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Kampf ums Mainzer Rathaus - Martin Malcherek

Die Luft war zum Schneiden, durchdrängt von beißendem Geruch. Zigarettenrauch, oder das, was da sonst noch alles drin war, waberte in Wolken durch den kleinen Raum. Überlagert wurde der Rauch von drögem Gestank nach Suff. Anders, als der Rauch kam der nicht aus der Luft, sondern klebte am Boden. Keine zwei Schritte konnte man gehen, ohne festzukleben, so eingetränkt waren die dunklen Fließen von Bier und Wein. Betrat man den Raum, blickte man zur rechten Seite auf eine Theke mit Küche, am anderen Ende des Raums auf eine Bühne. Das war´s schon. Mit 50 Leuten im Raum hatte man das Gefühl, dass was los ist. Waren es hundert, war es voll. An diesem Abend waren es wohl über 300, die zum Konzert der Spermbirds gekommen waren. Ende der Achtziger Jahre war das, sagt mir der Malcherek. Im Nieder-Olmer Juhubu-Haus, ein selbstverwaltetes Jugendhaus, das man ebenso gut in Berlin-Kreuzberg der 90er oder im Hamburger Schanzenviertel hätte verorten können.

Martin heißt der Malcherek mit Vornamen, ist Mainzer Rechtsanwalt, der nun als OB-Kandidat für die Partei „Die Linke“ antritt. Offen und zugewandt, dachte ich, als ich ihn im Hintz und Kuntz treffe. Und wie er wohl damals ausgesehen haben mag Ende der Achtziger zu Juhubu-Haus-Zeiten, frage ich mich. Zugeständnisse an seine Persönlichkeit sind es wohl, die die Zeit überdauert haben und Herkunft und Vergangenheit vermuten lassen. Drei Ringe trägt er am rechten Ohr. Womöglich eine Reminiszenz an alte Tage. Darüber hinaus lässt in seiner Erscheinung nicht viel schließen auf bewegte Zeiten. Schwarze Hose, schwarzes Hemd. Duzen könnten wir uns, sagte mir Martin gleich zu Beginn. Logo, machen wir. 

Spermbirds, jene Band aus den Endachtzigern, höre er noch immer gerne. Oder Bad Religion. Aus dem englischen Punk der Siebziger und Achtziger entwickelte sich ein schnelleres Sujet mit gleichmäßigen Riffs und – je nach Herkunft – sozialkritischen Texten, Hardcore. Anders als bei der Punkbewegung, bei der es insbesondere um ein Aufbegehren gegen bestehende Lebensstilnormen ging, beschäftigten sich die Bands aus der Hardcoreära mit Bildungsthemen und sozialer Ungerechtigkeit. Schon damals sang Bad Religion-Frontmann Greg Graffin, ein promovierter Evolutionsbiologe, über eine Familie in den Vereinigten Staaten mit mittelgebildetem Vater und drogenabhängiger Mutter. Kurz vor der Abizeit auf der Walldorf-Schule stand Martin in diesen Jahren. Gelebt hatte er mit seiner Familie für einige Jahre in einer Eisenbahnersiedlung in Mainz-Kostheim. Seine Erinnerungen an diese Zeit seien gut und prägend bis heute, sagt er. Was wohl ausschlaggebend für seine politischen Positionen ist, frage ich mich. Die Musik von damals, sein elterliches Umfeld oder seine Schule? Ich weiß es nicht, doch das Bild verdichtet sich. AKK jedenfalls, dort, wo er für eine Weile lebte, solle wieder zu Mainz gehören. Oder zumindest solle man die Bürger fragen. Und auch den Themen dieser Zeit ist er treu geblieben. Soziale Gerechtigkeit schwebt mantrahaft über seinen Vorstellungen. Romantische Verklärung linker Ideale oder realpolitische Notwendigkeit als Anpassung an die Umstände der Zeit? Dazwischen liegt viel. Wo in diesem Spektrum er sich bewegt, hab` ich noch nicht gecheckt. Etwa, was er an den Grünen kritisiert, will ich wissen. Unter anderem, dass sie Schröders Agenda 2010 mitgetragen haben, sagt er mir.
 

