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Kampf ums Mainzer Rathaus – SimCity 2029, eine Frage der Perspektive

Herrgott, voll hier. Im Café Panta Rhei sitze ich und trinke einen Espresso. Die kleine Bar im Erdgeschoss des DB-Cargo-Gebäudes gegenüber des Römisch-Germanischen Zentralmuseums hatte sich schnell zum Hotspot entwickelt. Kein Wunder, auf der Rheinstraße herrscht reges Flanieren. Oberbürgermeister David Dietz hatte dort weitergemacht, wo seine Vorgänger aufhörten. Die innerstädtischen Rheinbrücken waren Radfahrern, Fußgängern und dem Schienenverkehr vorbehalten. Autos werden seither vom Mainzer Ring großräumig über die Peripherie abgeleitet. Zum ersten Mal scheint gelungen zu sein, was zuvor stets scheiterte; das Südstadtquartier zu beleben. Die nahezu autofreie Stadt hatte sich über mehrere Kaskaden angekündigt. Schon lange vor David Dietz. Etwa im hitzigen Oberbürgermeisterwahlkampf, damals 2019.

Verdammt, ich muss noch einkaufen, fällt mir ein. Zum Tegut in der Holzhofstraße will ich. Bunker nannten wir das Teil früher immer, sieht aus wie eine Wehranlage aus dem zweiten Weltkrieg. Mit Architektur tut man sich schwer in Mainz. Dafür sind Altstadt und Südstadt zusammengewachsen. Die Fußgängerzone aus der Augustinergasse hat sich ihren Weg bis zum Winterhafen gebahnt. Gleich einer Schlagader verläuft sie quer durch die alte Stadt. Mit ihren feingliedrigen Verästelungen links und rechts davon versorgt sie an ihren Alveolen wie eine Lunge Geschäfte, Bars und Restaurants mit Sauerstoff. Wie stark der Zusammenhang zwischen infrastruktureller Planung und Stadtentwicklung ist, fällt mir besonders in der Neutorstraße auf. Noch weit bis in die Nullerjahre war die Straße ein zwielichtiger Ort, an dem sich Zuhälter, Prostituierte und andere halbseidene Geschäftsleute tummelten. Wo sich einstmals ein Bordell an das nächste reihte, siedelten sich kleine Kneipen, Spätis, und andere Geschäfte an. Ein Restgeschmack Zwielicht mag der Straße noch immer anhaften, doch das ist Stadtgeruch. Wer Stadt sein will, muss auch diese Farbe spielen können. Wann immer ich durch die Gasse laufe, komme ich selten unter einer halben Stunde weg, weil ich überall Leute treffe. 

„Nun sind wir durch rot getrennt“, rief mir ein Mann entgegen, als ich in jenem Wahlkampfsommer 2019 aus dem Tegut kam und an der Ampel stand. Zum Radhaus wollte ich. Der Mann auf der anderen Seite kam aus Richtung Stadt und winkte mir zu. Ich freute mich und erwiderte seine Begrüßung. Merkwürdig sei es, durch rot getrennt zu sein, obwohl derzeit ja alles grün werde, entgegnete ich ihm. Wie das Leben sei, fragte mich Michael Ebling dann, als wir uns auf der Straßenmitte begegneten. Kurz nach den Kommunalwahlen war das. Der Bundestrend hatte sich auch in Mainz fortgesetzt. CDU und SPD verloren Stimmen und die Grünen gewannen massiv hinzu. Die Ampelkoalition, so viel stand fest, würde bleiben. Offen hingegen die Frage, wer sie als Oberbürgermeister führt. Michael Ebling hatte zu diesem Zeitpunkt sieben Jahre Amt hinter sich und stellte sich erneut als Kandidat für eine weitere Periode. Spannend, dachte ich, vier Mitbewerber alle dasselbe Ziel. Und schaute man sich die anderen Kandidaten an, wurde augenscheinlich, wie verschiedenartig sie waren. Vielleicht ein Abbild der Stadt selbst.

