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Papa, wie lange dauert es, bis man ein Engel wird?

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Wer sich nicht vorstellen kann, dass „Bestatter und Trauerbegleiter“ eine erstrebenswerte Arbeit sein kann, der muss nur ein wenig Zeit mit Claus Maywald verbringen. Mehrere Jahre war Claus Maywald in der Bayerischen Staatsbibliothek München Buchrestaurator und bis Ende 2018, fast 20 Jahre, Bibliotheksleiter und Kurator am Gutenberg-Museum in Mainz. Von 2007 bis 2012 war er im Vorstand des Deutschen Buchbinder-Museums und zwei Jahre Präsident des MDE (Meister der Einbandkunst). Seit 2013 ist er ehrenamtlich Trauerbegleiter. Und seit Anfang dieses Jahres zusätzlich Bestatter und Trauerredner in Festanstellung. Wie geht das? Eine Geschichte von Sam.

„Nie habe ich mir vorgestellt, Bestatter zu werden! Nie!“

 „Mein Name ist Claus Maywald, im Haus der Begegnung Sulfrian stehe ich Ihnen für Ihre Trauerbewältigung zur Verfügung“, heißt es auf dem Flyer. Vor dem Namen steht eigentlich ein „Dr. phil.“, der auch gerne weggelassen wird.  Daneben findet sich ein „Dipl. päd.  M. A.“, dahinter „Trauerbegleiter nach BVT“ sowie künftig „Fachberater für Psychotraumatologie“. Hinzufügen ließe sich unter anderem eine Buchbinderlehre, eine Weiterbildung zum Buch- und Handschriftenrestaurator und seine Arbeit als Künstler.
Hinter dem Namen Claus Maywald, den Ausbildungen und Zusätzen rechts und links davon, verbirgt sich noch viel mehr: tiefgehende Erfahrungen durch das Leben für das Leben – und eine Haltung, die auf Respekt gründet.

„Nie habe ich mir vorgestellt, Bestatter zu werden! Nie!“, aber: „Das Richtige zum richtigen Zeitpunkt“, lautet der Kommentar zu seinem neuen Hauptberuf.  Claus Maywald ist glücklich verheiratet und Vater von sieben Kindern. Ein Satz, wie er aus dem Märchen stammen könnte. Wie im Märchen enthalten auch alle realen bekannten oder unbekannten Biografien Momente des Scheiterns und des Abschiednehmens. Wenn Eltern ein Kind verlieren, dann erscheint das aber als etwas Undenkbares. Als etwas, dass so nicht richtig sein kann. Es ist der Supergau in einer Familie. Beschäftigt man sich mit Claus Maywald, führt das schnell zu seiner jüngsten Tochter. Lara erkrankte 2008 an einem Gehirntumor und starb 2011 mit nur sechs Jahren.

Grenzsituationen als Chance

„Nach dem Todesfall eines engen Familienmitglieds wird oft die ganze Kraft beansprucht, um Stunde um Stunde zu überstehen. Am Morgen aufzustehen ist eine enorme Leistung in dieser Zeit“, weiß Claus Maywald aus eigener Erfahrung. „Grenzsituationen im Leben bedeuten aber auch, etwas von sich und dem Leben erfahren zu können. Sie eröffnen eine Chance. Es gilt letztendlich, sich dafür zu entscheiden.“ Lara wird immer präsent und die Trauer nie ganz verwunden sein. „Es gibt Momente“, so erzählt er, „an die ich mich erinnere und immer noch nur schlucken kann“. Als Lara zum Beispiel fragte: „Papa, wie lange dauert es, bis man ein Engel wird?“ Dennoch erscheint ihm der durch den Bruch in seiner Biographie und dem enormen Schicksalsschlag einhergehende ungewöhnliche Berufswechsel wie ein Geschenk.

Dienstleister und Hoffnungsphilosoph

„Die Philosophie des Hauses Sulfrian, die Menschen, alles passt zu mir“, erzählt Claus Maywald offen und beschreibt seine Tätigkeit als „Dienstleister und Hoffnungsphilosoph“. Wichtig für diese Arbeit sei zum einen die Klärung der handwerklichen und formalen Angelegenheiten für die Angehörigen, zum anderen die menschliche, mitfühlende Begleitung.  Bei dieser „gibt es keine Tipps, keine Rezepte und keine Ratschläge – einfach nicht wegschauen. Aktiv zuhören und aushalten. Zu sehen, dass jeder Trauerweg unterschiedlich ist.“  Dabei sei Achtsamkeit für alle Seiten – für die Trauernden wie für sich selbst – unabdingbar.

