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Echtzeitwahnsinn hat auch die Politik erfasst

Hendrik Hering, Landtagspräsident RLP, Bild: Landtag Rheinland-Pfalz/Alexander Heimann

Wie brisant das Thema ist, zeigte zuletzt das „Forum Bellevue“ unter dem Titel „Fakt oder Fake“. Bundespräsident Steinmeier diskutierte gemeinsam mit Michael Butter, Jeff Mason, Ulf Poschardt und Julia Stein über die sich verändernde Debattenkultur, sowie über die Bedeutung von Qualitätsjournalismus für demokratische Prozesse. Dass man mit Michael Butter einen Experten für Verschwörungstheorien einlud, lässt erahnen, welche Problemstellung der Medienwandel mit sich bringt. So hätten laut des Bundespräsidenten Soziale Medien dazu beigetragen, dass eine „Parzellierung der Öffentlichkeit“ stattfinde, die zur Entstehung von Parallelwelten führe. Echokammern und Filterblasen hält auch Hendrik Hering, Präsident des rheinland-pfälzischen Landtages, für bedenklich. Zudem stellt er fest, dass mit der Fragmentierung der Gesellschaft eine Zersplitterung der Parteienlandschaft einhergeht. Doch er sieht auch gute Seiten.

Gutenberg-Talk: Ist erkennbar, dass die Medienlandschaft sich durch den Digitalisierungsprozess verändert? 

Hendrik Hering: Die Digitalisierung wirkt sich auf alle Branchen und Lebensbereiche aus. In besonderem Maße waren und sind dabei natürlich auch die Medien betroffen. Bereits seit einigen Jahren haben Verlage und Sendeanstalten auf die Veränderungen reagiert und haben ihre Strategien angepasst. So ist es nicht nur die Schnelligkeit und Taktfrequenz, mit der sich Nachrichten über neue Medienkanäle verbreiten, sondern auch die Medienkonvergenz, also die zunehmende Verschmelzung von klassischen Medien mit Internet und Telekommunikationsservices, welche die Medienlandschaft grundlegend verändert. Hinzu kommt die immer stärker werdende Trimedialität, das heißt die redaktionelle und technische Vernetzung und Zusammenarbeit zwischen Radio, Fernsehen und Online und der drei digitalen Medien Audio, Video und Internet. 

Gutenberg-Talk: Eine Veränderung ist, dass der Zeitdruck massiv zugenommen hat. Dies macht die Arbeit für Journalisten anspruchsvoller. Wie hat sich die Arbeit von Politikern verändert? 

Hendrik Hering: Medialer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Wandel haben naturgemäß schon immer auch die Politik beeinflusst. Dabei übernimmt Politik in Teilen verstärkt Mechanismen der Medien, beispielsweise Faktoren der Nachrichtenselektion wie Personalisierung, Zuspitzung von Sachverhalten oder auch Skandalisierung und Emotionalisierung. Der zunehmende „Echtzeitwahnsinn“ (wie es das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ jüngst bezeichnete), also der Trend, schnellstmöglich auf Ereignisse mit einem Tweet oder einem Beitrag in den sozialen Medien zu reagieren, hat auch die Politik erfasst und verleitet dazu, schnelle und einfache Antworten zu geben. Demokratie lebt aber gerade nicht von diesen einfachen Antworten, sondern sie ist in der Regel sehr komplex. Demokratische Prozesse sind häufig langwierig und bedürfen gründlicher Diskussionen, welche die verschiedenen Interessen und Aspekte berücksichtigen und am Ende zu einem Kompromiss führen. Gerade mit Blick auf die europäische Ebene und immer komplexere Prozesse in einer globalisierten Gesellschaft dürfen wir uns im politischen Bereich nicht dazu verleiten lassen, vermeintlich einfache Antworten auf schwierige Fragestellungen zu geben.