Auch David begegnete ich in dieser Zeit immer wieder. Einmal traf ich in zufällig auf der Straße, als wir die Rheinstraße in Richtung Dagobertstraße überquerten. Kommunalpolitik machst Du jetzt, wunderte er sich. Seine Reaktion war weder unbegründet noch unberechtigt. Ich habe keine Ahnung von Kommunalpolitik. Netter Typ, dachte ich, also fragte ich ihn, ob wir nicht mal ein Bier zusammen trinken wollten. In den Tagen darauf trafen wir uns bei Ata im Bergschön. David war damals Spitzenkandidat der Mainzer FDP. Auf Plakaten war er überall in der Stadt sichtbar, weil gerade erst Kommunalwahlen waren. Es dauerte nicht lange, bis eine junge Dame an unseren Tisch kam und David als Politikmann ausmachte. Er entschuldigte sich für seine Omnipräsenz, wir redeten weiter. 

Anders als heute, zehn Jahre und eine Amtszeit später, hatte die Stadt damals große Probleme. Ein bisschen erinnerte sie mich an das Berlin dieser Zeit. Arm aber sexy, sagte Wowereit, der langjährige, regierende Bürgermeister mal über die Hauptstadt. Alle wollten nach Mainz, obwohl es teuer und eng war. Gestaltungsspielraum gab es kaum, die Kassen waren leer. 1,3 Milliarden Euro Schulden lasteten auf der Stadtkasse. Gleichzeitig wurden Rufe nach bezahlbarem Wohnraum und mehr Grünfläche immer lauter. Um bis zu 30% wolle man den sozialen Wohnungsbau verstärken, waren damals Forderung und Statement zugleich. Ein innerer Widerspruch in der Logik der Wahlkampfrhetorik von damals, dachten viele. Platz musste her. Und Geld.

Noch immer fahre ich gerne Rennrad. Fuhr man früher aus Rheinhessen kommend durch den Ober-Olmer Wald in Richtung Stadt, durchquerte man vor allen Dingen agrarkultivierte Landschaft. Äcker überall. Rheinhessen war eine der am geringst bewaldeten Regionen Deutschlands. Besonders trist im Herbst und Winter. Rübenackertundra, sagten wir damals immer. Gewichen sind die Nutzflächen nun einem neuen Stadtteil. Gewissermaßen eine Verlängerung des Ober-Olmer Waldes mit Wohnraum und Gewerbeflächen. Viel grün, durchlässig für den frischen Westwind aus Rheinhessen mit Anbindung an die Stadt. Aus den Planungsfehlern beim Lerchenberg hatte man gelernt. Eine Retortenvorstadt sollte es nicht werden. Gleichzeitig schloss sich der Raum zur Stadt um die Gutenberg-Arena, dem 05er Stadion. Ehrenpräsident, Jürgen Klopp, hatte sich in den zwanziger Jahren mit seinem Namensvorschlag für das Stadion durchgesetzt. 

Dicke Bretter bohren ohne nennenswerten Spielraum mussten sie alle im Wahlkampf 2019. In der Folge unterschieden sich die Konzepte wenig. Alle waren sich einig, dass der öffentliche Personenverkehr verbessert, der Autoverkehr verringert und Wohnraum geschaffen werden müsse. Von ein paar Sticheleien abgesehen, verlief der Wahlkampf halbwegs fair. Etwa wollte niemand dem amtierenden Oberbürgermeister Michael Ebling allein die Schuld für die gewaltigen Schulden in die Schuhe schieben. Bei diesem Wahlkampf ging es nicht vor allen Dingen darum, das eigene Konzept durchzusetzen. Die Kandidaten mussten ihre Führungsfähigkeit und Eloquenz unter Beweis stellen. Das machte es für sie noch anspruchsvoller. Eine einzigartige Idee ist leichter zu verkaufen. 

So gleich die Lösungsansätze, so unterschiedlich die Menschen. Als ich mit David im Bergschön war, redeten wir natürlich viel über Mainzer Politik. Eine Art Mini-Tutorium. Dass man „Rößner“  eigentlich „Rössner“ ausspricht, erklärte er mir. Und, dass er im Stadtrat natürlich viel mit dem Malcherek zu tun habe. Die FDP und die Linke, krass, denke ich mir. Doch, doch, ginge gut, sagte David.

