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Lampenfieber ist ein Zaubertrank

Witzig, unmissverständlich und direkt: Lars Reichow. Der Mainzer Kabarettist ist auf zahlreichen Bühnen in und außerhalb Deutschlands zuhause – ob Fernsehen, Radio oder Print: Reichow setzt mit seinen Aussagen klare Akzente und sticht dort hinein, wo es Diskussionsbedarf gibt. Wirtschafts-News sprach mit dem Herzblut-Finther über seinen Leben und die Berufung, Menschen zu unterhalten.

Wirtschafts-News: Sie studierten Germanistik und Musik und wurden Lehrer. Heute stehen Sie als Kabarettist auf zahlreichen Bühnen. Wie entwickelte sich Ihr beruflicher Werdegang und war es „schwierig“ den Beamtenstatus aufzugeben? Gibt es Parallelen zwischen den beiden Berufen?

Lars Reichow: Oh, ich denke gern an meine Zeit als Lehrer. Ich hoffe, ein paar Schülerinnen und Schüler tun das auch. Es gibt tatsächlich Parallelen zu meinem heutigen Beruf: Als Lehrer muss man eine Gruppe von Menschen begeistern, als Kabarettist auch. Leichter geht es natürlich bei denen, die freiwillig gekommen sind. Am allerbesten sind die zu überzeugen, die Eintritt bezahlt haben. Mein Wunsch, ein Bühnenmensch zu werden, geht offenbar weiter zurück, als ich dachte. Mit 14 Jahren hab` ich mir mal einen Stempel machen lassen. Auf dem standen die Worte „littera et musica, vita in laetitia“. Und genau diesen Stempel habe ich meinem Leben aufgedrückt. Die Musik und das Wort – das sind die Zutaten meines Bühnenlebens – und eigentlich auch meines privaten. Kommt noch dazu, dass ich wahnsinnig gerne lache und ein extrem humorbedürftiger Mensch bin. Deshalb habe ich auch in der Schule immer nach Möglichkeiten gesucht, die Schüler zum Lachen zu bringen und am selben Abend irgendwo in Deutschland auf einer Bühne. Das war aber auf Dauer zu anstrengend und deshalb kann ich heute morgens ausschlafen. Ausgelöst wurde die Entscheidung für den Abend durch meine Frau. Eine Familie zu haben, ist ein großes Glück und das sollte man nicht gefährden durch einen beruflichen Burn-Out. Ich wollte meine Kinder kennenlernen und viel Zeit mit meiner Frau und unseren Nachfahren verbringen. Manche sagen, es war ein Risiko, den Beamtenstatus aufzugeben. Ich fühle mich heute sicherer als früher, der freie, selbstständige Beruf hat mir gutgetan. Das Beste am Künstlerberuf ist, dass man sich immer wieder etwas überlegen darf, mit dem man dann irgendwann an die Öffentlichkeit geht. Es gibt kaum Berufe, die mit mehr Befriedigung einhergehen.

Wirtschafts-News: Als Kabarettist nehmen Sie so manchen in die Mangel –welche Schnittmuster gibt es zwischen dem Privatleben und der Bühne und wo setzen Sie Grenzen? Beispiel „Der Sitzsack“. 

Lars Reichow: Der „Sitzsack“ ist eine meiner bekanntesten Nummern. Viele Eltern haben mir bestätigt, dass sie auch einen zuhause hätten. Der betroffene Sohn, also der bei uns zuhause, war zunächst einmal ziemlich beleidigt, als ich seine Szene veröffentlicht habe. Später war er sehr zufrieden mit seiner Darstellung und hat mir bestätigt, dass es die beste Bühnennummer im „Goldfinger“-Programm war. Er wollte sogar noch zusätzliches Geld dafür. Heute spiele ich die Nummer um so lieber, denn unsere beiden Söhne sind raus aus ihren Säcken und tun irgendwas Interessantes. Wenn man Dinge aus dem Privatleben, aus dem Familienleben auf die Bühne bringt, dann sollte man aufpassen, dass niemand verletzt wird. Mir hat schon manches Mal die Distanz gefehlt bzw. das Einfühlungsvermögen, um festzustellen, dass meine Familie sich nicht unbedingt in der Öffentlichkeit wiederfinden möchte. Deshalb bespreche ich mich heute sehr eng mit meiner Frau. Sie ist die erste, die das Programm vorgespielt bekommt – ihre Rückmeldungen nehme ich – ausnahmsweise – ernst! 