Als Teil von Bildung und sozialer Gerechtigkeit sieht er die Förderung von Subkultur. Subkultur. Hört sich für mich nach Berliner Clans und Parallelgesellschaft an. Was er jedoch meint, sind Konzerte, Literatur und Vorträge jenseits von Staatstheater und Rheingoldhalle. Wenig verwunderlich übrigens, denn er war nicht nur als Besucher auf solchen Konzerte wie seiner Zeit im Nieder-Olmer Juhubu-Haus, sondern macht selbst Musik, engagierte sich als Konzertveranstalter und war Mitglied der Redaktion von „Dichtung und Wahrheit“, einer linkspolitischen Mainzer Zeitschrift, die in den 90er Jahren in 83 Ausgaben monatlich erschien. Die Zeitung von damals gibt es nicht mehr. Das „Forum der Unzufriedenen“ dagegen existiere fortan. Konzerte haben sie unter diesem Label veranstaltet, die meisten auf der Uni, Haus Mainusch und ESG, manchmal auch in der Alten Ziegelei in Bretzenheim. Ob auch große Namen darunter waren, frage ich ihn. Green Day, erinnert Martin sich, 1992 im Anbau vom Haus Mainusch. Etwas skurril war es wohl, erst recht in der Rückbetrachtung. Während die Band heute Konzerte vor fünfstelligen Besucherzahlen gibt, waren im Haus Mainusch damals 15 zahlende Besucher. Wie groß ist wohl die Klammer, überlege ich, zwischen der Rechtsanwaltskanzlei Malcherek an der Rheinallee und Spermbirds oder „Dichtung und Wahrheit“? Nun, dazwischen liegt viel. Zum Beispiel Berlin.


Herrgott, sieht´s hier abgefuckt aus, erinnere ich mich, als ich selbst kurz nach der Wende in Berlin war. Irgendwo zwischen Mitte und Prenzlauer Berg hatten wir uns verfahren. Der marode Charme der alten Fassaden erzählte die tragische Geschichte mehrerer Jahrzehnte DDR. Doch gleichzeitig erschienen die immer größer werdenden Lücken in der Berliner Mauer wie ein hoffnungsvoller Blick in die Zukunft. Ein unfassbares Spannungsfeld, das Raum und Nährboden bot für Literatur, für Musik, für Zeitungen und Politik. Nicht schwer zu erahnen, dass diese Stadt zum Place to be avancieren werde. Ja, klar, nach London kannste gehen, Paris oder Rom, alles gut. Doch nirgendwo sonst prallten die Grundaxiome zweier Systeme mit solcher Wucht aufeinander und erzeugten einen derartigen Clash. Fast hatte man den Eindruck, es habe sich für einen Augenblick der Geschichte ein befriedendes Signal in den Rest der Welt entsandt. Erst recht aus heutiger Sicht.
 

Taxifahrer, erzählte mir der Malcherek über seine Berliner Zeit, könne er auch ohne Abschluss werden. Was er damit meine, frage ich ihn. Über sein Studium der Literatur, Philosophie und Geschichte spricht er. Begonnen hat er damit in Frankfurt. Nach kurzer Zeit ging er nach Berlin, um dort weiter zu studieren. Selbstorganisiert hat er dort studiert. Was das genau bedeutet, habe ich nicht ganz verstanden, ist auch egal. Jedenfalls lebte er dort in den Jahren von ´94 bis ´97. Irgendwo in Friedrichshain in der Nähe des Platzes der Vereinten Nationen, ehedem bekannt als Leninplatz. Seine Berliner Jahre bezeichnet er heute als Bildungsreise. Er habe gewusst, dass das nicht sein Broterwerb werde, sagt er. Ein lebhaftes Gespräch führen wir von Beginn an, doch nun, so fällt mir auf, mischt sich etwas Wehmut in die Erinnerung an diese Zeit. Adorno, Hegel, Habermas und besetzte Häuser in Friedrichshain waren die Fortsetzung von „Wahrheit und Dichtung“ und dem Forum der Unzufriedenen. Und von Spermbirds und dem Juhubu-Haus. Es nähert sich die Rechtsanwaltskanzlei in der Rheinallee. Malcherek blickt darauf, so kommt es mir vor, mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Der Raum zwischen „dazwischen“ füllt sich. 

