit geprägt, Entscheidungen mit dünner Informationsdecke treffen zu müssen. Da dürfte mancher Politiker neidvoll auf Wissenschaftler blicken, die fernab von Kameras und Mikrophonen – im schlechteren Fall auch vor Kameras – Ratschläge auf der Grundlage von gesichertem Zahlenmaterial im geschützten Raum des Validierten aussprechen können.
 

Nein, wer solche Entscheidungen treffen muss, braucht Beinfreiheit. Nur glaubwürdig und empathiehaft müssen sie sein. Man muss weder Ökonom, Jurist, Soziologe oder Psychologe sein, um festzustellen, mit welch unfassbaren Härten die meisten Menschen in dieser Zeit konfrontiert sind. Das funktioniert nur dann, wenn sie davon überzeugt sind, dass jene, die sie mandatiert haben, ihnen Regeln zu geben, Ihrerseits von der Notwendigkeit überzeugt sind. Da will ich nicht das Haar in der Suppe – oder im Fahrstuhl – suchen, doch Situationen unter großer Auflösung und Momentaufnahmen lassen mitunter tief blicken. Der Eindruck, es werde Wasser gepredigt und Wein getrunken, ist ein Schlag ins Gesicht für alle, die die Entbehrungen mittragen und längst an die Grenzen Ihres Daseins geraten sind.


Dabei steht nicht nur Glaubwürdigkeit auf dem Prüfstand, sondern ebenso die Sprachreglung. So war von Kanzleramtsminister, Helge Braun, mehrfach zu hören, man werde sich das Ausgeh- und Kontaktverhalten der Bevölkerung genau ansehen, um danach zu entscheiden, welche Maßnahmen angemessen seien. Eine vollkommen unangebrachte Tonlage für einen Mandatsträger, der damit erwachsene Menschen für entmündigt erklärt.


Als sehr angenehm empfunden habe ich die Beiträge sowohl des Deutschen Ethikrats, als auch zuletzt der Vorsitzenden des Europäischen Ethikrates Christiane Woopen. In einer kaum überschaubaren geschweige denn einordbaren Sach- und Diskurslage erweiterten sie die Debatte um wichtige Parameter, indem sie auf die dramatischen Folgen auch jenseits wirtschaftlicher Betrachtungen verwiesen. Es bringe nichts, äußerte sich der Deutsche Ethikrat, wenn wir nur auf die Menschen in den Krankenhäusern achteten, dafür indes alle anderen außerhalb der Krankenhäuser zugrunde gingen. Auch dies ist nicht weithergeholt. Wo die einen vereinsamen, fällt den anderen die Decke auf den Kopf, weil die Eltern nicht zur Arbeit gehen können und die Kinder nicht in die Schule dürfen. Gewissermaßen eine zynische Wahl zwischen Depression und Aggression – beides mit statistisch erfassten Folgen einer terminalen Qualität.
 

„Whatever it takes“ ist damit nicht nur Ausdruck der Hilflosigkeit, sondern wird mit all dessen Unbekannten zum größten Gleichmacher, dem wir uns seit langer Zeit begegnet sehen. Viel krasser noch, als Geld ein Gleichmacher ist, sowohl im Kommunismus, als auch im Kapitalismus. Kaum verwunderlich, dass die Debatte Philosophen, Staatsrechtler und Ökonomen auf den Plan ruft, die die Corona-Krise als Katalysator für die Industrialisierung 3.0 ansehen. Eine Ironie der Geschichte mag es dabei sein, dass wir uns seit 2000 Jahren erfolglos Gedanken über Ressourcenverteilung machen bis schließlich ein Argument daherkommt, das sich weder kaufen noch erschlagen lässt.
 

Bleiben Sie gesund – whatever it takes!