Gutenberg-Talk: Durch den Auflagenrückgang der privaten Verlage ist ein Vakuum in der Medienlandschaft entstanden. Diese Lücke wird zunehmend von alternativen Medien besetzt. Hierbei handelt es sich um Publikationen, die nicht immer mit einwandfreien Quellenangaben arbeiten und zudem unverhohlen als Sprachrohr politischer Parteien fungieren (wie etwa im Fall von Compact und der AFD). Muss die Politik auf diesen Bereich einwirken? Oder kann man darauf hoffen, dass der Qualitätsjournalismus – privat und öffentlich-rechtlich – verlorenes Terrain zurückgewinnt?

Hendrik Hering: Eine aktuelle Studie des Instituts für Publizistik der Uni Mainz zum Medienvertrauen gibt einigen Grund zur Hoffnung. Demnach ist das Vertrauen in die etablierten Medien und dabei insbesondere in die öffentlich-rechtlichen und die Tageszeitungen in den vergangenen Jahren gestiegen, während das Vertrauen in Nachrichten aus dem Internet rapide gesunken ist. Es zeigt sich also, dass die Menschen sehr genau unterscheiden können, welchen Medien sie vertrauen können und welchen nicht. Und es zeigt sich: Wir brauchen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und die Qualitätsmedien! Ungeachtet dessen zeigt die Studie aber zugleich auch, dass noch viel Spielraum für Medienbildung und Aufklärungskampagnen besteht. Deshalb ist mir wichtig, Medienkompetenz bereits in frühesten Jahren intensiv zu fördern, um jungen Menschen das Rüstzeug an die Hand zu geben, mediale Informationen und deren Gehalt selbst einordnen zu können. Vor diesem Hintergrund begrüße ich die Ausweitung der vom Land geförderten Medienkompetenzschulen ausdrücklich.

Gutenberg-Talk: Welche Auswirkungen hat diese Entwicklung – Herr Bellut nannte es die Zukunftsfragen unsere Medienordnung – auf den gesellschaftlichen Diskurs?

Hendrik Hering: Die Entwicklung neuer technischer Möglichkeiten und neuer Kommunikationskanäle bringt neben den genannten Risiken auch Chancen für den gesellschaftlichen Diskurs mit sich. So verläuft Massenkommunikation nicht mehr nur vom Sender zum Empfänger. Bürgerinnen und Bürger sind nun auch Kommunikatoren auf neuen digitalen Kanälen und haben die Möglichkeit, einfach, unmittelbar und direkt mit Politikern und Journalisten in Kontakt zu treten, um ihre Kritik, Anregungen, Ideen einzubringen und zu diskutieren. Umgekehrt haben Journalisten und Politiker die Chance, direkte Rückmeldungen aus der Bevölkerung für ihre Arbeit zu nutzen. So entstehen im besten Sinne ein Dialog und ein Austausch, der unsere Demokratie bereichert, belebt und bürgernäher macht. 

Gutenberg-Talk: Ein Teil Herrn Belluts Kritik bezog sich auf die Selektion des Medienangebots. Während früher eine bewusste Entscheidung des Verbrauchers für ein bestimmtes Medium notwendig war, wird er heute durch Automatismen, wie etwa Algorithmen versorgt. Ist diese Praxis – vorwiegend in den Sozialen Medien – bedenklich? 

Hendrik Hering: Ich halte die Herausbildung von Echokammern und Filterblasen für sehr bedenklich. Wenn Algorithmen dafür sorgen, dass ich immer nur noch das zu lesen bekomme, was zu meinen Vorurteilen, zu meinem Bild von der Welt passt, entstehen natürlich Verzerrungen, welche letzten Endes auch die Demokratie gefährden. Wenn sich die Gesellschaft immer mehr individualisiert und fragmentiert, wenn sich jeder in seine mediale Informationsnische zurückzieht und zu seiner eigenen medialen Ich-AG wird, führt dies meiner Auffassung nach zu einer steigenden Entfremdung von der Politik und schwächt unser demokratisches Gemeinwesen.  