Wirtschafts-News: Welche Intention verfolgen Sie in erster Linie mit Ihrer Arbeit und welche Botschaft haben Sie an Ihr Publikum? 

Lars Reichow: Oh, ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich gestartet bin in diesen Beruf ohne eine bestimmte Botschaft, oder einfach nur mit einer einfachen: „Seht her, was ich kann. Hoffentlich gefällt’s euch!“ Vielleicht wollte ich auch nur ein paar Dinge aus mir „herauskehren“, die mich lange beschäftigt haben. Aber das war keine hohe Politik, sondern eher studentische und ganz persönliche Dinge, bei denen ich mich gewundert habe, dass es anderen ähnlich geht. Inzwischen gehört zu meinen Programmen auch eine klare politische Stellungnahme. Das ist mir wichtig und ich glaube, es ist auch wichtiger geworden, sich politisch zu äußern, damit unsere Staatsform nicht am Ende untergeht vor lauter Selbstverständlichkeiten. Übrigens spürt man auch irgendwann eine Verantwortung, wenn man merkt, dass das, was man den Leuten mitteilt, sie sehr beeinflusst. Als Künstler muss man sich immer bewusst sein, wie man sich zu welchem Thema äußert und welche Position man vertritt. Sogar die Fans der Popmusik sollten genau hinhören, was ihre Idole von sich geben – auch und besonders, wenn es Sänger aus Mannheim sind!

Wirtschafts-News: Der Flügel ist Ihr stetiger Begleiter bei jedem Auftritt – was bedeutet Ihnen Musik?

Lars Reichow: Musik ist die Kunst, die mir am mächtigsten vorkommt. Musik kann Stimmungen direkt beeinflussen. Ich wollte Musik immer auf der Bühne haben. Früher lag der Anteil noch höher als heute. In einem meiner ersten Programme „Der Klaviator“ hatte ich ein 35-Minuten langes Musikstück. Eine riesige Hörspiel-Geschichte, die ich unbedingt machen wollte. Es war eine unglaubliche Anstrengung, nicht nur für mich, aber das Publikum war ziemlich begeistert.

Wirtschafts-News: Sie sind gebürtiger und bekennender Mainzer – in der Fastnachtssendung „Mainz bleibt Mainz" stehen Sie erfolgreich als Redner in der Bütt. Dieses Amt haben Sie allerdings noch nicht allzu lange inne und zu Anfanggab es den Einwand, keinen Profi neben Laien auftreten zu lassen. Hat sich dies gelegt und was bedeutet Ihnen dieses Amt?

Lars Reichow: Ich will die Diskussion nicht unnötig mit Sauerstoff versorgen. Grundsätzlich müssen alle, die bei einer großen Unterhaltungssendung mitwirken, professionell arbeiten. 

Wirtschafts-News: Wenn wir bei Fastnacht sind – kurz ein paar Worte zur diesjährigen Kampagne, in der es einige Anfeindungen Ihnen gegenüber sowie auch gegen Ihre Kollegen Hans-Peter Betz alias Guddi Gutenberg und Andreas Schmitt alias Obermessdiener gab. Diese kamen vor allem aus den Kreisen der AFD. Wie haben Sie die Angriffe wahrgenommen und haben sich die Art von Reaktionen auf politische Aussagen im Vergleich zu früher verändert oder sogar eine neue Dimension bekommen? 

Lars Reichow: Es gab immer Menschen, die sich unterhalb der Gürtellinie geäußert haben. Sie saßen in einer Kneipe oder haben ihren unausgereiften Quark durchs Treppenhaus gerufen. Heute ist das anders. Im Internet erscheinen alle Äußerungen gleich wichtig, aber sie sind es nicht. Manche schreiben etwas im Zorn, früher hätten sie erstmal mit nahen Verwandten darüber gesprochen. Wer heute möchte, der kann mir seine Beleidigungen direkt über facebook zukommen lassen. Wir sollten daran arbeiten, dass diese Beleidigungen und Demütigungen in Zukunft ausgeschlossen werden. Was die Fernsehsitzung „Mainz bleibt Mainz“ in diesem Jahr anbetrifft, so weiß ich nur, dass die Herrschaften der AfD nach mir den Saal verlassen haben. Ehe sie das taten, wollten sie sich aber wohl gerne noch beim Sitzungspräsidenten auf der Bühne öffentlich „verabschieden“. Ich kann nur ahnen, wie das ausgegangen wäre und bin froh, dass es verhindert wurde. Ich habe davon glücklicherweise nichts mitbekommen. Ich war glücklich und zufrieden mit meinem Auftritt, habe meine politische Meinung deutlich vertreten und im Saal (und übrigens auch später im Netz) gespürt, dass sich eine überwältigende Mehrheit meiner Meinung anschließen konnte.