Ich sprach in dieser Zeit mehrmals mit allen OB-Kandidaten. Tatsächlich war es so, dass sie zwar in der Sache kämpften, doch die wahrhaften Wirkmechanismen in den Persönlichkeiten suchten. Parteizugehörigkeiten, Interessenverbände und dergleichen waren grobe Orientierungspunkte. Im Grunde genommen fast angenehmen, dachte ich damals, das machte sie glaubwürdiger. Ein Mensch, der nur seine Parteilinie durchdekliniert, ist nicht nur humorlos, sondern obendrein eindimensional und enghorizontig. Dann verkommen Inhalte zu Buzzwords. Oder, umgekehrt, es werden niemals Inhalte aus Buzzwords. Und natürlich war Show dabei. 

Schillernde Person des Wahlkampfes war Martin Ehrhardt, Kandidat der Sonneborn-Partei „Die Partei“. Junger Typ, ich glaube 29 Jahre alt war er. Bei ihm wusste man nie genau, ob er es nun ernst meint oder nicht. Einen Fehler machte man nicht, wenn man nicht alles ernst nahm. In diesem Fall entsprach es dem Partei-Duktus. Die wussten auch nicht, ob sie nun satirische Demokraten oder demokratische Satiriker sein wollen. In der Natur der Sache liegt, dass jeder Satire eine Kernwahrheit zugrunde liegt. Nicht selten sind Satiriker gute Ideengeber. Und gar nicht immer realitätsfern. Ein Schlagwort seines Wahlkampfes war, die Kaiserstraße zur Picknickmeile zu machen. Als Folge der Verkehrsberuhigen der Rheinstraße, verödete auch die Kaiserstraße. Es entstand ein doppelläufiger Boulevard mit der mächtigen Christuskirche am Ende als Vertikalachse zum Rhein. Ein schlauer Typ war er allemal.

Nino Haase war der einzig parteilose Kandidat. Zwar wurde er unterstützt von CDU, der ÖDP und den Freien Wählern, ein Parteibuch besaß er jedoch nicht. Das führte immer wieder zu Nebenkriegsschauplätzen und Rangeleien, sowohl zwischen den Akteuren und Parteien als auch in der medialen Debatte. Am Ende gipfelte sie in der Frage danach, weshalb auf den Wahlplakaten von Nino Haase und Micheal Ebling keine Parteilogos zu sehen waren. Verfolgte man die Debatte, hatte man den Eindruck, als stünde die Mainzer Welt am Vorhof zur Hölle, ringend mit den Menetekeln ihrer düsteren Vergangenheit. Nino jedenfalls war so was, wie der Gegenentwurf zu Martin. Keineswegs unsympathischer, doch sehr viel verbindlicher und mit Druck auf dem Pedal. In kurzer Zeit hatte er sich als Quereinsteiger in die Mainzer Kommunalpolitik eingearbeitet. Dies, sowie die Fokussierung der Debatte an sich, vermittelte den Eindruck, dass sich vor allen Dingen über ihm und Amtsinhaber Ebling ein Brennglas bildete. 

Wie die meisten anderen auch, kannte ich Michael Ebling zu dieser Zeit am längsten und hatte mit ihm am häufigsten gesprochen. Im selben Jahr hatte er mal bei einem Fastnachts-Talk mitgewirkt. Ich hatte sehr kurzfristig in seinem Büro angefragt, ob er mitmachen wolle. Witzig dachte ich damals. Den kannste irgendwo hinsetzen und er redet. Seine Fähigkeit, frei zu reden, ohne seinen Gedanken zu verlieren, waren kaum bestreitbar. Und anders, als alle anderen war er der Einzige, der immer in Mainz lebte und wirkte, in der Kommunalpolitik zudem. Auch das war Zankapfel im Wahlkampf. Frischer Wind und neue Ideen, sagten die einen, Erfahrungen forderten die anderen. Ob er schon immer Oberbürgermeister habe werden wollen, fragte ich ihn einmal. Tatsächlich, sagte er mir, habe er sich in früheren Zeiten lange mit seinem Ortsverband in Mombach auseinandergesetzt. Die Bundespolitik habe ihn zunächst mehr interessiert. Die Endachtziger Jahre waren das. Klar, die Welt war in Bewegung. 