In einer globalisierten und immer komplexer werdenden Welt braucht es gut ausgebildete Journalisten und weniger Algorithmen, die Sachverhalte erklären, einordnen sowie in Hintergründen den Dingen auf den Grund gehen und die vor allem Nachrichten zu dem machen, was sie eigentlich sein sollten: etwas, nach dem man sich richten kann! 

Gutenberg-Talk: Sind Zusammenhänge darstellbar zwischen der breiten Wahrnehmbarkeit solcher Publikationen einerseits und der Veränderungen in der parteipolitischen Landschaft in Deutschland andererseits?
 

Hendrik Hering: Unverkennbar ist es so, dass die Fragmentierung der Gesellschaft und der Medienlandschaft auch mit einer immer stärkeren Zersplitterung der Parteienlandschaft einhergeht. Das traditionelle Zwei- bzw. Dreiparteiensystem gehört auch in Deutschland der Vergangenheit an. Inzwischen sind auf allen politischen Ebenen Regierungskoalitionen – außerhalb einer Großen Koalition – oftmals nur noch mit drei Fraktionen möglich. Nur selten erhalten einzelne Parteien heute noch über 30 Prozent an Wählerstimmen. Viel wird vom Ende der großen Volksparteien gesprochen und von neuen politischen Bewegungen wie „En Marche“ in Frankreich. Aber all dies muss nichts Schlechtes sein, wenn es sich um Bewegungen handelt, die der Demokratie und unseren gemeinsamen Werten verpflichtet sind. Denn es hat sich auch gezeigt: die Menschen werden wieder politischer. Und dies ist eine gute Nachricht.

Gutenberg-Talk: Welche Bedeutung hat das Gutenberg-Jahr für die Stadt Mainz? 

Hendrik Hering: Gutenberg ist der berühmteste Sohn der Stadt Mainz und „Man of the Millenium“. Seine Erfindung hat die Weltgeschichte beeinflusst und war sicherlich eine der bedeutendsten in der Menschheitsgeschichte. Schon allein deshalb ist Gutenberg ein herausragendes Aushängeschild der Stadt Mainz und das Gedenken an seinen 550. Todestag bietet die wunderbare Gelegenheit, dieses ganz besondere Alleinstellungsmerkmal gebührend ins Rampenlicht zu rücken und sich der Folgen seiner Erfindung des Drucks mit beweglichen Lettern auf den Verlauf der Mediengeschichte nochmals bewusst zu machen. 

Gutenberg-Talk: Mainz ist Standort der größten Sendeanstalt Europas und zahlreicher weitere Medienunternehmen. Würden Sie sich ein stärkeres gesellschaftliches Engagement – etwa in Gestalt von öffentlichkeitswirksamen Veranstaltung – wünschen?
 

Hendrik Hering: Mainz kann mit seinem Pfund, ein medialer „Hotspot“ zu sein, auf jeden Fall wuchern. Einige öffentlichkeitswirksame Initiativen wurden hierzu ja auch bereits ergriffen und die verschiedenen Medieninstitutionen werden auch in einer Reihe von Veranstaltungen als Kooperations- oder Netzwerkpartner eng eingebunden. Neben den Medieninstitutionen und Unternehmen ist Mainz im Übrigen auch weit über die Grenzen hinaus bekannt als renommierter universitärer Wissenschaftsstandort im Bereich der Publizistik und Medienwissenschaft. Hier ergeben sich vielerlei Synergieeffekte, durch die das Pfund noch schwerer wiegt.

Gutenberg-Talk: Wie stark ist Mainz als Medienstadt für Außenstehende wahrnehmbar?

Hendrik Hering: Durch ZDF, SWR und SAT1 ist Mainz allein schon institutionell als Medienstadt überregional bekannt. Events wie das Gutenberg-Jahr, aber auch die besondere Qualität des Medienstandorts verstärken dieses positive Image von Mainz als eine der bundesdeutschen Medienhauptstädte noch zusätzlich.