Wirtschafts-News: Stichwort Demokratie, Meinungsfreiheit – wie wichtig ist diese in Ihren Augen, gerade auch im Hinblick auf die Entwicklungen in der Türkei? Welche Position nimmt ein Kabarettist hier ein?

Lars Reichow: Wir leben in einem Land, in dem die Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt herrschen. Wir können sagen, was wir denken und wir haben das Recht, unsere Meinung zu äußern. Natürlich gibt es auch bei uns ein paar Momente, wo man merkt: Es geht halt doch nicht alles. Es gibt auch Themen, die in den Öffentlich-Rechtlichen weggedrückt werden – aus politischen Gründen. Aber von der Aufdeckung solcher Machenschaften lebt unsere Pressefreiheit. Generell können wir in Deutschland sehr zufrieden sein mit unseren Möglichkeiten, eine Meinung zu äußern. Was die Türkei angeht: Mir erschien das Böhmermann Gedicht von Anfang an auf gewisse Weise unsympathisch. Fast noch unsympathischer als Erdogan, und das mag etwas heißen! Ich weiß nicht, ob es ein gutes Beispiel dafür war, wie weit man gehen sollte oder gehen darf. Ich sehe die Dinge auch mal gesamteuropäisch und da steht es uns als zentralem Staat in Europa ganz gut an, mit den Nachbarn, besonders mit den türkischen Nachbarn, in einem guten Verhältnis zusammen zu leben. Wir sind eine exportierende Industrienation und wir brauchen gute Beziehungen, nicht um jeden Preis,  zu unseren europäischen Partnern. Deshalb ist es vernünftig, Merkels Kurs der Deeskalation zu folgen. Und genau aus demselben Grund ist es vernünftig, im Kabarett deutlicher zu werden und die Dinge ganz undiplomatisch auf die Spitze zu treiben. Dafür sind wir nämlich da!

Wirtschafts-News: Kurz ein paar Worte zu Ihrem Programm: wie lange braucht es, bis ein solches finalisiert ist? 

Lars Reichow: Im Kabarett ist es kein Muss, täglich etwas Neues zu gestalten. Meine Programme haben im Durchschnitt eine Lebenszeit von drei Jahren, natürlich wird der ein oder andere Punkt aktualisiert und aufgefrischt. Ich bemühe mich immer um Aktualität, bin aber nicht davon abhängig, weil ich dem Publikum ja auch mit dem Programmtitel ein Versprechen gegeben habe. Am 20. Oktober 2017 kommt mein neues Programm auf die Bühne, die Uraufführung ist im Staatstheater Mainz. Der Titel des Programms ist „Lust“. Bereits seit dem Frühjahr sitze ich und überlege mir, welche Themen könnten da angesprochen werden, was wird unsere Gesellschaft in den nächsten Jahren beschäftigen, was wird mein Publikum interessieren? Vor allem aber: Welche Themen kann ich glaubwürdig ansprechen, was bewegt mich? Ein neues Programm ist übrigens ein interessanter Zeitpunkt im Leben eines selbstständigen Kabarettisten: Man muss das, was man am besten kann – nämlich das alte Programm – weglegen. Der Abschied fällt natürlich sehr schwer und es ist ein sehr schmerzhafter, kräftezehrender Prozess, der aber am Ende in eine großartige Befriedigung mündet: Etwas Neues!

Wirtschafts-News: Spannung und Aufregung vor einem Auftritt: ist Lampenfieber bei Ihnen noch ein Thema?

Lars Reichow: Diese Frage habe ich schon oft beantwortet. Tatsächlich ist das Lampenfieber eine Art „Zaubertrank“, es ist lebenswichtig für den Künstler, es baut ihn auf und wenn er sich nicht davon verrückt machen lässt, dann erwachsen ihm daraus Superkräfte!

Wirtschafts-News: Sie sind deutschlandweit mit Ihrem Programm unterwegs und stehen doch auch häufig in Mainz auf der Bühne. Denken wir an das Lied „Mainz“, eine Hommage an unsere Stadt - was bedeutet Ihnen Ihre Heimat? 

