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Kampf ums Mainzer Rathaus - Tabea Rößner

Ganz schön was los in der Mainzer Neustadt, dachte ich, als ich im Café Annabatterie sitze, während ich auf Tabea Rößner warte. Ich bin etwas zu früh dran, also hörte ich solange den jungen Leuten an den Tischen vor und hinter mir zu. Zwei Mädels vor mir und eine kleine Gruppe – auch Mädels – hinter mir, allesamt Studentinnen. An den Themen hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten kaum etwas geändert, fiel mir auf. Ein bisschen Klausuren, viel Haus Mainusch und Muschel und natürlich Suff, Drogen und Jungs. Alles gut am Rhein. Und schön, dachte ich, dass die erosionshaften Zerwürfnisse unserer Zeit die Arithmetik des hiesigen Lebensgefühls nicht vollends zerschießen. Wie bei den Hobbits im Auenland in „Herr der Ringe“. Oder beim Dorf von Asterix. Da kommt Tabea.

Wir sitzen einander gegenüber auf einer Art Bierbankgarnitur. Eine fürchterlich penetrante Wespe will mir keine Ruhe lassen, bis sie schließlich in meine Flasche kletterte. Schön blöd, für ne Apfelsaftschorle. Außerdem ärgerte mich, dass die Wespe nur mich belagerte, währenddessen sie Tabea in Ruhe ließ. Also begann ich mit der geistreichen Frage an Tabea, wie ich die blöde Wespe wieder aus meiner Flasche bekomme. Einmal ruckartig nach unten wippen, sagte sie. Hat funktioniert. Asterix, Herr der Ringe, Wespen, Oberbürgermeister von Mainz? Hä? Das Leben schreibt Geschichten, Geschichten schreiben das Leben.


Er solle sich um Tabea kümmern, sagte Claudi zu Joschka, während sie selbst Pizza holen ginge. Claudi war Tabeas erster Kontakt, als sie 1986 nach Frankfurt ging, um dort ihr Studium fortzusetzen, das sie in Köln begonnen hatte. Musikwissenschaften, Kunstgeschichte, Theater,- Film- und Fernsehwissenschaften. Journalistik und Öffentliches Recht kam später in Mainz hinzu. Joschka, erinnert sich Tabea, bat sie ins Wohnzimmer, wusste jedoch nicht so recht, was er sagen sollte. Skurril mag man meinen. „I´m not convinced“, sagte jener Joschka keine zwei Jahrzehnte später auf der Münchner Sicherheitskonferenz und lehnte eine deutsche Beteiligung am Irak-Krieg ab. Für Tabea war es ein Schlüsselereignis, da sie gemeinsam mit Claudi, Joschkas dritter Frau, den Grünen beitrat. Ausgetreten aus der Partei ist sie nie, doch ihre politischen Aktivitäten ließ sie zwischenzeitlich immer wieder ruhen. Ausschlaggebend dafür waren sowohl Wahlergebnisse, die nicht das erhoffte Ergebnis brachten, als auch persönliche Enttäuschungen. Doch immer wieder waren es Schlüsselereignisse, die die Nabelschnur zur Politik nicht komplett abreißen ließen. Nicht selten fühlte sie sich provoziert von Zuständen, die sie als Ungerechtigkeit oder Fehlstellung empfand. In vielen Fällen solche, die man heute salonfähig als nicht hinnehmbar bezeichnen würde. Eine Mainzer Sozialdezernentin äußerte sich in dieser Weise Mitte der neunziger Jahre auf dem Open Ohr und löste bei Tabea neuen Schub aus. Ob das Zusammentreffen mit Joschka Fischer und der Beitritt zu den Grünen der Beginn ihrer politischen Wahrnehmung gewesen sei, will ich von ihr wissen. Du Trottel, schimpfte ich mich selbst. Rhetorischer kann eine Frage kaum sein.


Eine Pappentochter sei sie. Pappen? Nie gehört. Ein eher negativ konnotierter Ausdruck für Pfarrer, erklärte sie mir. Ah, verstehe, ich kannte bislang nur den Ausdruck „Pfaff“. Eigentlich bezeichnend für die Region mit dem semantischen Kopfschuss. Ostwestfalen, herrje. Die Menschen indes sind dort sehr angenehm. Sie reden nur, wenn sie müssen und auch dann nur sehr ungern. Doch wenn sie was sagen, ist es zumeist prägnant. Pappentochter. Als viertes von sechs Kindern wuchs sie dort auf. Eine besondere Verbindung hat ihre Familie zu Afrika, da ihr Vater sich in seiner Rolle als Pfarrer dort engagierte. Drei ihrer Schwestern hatten später Beziehungen zu farbigen Männern, zwei von ihnen aus Afrika, einer aus Jamaika. Für sie selbst ist es der Beginn Ihres politischen Denkens. Schon, weil ihre Familie immer wieder mit Vorurteilen gegenüber Farbigen konfrontiert war. Dies, sowie die massiv sozioökonomische Ungleichheit zwischen Europa und Afrika bewog sie, in einem Weltladen zu arbeiten. Hinzu kam das Namensrecht. Die heute kaum mehr nachvollziehbare Frage, weshalb Frauen den Familiennamen des Mannes anzunehmen hatten. Erstaunlich übrigens, dass ein gesellschaftliches Bewusstsein, das heute allenthalben vom letzten Hinterwäldler ernsthaft angezweifelt wird, erst Anfang der neunziger Jahre gesetzlich manifestiert worden ist.