Klar kannste meinen Namen da reinschreiben, schrieb mir Roland. Roland war einer von Martins Mitbewohnern in einer Dreier-WG im Mainzer Bahnhofsviertel. Zehn Jahre hatte die WG im Kaiser-Wilhelm-Ring bestand. Roland, der vermutlich auf demselben Spermbirds-Konzert in Nieder-Olm war, wie Martin, lebte nicht die ganze Zeit in der WG. Zwischendrin war er immer wieder in Südamerika unterwegs, um sein Reisebusiness aufzubauen. Martin dagegen lebte über die gesamte Zeit in der WG und brachte sein Jurastudium zu Ende, Referendariat am Landgericht, öffentliches Recht und Arbeitsrecht sind seine Schwerpunkte. Womöglich, so kommt es mir vor, lernte er in seiner Jurazeit das Handwerk, das er brauchte für seine Leidenschaft. Leidenschaft ohne Handwerk, das weiß jeder, schafft vor allen Dingen Leiden.

Musik begleitet ihn bis heute. Die Bands von damals hört er immer noch gerne. Hinzugekommen sind andere Genres. Klassik höre er auch gerne und viel, sagt er mir. Eine angenehme Vorstellung, denke ich mir gerade, dass sich der Horizont mit der Zeit erweitert, indem er entrückt von den apodiktischen Ansichten der Jugend, die weder Einwand noch Widerspruch dulden. Vielleicht ist Musik das beste Beispiel dafür, sowas wie ein Lehrmeister für Grautöne im Leben. Für zwischen „dazwischen“. Seinem Stil bleibt er dabei treu. Wie er Musik höre, frage ich ihn. Dumme Frage, kam mir sogleich in den Kopf. Vinyl, klar, was sonst. Ein Dual-Plattenspieler aus dem Jahr 1968 steht bei ihm zu Hause. Zudem spielt er selbst Gitarre und singt. Bandprojekte hat er einige, das wichtigste heißt Motorkopp, eine Analogie auf die britische Rockband Motörhead. Der Sound erinnert mich ein bisschen an Campino und die Toten Hosen. Viel Fußball, viel Stadion, natürlich Mainz 05. In einem Song wirkten Trainer Sandro Schwarz und der ehemalige Spieler Michael Thurk mit. „Wir nennen es Musik“, steht – wohl etwas selbstironisch – über ihrer Homepage.


Doch wo schließt sich die Klammer, frage ich mich? Ein linker Mainzer ist was anderes, als ein Linksparteiler in Berlin. In dem einen Fall geht es um Sozialisierung und Habitus, vielleicht gar um glaubwürdige Bedürfnisse, im anderen Fall um Ideologie und machtpolitische Doktrin. Die Vorzeichen sind entgegengesetzt. Während in Berlin jedes Wort, jeder Ausspruch in Echtzeit mit Wirkmacht auf die Bundespolitik ausstrahlt, darf man am Rhein hoffen, als Person wahrgenommen zu werden, nicht vordringlich als Parteibestandteil. Das verschafft Denkfreiheit, ohne den Blick zurück auf´s Leben zu verrücken.


Und es füllt viel zwischen „dazwischen“.