Lars Reichow: Ich fühlte mich in Mainz schon immer sehr wohl und habe auch in all den Jahren nie ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, aus opportunistischen Gründen in eine andere Stadt zu ziehen. Ich bin hier aufgewachsen, hier lebt meine Familie und viele meiner Freunde und so soll es auch bleiben. Mainz hat so viel Energie, so viele lustige und lustvolle Menschen wohnen hier. Hier lebt ein wichtiger Teil meines Publikums, weil mich die Leute kennen und schon lange zu mir kommen, um zu hören, was ich zu sagen - und zu singen habe. Das Schöne an meinem Beruf ist, dass ich meistens unterwegs bin und deshalb die Heimat-Auftritte besonders genieße, weil ich dann den kürzesten Heimweg habe und endlich mal das Hotel weglassen kann. Mainz ist meine Heimat!

Wirtschafts-News: Wie würden Sie den Unterschied zwischen dem Kabarettisten und dem Privatmann Lars Reichow beschreiben?

Lars Reichow: Es gibt natürlich einen, aber mein privates Leben ist immer die Unterlage für den künstlerischen Auftritt. Für mich ist grundsätzlich, also privat und beruflich wichtig, dass das Leben leicht geht, dass man sich nicht zu viele Gedanken machen muss, sondern der Genuss an erster Stelle kommt. Es gibt Tage, an denen bin ich so glücklich, dass ich es kaum aushalte und wenn ich dann keinen Auftritt habe, dann kann das für meine Familie schon anstrengend werden. Dann müssen die sich das alles anhören. Peinlich wäre es, im Privatleben ständig Bühnenzitate zu machen. Das würde mir aber auch deutlich gesagt, vermute ich. Das Schöne an einer Familie ist ja, dass man keinen Bonus hat, nur weil man auf der Bühne beachtet wird. Das ist z.B. meinen Kindern völlig egal. Und das ist auch gut so.

Wirtschafts-News: Ein typischer Tagesablauf des Lars Reichow gestaltet sich wie?

Lars Reichow: Ich stehe in der Regel mit allen auf, frühstücke mit ihnen und dann gehen sie aus dem Haus und ich bin wieder alleine. Dann kann ich meine Zeit frei einteilen, arbeite oft bis zum Mittag, gehe dann schwimmen und dann geht’s weiter. Jeder Tag ist aber irgendwie anders und das ist das Beste an meinem Alltag.

Wirtschafts-News: Ihre Hobbies sind? 

Lars Reichow: Hobbies im klassischen Sinne kenne ich nicht. Ich mache gerne einfach Dinge, die ich auch beherrsche; z.B. Keller aufräumen, Staubsaugen, Spazierengehen, Schwimmen. Aber vor allem beschäftigt mich mein Beruf: Viel Lesen, ins Theater gehen, Filme gucken und wann immer es geht: Klavier spielen! 

Wirtschafts-News: Für die deutsche, die europäische und die globale Zukunft wünschen Sie sich?

Lars Reichow: Vernünftige, kompetente, gutbezahlte Spitzenpolitiker. Eine starke europäische Gemeinschaft, Nationalstaaten, die die Vorteile der EU zu schätzen wissen, ein gutes, freundschaftliches Miteinander mit den USA, China und Russland. Ich wünsche mir, dass Deutschland ein klassisches Einwanderungsland wird, mit einem gesunden Bedarf an gut qualifizierten Leuten aus der ganzen Welt und einer tatkräftigen Entwicklungshilfe weltweit als Ausgleich für den Wohlstand, in dem wir das Glück haben zu leben. Ich wünsche mir aber vor allem Frieden und einen globalen Wandel zu einem ökologischen Denken, das die Wunder der Natur respektiert und bewahren kann. 

 

Alexandra Rohde ist freie Redakteurin und Autorin. Nach dem Studium der Publizistik, Soziologie und Pädagogik an der Johannes Gutenberg-Universität, absolvierte sie das Volontariat zur Pressereferentin. Ihren beruflichen Einstieg hatte sie bei der Mainzer Allgemeinen-Zeitung als freie Mitarbeiterin. Heute schreibt sie für unterschiedliche Zeitungen im Rhein-Main-Gebiet. Als Pressereferentin war sie weiterhin im Bereich der internen sowie externen Kommunikation tätig. Geboren 1982 in Mainz, studierte sie für ein Jahr im schweizerischen Basel und lebte für eine Weiterbildung im Bereich Aufnahmeleitung TV in München und Köln. Sie wohnt bei Mainz, in ihrer Freizeit reist sie leidenschaftlich gerne und hat ein Faible für Musik, Yoga und Tanz.

Fotos: Mario Andreya, Alexander Sell