„Ich arbeite auf der Lebensseite“

 In einer Grenzsituation wie dem Tod eines Nahestehenden, scheitert das rationale Denken. „Es gibt nicht für alles ein Wort, aber das heißt nicht, dass es nicht wahr ist“, so Claus Maywald. Es sind aber genau die Momente, in denen die Angehörigen auch begreifen können: „Ich werde von etwas getragen, das größer ist als ich.“
Letztlich ist hier der Platz für jede Art von Spiritualität. Dass sich ein schwieriges Schicksal mithilfe eines gefundenen höheren Sinns besser meistern lässt, ist eine Haltung, die unter Wissenschaftlern ebenfalls als eine Grundlage von Resilienz gilt.

Claus Maywald geht es bei seiner Arbeit darum, den Trauernden zu helfen, sich zu finden und das eigene Leben neu mit Sinn zu füllen, ohne den Verstorbenen loszulassen. „Ich arbeite auf der Lebensseite.“

Hilfe durch Selbstwirksamkeit

Jeder entscheidet selbst, was der Zweck seines Lebens sein soll und bestimmt dementsprechend seine Ziele. "Selbstwirksamkeit“ versetze den Angehörigen in die Lage, eigene Bedürfnisse zu erkennen, Probleme anzugehen und das Leben zu gestalten.“ Wenn sich Menschen auf neue Erfahrungen einlassen, biete das gute Chancen, sich weiterzuentwickeln. Wenn die psychische Stabilität durch überwundene Krisen sogar zunimmt, sprechen Psychologen von einem „posttraumatischen Wachstum“. Die Grenzerfahrungen brächten Klarheit darüber, was man brauche, um zufriedener zu leben.

Im Bewusstsein seiner Bedürfnisse können bessere Entscheidungen getroffen und die bewusste Handlungsfähigkeit gestärkt werden. „Denn wir können die Zukunft beeinflussen und alles dafür tun, um sie zu einer guten zu machen.“ Die Hilfe zur Selbstwirksamkeit sieht Maywald als eine, die nicht nur nachhaltig für den Einzelnen, sondern auch von gesamtgesellschaftlichem Nutzen ist.
Wie es auch in Märchen vorkommt, so hat Claus Maywald seine Lebenserfahrung in Bildern verdichtet. Die sechs Bilder seines „Trauerzyklus“ befinden sich im Besitz des Museums für Sepulkralkultur in Kassel. Sie sind in den auf Laras Tod folgenden sieben Jahren entstanden und „Ausdruck einer intensiven Auseinandersetzung mit dem eigenen Überleben, mit Leben und Sterben, mit Gefühlen, Trauer, Hoffnung und Sinngebung“.

Steht doch die Zahl Sieben laut dem Online-Märchenatlas von Dr. Karen Lippert für Vollkommenheit, so scheint das an den Zyklus anschließende Kunstprojekt des märchenhaften „Hangmümmlers“ wie dazugehörig, die Nummer sieben zu sein. Es kann in mehreren Hinsichten interpretiert werden und zeigt die neue und lebensfrohe Zusammenführung und Stärkung der Familie, in der Lara eine unvergessene, ernste, humorvolle und präsente Rolle spielt.
 
Wie schnell man ein Engel wird, vermag dieser Artikel nicht zu beantworten, dass es aber Tätigkeiten gibt, die von Engeln begleitet werden – lässt sich stark vermuten.

Über das Bestattungsinstitut Sulfrian: 

Vor und bei, besonders aber auch nach einer Bestattung steht Claus Maywald den Trauernden mit Gesprächs- oder kreativen Angeboten zur Seite. Dazu gehören z. B. die Gestaltung von Erinnerungsobjekten, kreativer Gefühlsausdruck oder Stabilisierung durch Aushalten, Mitgehen oder Reden. Symbol- und Ritualarbeit sowie narrative Arbeitsformen runden das Bild ab.

Im Rahmen seiner Arbeit organisiert Claus Maywald neben individuellen Trauerbegleitungen und -gesprächen auch Gruppenangebote für Trauernde. Jeden dritten Donnerstag im Monat gibt es einen offenen Gesprächskreis ab 18.30 Uhr für alle Interessierten im Haus der Begegnung Sulfrian, Weinuferstraße 16, 55232 Alzey. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Weitere Informationen finden Sie im Internet unter: www.sulfrian-bestattungen.de 

Über die Autorin:

Sam hat Kunstgeschichte, Philosophie und Sprachen in Mainz und London studiert und anschließend eine redaktionelle Ausbildung absolviert. Als Ghostwriterin arbeitet Sie an Büchern und Filmscripten mit und verfügt über langjährige Erfahrungen im Verlagswesen. Sam schreibt für verschiedene Magazine Features, Reportagen und Interviews.

„Interviews sind langweilig“, legte Claus Maywald gut gelaunt gleich zu Beginn des Treffens mit ihr fest. So wuchs dieser Artikel aus einem langen, tiefgehenden, in gleichem Maße traurigen wie lustigen Gespräch. Die Autorin bedankt sich herzlich dafür!