Politik sei in der Familie immer schon ein Thema gewesen, erzählt Tabea mir. Einem sozialdemokratischen Haushalt entstammt sie. Klar, das waren die Jahre von Brandt und Schmidt. Und Nordrhein-Westfalen für lange Zeit die Herzkammer der Sozialdemokraten. Die Zeichen der Zeit waren ambivalent. Einerseits trieb Brandt die Ostversöhnung voran, gleichzeitig jedoch verschärfte sich später unter Schmidt das Wettrüsten zwischen Nato und Warschauer Pakt. Abbild dieser Entwicklung war der Nato-Doppelbeschluss von 1979. Pershing II war das Stichwort dieser Epoche. Raketen, die in der Lage waren, atomare Sprengköpfe zu transportieren. Die Stationierung jener Marschflugkörper – insbesondere in Deutschland - bei gleichzeitiger Begrenzung der atomaren Mittelstrecken-Raketen war das Verhandlungsziel.
 

Die Reaktionen der Friedenaktivisten in Deutschland ließen nicht lange auf sich warten. Sie erinnere sich noch gut, erzählte sie mir, an den Beginn der Bonner Friedensdemonstrationen. Im Oktober 1981 war sie selbst im Bonner Hofgarten dabei. 300.000 Menschen nahmen daran teil, um gegen den Nato-Doppelbeschluss zu demonstrieren. Drei weitere Großdemonstrationen folgten. In den Folgejahren, Ihrer Zeit auf dem Gymnasium, engagierte sie sich für Friedens- und Umweltthemen der Achtzigerjahre. Gorleben war ein Thema – Endlagerung von Atommüll, Pinochet, Apartheit, der philippinische Diktator Marcos. Noch immer überlege ich, ob es Einzelerlebnisse sind, die Tabea triggern, jene Schlüsselereignisse, oder, ob es ihr Bedürfnis ist, ein gesellschaftliches Klima zu verändern. Nun, in der Mitte des Gesprächs, habe ich den Eindruck, dass beides der Fall ist. Womöglich laufen in Ihrer OB-Kandidatur Lebenslinien, Erfahrungen und Sichtweisen zusammen.
 

Die Frankfurter Jahre nach Ihrer Begegnung mit Joschka und Claudi waren geprägt von studentisch-politischer Aktivität. 1987, ein Jahr nach ihrem Parteibeitritt, begründete sie den Jugendstammtisch „Club Voltaire“ mit. Darüber hinaus war sie Mitbegründerin der Hochschulgruppe der Grünen an der Frankfurter Uni. Und Frankfurter Schule ist in ihrem Fall sprichwörtlich zu nehmen; auch Habermas gehörte zu ihren Ansprechpartnern. Mein Bild von Tabea beginnt, sich zu verdichten. Auf hundertprozentige Sicherheit hat sie in vielen Entscheidungen verzichtet. Nicht jedoch auf Selbstbestimmung, Gestaltung und Individualismus.
 

So auch ihre journalistische Karriere. Station machte sie beim Hessischen Rundfunk und beim ZDF. Jeweils als freiberufliche Journalistin war sie tätig als Autorin, Redakteurin, verantwortliche Redakteurin und zuletzt Schlussredakteurin. Große Formate waren dabei, darunter die Olympischen Spiele 2008 in Peking sowie die Kindernachrichtensendung „Logo“. Dass es schief gehen kann, merkte sie im Jahr 2006, als sie für die Grünen bei den Landtagswahlen kandidierte. Bei diesen Wahlen jedoch verfehlte die Partei mit 4,6 % den Einzug ins Landesparlament. Die SPD konnte fortan mit absoluter Mehrheit allein weiterregieren. Gleichzeitig war Ihre Position beim ZDF bereits neu vergeben. Etwa eineinhalb Stunden hatten wir zu diesem Zeitpunkt gesprochen, als ich wahrnahm, wie nah ihr der Gedanke an diese Zeit noch immer geht.
 