Fast mehr noch als die Südstadt hatte sich die Neustadt entwickelt. Im zweiten Weltkrieg fast vollkommen zerstört, war das Stadtbild Jahrzehnte geprägt von fünfziger Jahre Zweckbauten. Von außen nach innen erneuerten sich Fassaden, Straßen und Plätze. Mit dem Zollhafen belebte die Neustadt ein neues Quartier und durch die Beruhigung der Kaiserstraße wandten sich Alt- und Neustadt einander zu. Zuvor waren Große Bleiche und Kaiserstraße sowas Ähnliches wie Demarkationslinien. Grenzen, die die Bewohner ihres Viertels nicht überschritten. Teil der Stadtentwicklung waren auch Verordnungen, die den Immobilienerwerb regulierten. Schon während des Wahlkampfes 2019 erhöhte sich der Druck auf den Immobilienmarkt gewaltig. Nicht nur der Zuzug war der Grund dafür. Investoren erkannten das einträgliche Geschäft, das durch die niedrigen Zinsen dieser Zeit obendrein befeuert wurde. Wer fortan in Mainz kaufen wollte, musste in Mainz leben. Die Neustadt holte tief Luft, sie atmete wieder. 

Als ich Tabea Rößner von den Grünen traf, begann dieser Prozess. In einem Cafe in der Frauenlobstraße saßen wir. Dass das Viertel sich in diese Richtung entwickeln würde, war schon damals spürbar. Fast zwei Stunden saßen wir auf einer Art Bierbankgarnitur, während zwischendrin immer wieder Menschen an unseren Tisch kamen, um mit Tabea Rößner zu reden. Das waren andere Politiker, ein Chirurg von der Mainzer Universitätsmedizin und viele Studenten. Die Neustadt war bunt und wollte sich mitteilen. Und aus seiner Vielfalt schöpfte sie Kraft. Das Viertel wollte sich neu erfinden. 

Tabea Rößner war damals Bundestagsabgeordnete von den Grünen. Zu diesem Zeitpunkt war sie in Mainz bereits vielfältig in Erscheinung getreten. Natürlich ging es dabei immer um Politik. Ihre Freiheit und Unabhängigkeit hatte sie sich durch ihren Beruf als Journalistin beibehalten. Vor allen Dingen beim ZDF arbeite sie als freie Redakteurin. Dass die Zeiten für die öffentlich-rechtliche Sendeanstalt schlechter würden, zeichnete sich schon damals ab. Das lineare Fernsehen, wie man es als Abgrenzung zu Streaming-Anbietern nannte, fand dereinst keine Rezepte mehr, den Verbraucherbedürfnissen nachzukommen. Was sich in der Folge vollzog, war eine skurrile Rochade. Eine Zeitung auf dem Mainzer Medienhügel lief der größten Sendeanstalt Europas ihren Rang in Bewegtbildrelevanz ab. Sie verstanden es, Formate regional zu konzentrieren und entsprechende Social-Media-Kanäle zu bedienen. Fernsehgeräte in Wohnzimmern starben ebenso, wie Zeitungen in Kiosken. 

Tabea jedenfalls, das spürte man zwischen jedem Wort, wollte nicht mehr in Berlin sein. Kann man sich gut vorstellen. Wer Mainz als Heimat auserwählt, fühlt sich in Berlin auf Dauer nicht wohl. Das sind zwei Welten. Ihr Leben war ereignisreich. Sie erzählte mir von ihrer Kindheit, ihrer Jugend und natürlich Studium und Beruf. Von den Frankfurter Jahren erzählte sie mir, als sie den Grünen beitrat. Den heutigen Uno-Generalsekretär, Joschka Fischer, lernte sie kennen, da sie mit dessen dritter Ehefrau befreundet war. Warum sie ihr spannendes Leben in Berlin nicht weiterführen wolle, fragte ich sie damals. Tatsächlich, so war mein Gefühl, war es keine leichte Entscheidung. Zurecht war sie stolz auf Ihre Expertenrolle im Bundestag. Anderseits nahm ich an, sie wolle stärker gestalten, als es ihr in Berlin möglich gewesen wäre. Entscheidungen auf kommunaler Ebene sind kleiner, dafür aber unmittelbarer. Erfolge und Misserfolge zeigen sich recht bald nach der Weichenstellung. Auch Ebling sagte zu mir, er empfinde Kommunen als Labore für die Bundespolitik.

Auch aus der Neustadt kam damals Martin Malcherek, Kandidat der Linken. Kerniger Typ, dachte ich, als ihn traf. Im Hintz & Kuntz sprachen wir zum ersten Mal. Das Café gibt es noch immer. Den Mainzer Gastro-Kettenrun hat es überlebt. Betroffen davon waren sie in einem anderen Fall. Auch im Wahlkampfjahr 2019. In Mainz kennt sie jeder unter „Lomo-Brüder“. 17 Jahre lang betrieben sie die eben diese Bar am Ballplatz. Nachdem sich die Pacht für das Lokal in einer Weise erhöhte, dass es kaum mehr rentabel sein würde, hörten sie dort auf. Der Platz, einstmals sowas wie ein Synonym für Mainz mit allem, für was sie steht, Fastnacht, Mainz 05 und Geselligkeit, wurde in der Folge blutleer und leblos. Dies änderte sich erst wieder, nachdem die Mainzer Immobilienblase platzte.

Ob Malcherek aus heutiger Sicht damit einverstanden gewesen wäre, den neuen Stadtteil zwischen Ober-Olmer Wald und Gutenberg-Arena zu bauen, weiß ich nicht. Er plädierte immer dafür, den neuen Stadtteil dort zu bauen, wo es bereits versiegelte Flächen gibt. Anderseits kritisierte er den Bau des neuen Stadions an dessen jetzigen Standort. Zu weit außerhalb der Stadt, keine infrastrukturelle Anbindung waren seine Argumente. Das hatte sich nun geändert. Mainz 05, Fußball, war eine Leidenschaft von Malcherek. In der Hauptsache ging es ihm um soziale Gerechtigkeit, den Kampf gegen rechts und kostenlosen Zugang zu Bildung für alle. Er war ein klassischer Linker. Seine Vita erinnerte mich etwas an die von Tabea Rößner. Erst die Frankfurter Schule hoch und runter in Berlin, wohlwissend, dass es nicht sein Broterwerb werde, dann Jura in Mainz. Vernünftige Entscheidung, mag man meinen. Doch als er über seine Berliner Zeit redete, war sein Wehmut kaum zu überhören. Die DNA der Frankfurter Schule jedenfalls, hat er sich beibehalten. 

Mal wieder die Hälfte beim Einkaufen vergessen, fällt mir ein, als ich gerade durch die Jakobsbergstraße zurücklaufe. Immer dasselbe. Nochmal zurücklaufen? Ne, kein Bock. In der Jakobsbergstraße hat sich über all die Jahre nicht viel verändert. Weinstuben links und rechts, zwei Outdoorläden und ein Bäcker, der nicht nur die Leute hier versorgt, sondern auch die hiesige Gastronomie beliefert. Und das typische Stadtbild. Mainzer Kopfsteinpflaster, das sich mühsam und unregelmäßig, manchmal gar holprig, von unten nach oben arbeitet. „Auf der Ecke“, nennen die Leute, die dort leben und arbeiten, das Viertel. Wie überall sonst auch, schimpfen sie über alles, wollen es aber nicht anders haben. Aufsteller, Tische und Stühle könne man dort nicht ordentlich hinstellen. Doch fragt man sie, ob es ihnen lieber wäre, das Kopfsteinpflaster gegen glatten Asphalt zu tauschen, muss man froh sein, mit dem Leben davonzukommen. 

Vielleicht so ähnlich, wie der Wahlkampf von 2019. Die Dialektik aus gewaltigem Entwicklungsdruck einerseits und kaum veränderbaren Gewohnheiten andererseits zwang die Akteure in einen engen Flaschenhals. Dabei hatte Mainz die Probleme, die alle anderen auch hatten, allen voran den Strukturwandel durch die Digitalisierung. Hinzu kamen die stadteigenen Probleme. Stadtteil, Schulden, Verkehr, Umwelt. Zudem hatte die Stadt ein Identitätsproblem. Die ganzen Eingemeindungen der vergangenen Jahrzehnte waren verwaltungspolitische Rechtsakte, nicht jedoch Produkt stadtentwicklerischen Vordenkens. Was hatten Finthen, Ebersheim oder Drais schon mit Mainz zu tun? Stadtsein musste Mainz nach einem Jahrhundert Vergessens erst wieder neu erlernen. Mit all der Widerstandskraft, dem Selbstbewusstsein, Emanzipation und einem breiten Nenner für eine viertelmillionen Menschen. Keine einfache Aufgabe damals für die Vorgänger von Dietz.

Ich geh´ noch ein Bier auf der Ecke trinken. Oma Else. Schön hier, nicht so voll, wie auf der Rheinstraße.


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