Der Platz auf einer Bierbank an der Frauenlobstraße ist bisweilen gesellig. Christian Moerchel, im Mainzer Stadtrat für die CDU, kommt vorbei. Freundliche Begrüßung, kurzes Gespräch, er musste wieder weiter. Kurz darauf lief ein Ehepaar an unserem Tisch vorbei. „Hallo Tabea“, sagten sie. Die Namen der beiden habe ich vergessen, nicht jedoch das engagierte Gespräch. Er ist Chirurg an der Mainzer Universitätsklinik. Offenbar, so lerne ich, will – oder sollte – man sie modernisieren. Das verband er mit der Stadtteildiskussion. Ob das ginge, frage ich Tabea später. Nun, erklärte sie mir, Uniklinik sei Landessache. Des Themas möchte sie sich ob der Dringlichkeit dennoch annehmen. Noch einmal hörte ich „Hallo Tabea“. Zwei Mädels setzen sich einen Tisch weiter. Ich hörte was von Master machen, wohl auch Studentinnen. Mainz lebt auf seinen Plätzen? Kann man sagen.
 

Nachdem der Einzug ins Landesparlament im Jahr 2006 nicht gelungen war, musste sie sich erneut umorientieren. Es gelang ihr sukzessive wieder in der Logo-Redaktion beim ZDF Fuß zu fassen, schließlich auch in der Schlussredaktion. Dass die Geschichte hier nicht zu Ende geschrieben war, ist bekannt. Doch was mögen wohl ihre Gedanken in dieser Lebensphase gewesen sein? Als Homo Politicus bezeichnete der SDP-Mann Ralf Stegner unlängst seinen Kollegen Sigmar Gabriel. Dessen Neigung, mit der Politik niemals aufhören zu können, wollte er damit darstellen. Augenscheinlich und mithin erklärend ist der Unterschied zwischen Sigmar Gabriel und Tabea Rößner. Während Gabriel, so unterhaltsam er sein mag, in seiner Themenwahl und -bewertung sehr beweglich scheint, ist er vor allen Dingen um Mehrheiten für seine Person bemüht. Die Amplitudenhaftigkeit von Tabea Rößners Leben indessen ringt einem den Eindruck ab, dass es vor allen Dingen äußere Einflüsse sind, die sie zu Entscheidungen bewegen. In diesem Fall erhellt der Umkehrschluss. So war es der geplante Bau des Kohlekraftwerks auf der Ingelheimer Aue, der sie ein weiteres Mal politisch reaktivierte. Und zuletzt, Mitte der Neunziger Jahre auf dem Open Ohr? Malu Dreyer hieß die Mainzer Sozialdezernentin, die, genau gesagt, auf dem Open Ohr 1996 im Rahmen einer Podiumsdiskussion über die Vereinbarkeit von Beruf und Erziehung alleinerziehender Frauen sprach. Es ist wohl stark anzunehmen, dass die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin heute einen anderen Blick auf die Dinge hat, als damals. „Back on Track“ sagte ich zu Tabea, als wir über das Jahr 2009 sprachen. Da nämlich klappte es mit dem Bundestagsmandat. Warum nicht also da weitermachen? Nun ja, vielleicht hat es was mit Asterix zu tun. Und mit „Herr der Ringe“. Und mit Fatalismus? Vielleicht.


Auch in Mainz habe das Lebensgefühl sich in den vergangenen Jahren verändert, findet sie. Der Riss, der sich zunehmend in der Gesellschaft vertiefe, hinterlasse auch hier seine Spuren. Immer roher die Sitten, immer härter die Diskussionen, polarisierender die Standpunkte. Womöglich habe sie, so verstehe ich es, als Oberbürgermeisterin die Möglichkeit, einer solchen Entwicklung entgegenzuwirken, einen Teil der Gesellschaft mitzugestalten. Das ist in Berlin sehr viel schwieriger, so viel steht fest. Dort geht es in ihrer Rolle um Expertisen. Fatalismus? Schicksalsgläubig ist sie nicht, nehme ich an. Ich an Ihrer Stelle wäre es vermutlich. Zweimal zog sie sich aus der aktiven Politik zurück, doch die Nabelschnur hielt, zweimal. Und redet man von Fatalismus, dann immer von einem übergeordneten Bild und dem Gesetz der großen Zahlen. Oder vielleicht von einem Bild, das sich erst durch das Gesetz der großen Zahlen zusammensetzt. Etwa so, wie viele Linien, die an einem Punkt zusammenlaufen. Wie auch immer es sein mag, den Sinn dahinter begreift man immer erst später.


Das Leben schreibt Geschichten, Geschichten schreiben das Leben. Das ist anstrengend und enervierend, schafft aber kaum widerlegbare Fakten.