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„Ich war eine Art Kommunikator“

Er studierte Kunstgeschichte, Germanistik, Soziologie und Publizistik und promovierte im Anschluss als Kunsthistoriker mit einer Untersuchung des Wohnungsbaus Heinrich Tessenows: Gerd Weiß. Zahlreiche Veröffentlichungen hat er in der Denkmalpflege herausgegeben, viele Jahre war er stellvertretender Präsident des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege und leitete weitere 16 Jahre die Denkmalfachbehörde des Landes Hessen. Er galt immer als engagierter Vermittler zwischen Politik, Fachwelt und Bevölkerung. 2013 bekam er die Goldene Ehrennadel der Stadt Kassel verliehen. Heute ist der 68-Jährige emeritiert, aber keinesfalls weniger aktiv. Wirtschafts-News sprach mit Gerd Weiß über sein Leben, seine Arbeit und sein ungebrochenes Engagement für das kulturelle Erbe.

Wirtschafts-News: Erzählen Sie uns etwas über Ihren Werdegang und die Anfänge Ihrer beruflichen Laufbahn - wie kamen Sie zur Denkmalpflege?

Gerd Weiß: Sie stand nicht von Beginn an auf meiner beruflichen Wunschliste. Denn als wir zu Schulzeiten unseren Berufswunsch formulieren sollten, notierte ich Theater und Verlag. Das waren für mich die Themenfelder, die mich interessierten. Mehr und mehr verfestigt hatte sich mein Weg erst während des Studiums und danach. Im Studium bin ich eigentlich durch die moderne Architektur zur Denkmalpflege gekommen. Grund hierfür war Heinrich Klotz, einer meiner Lehrer und der spätere Direktor des Architekturmuseums in Frankfurt. Er kam Anfang der 70er Jahre aus Amerika zurück und berichtete begeistert von der postmodernen Architektur der USA. Das veranlasste mich, meinen Fokus auf die Baugeschichte zu richten, ausgehend von der modernen Architektur. Das war quasi der Beginn. Von hier aus begab ich mich immer weiter zurück in die Geschichte der Architektur. Der Zufall wollte es, dass ich mein Interesse an der Architektur in einer Dissertation über Heinrich Tessenow fassen konnte, da die Tessenow Gesellschaft anlässlich seines 100. Geburtstags im Jahr 1976 jemanden suchte, die oder der ein Buch über Tessenow schrieb. Für mich war es eine tolle Gelegenheit, die Dissertation direkt nach der Fertigstellung als Buch herauszugeben.

Meinen ersten großen beruflichen Einstieg erfuhr ich in der Inventarisationsabteilung des Niedersächsischen Denkmalamtes, wo ich die Denkmaltopographie der Bundesrepublik Deutschland mitentwickelt habe. Mit dieser Buchreihe wird der gesamte Denkmalbestand eines Landes erfasst. Die Ausgangsfrage lautete: Wie schafft man es, nach dem Inkrafttreten der Denkmalschutzgesetze in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts, möglichst schnell und flächendeckend einen Überblick über alle Denkmäler zu geben? Das Projekt fand in Absprache aller Bundesländer statt und in Niedersachsen habe ich den ersten Band der Reihe im Jahr 1981 herausgegeben. Unser Ziel war es, vor allem auch die Akzeptanz seitens der Bevölkerung und der Eigentümer zu erreichen, denn ohne sie kann Denkmalpflege nicht funktionieren. Die Redaktion der Reihe war eines meiner hauptsächlichen Aufgabenfelder in den 80er Jahren.

Ende der 80er Jahre bekam ich die Chance, das von Georg Dehio vor dem Ersten Weltkrieg begründete „Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler“ für Niedersachsen im Rahmen einer Nebentätigkeit neu zu erarbeiten. Das Buch erschien 1992 mit 1.500 Seiten Umfang. Dieses heute 23 Bände umfassende Handbuch stellt alle Kunstdenkmäler Deutschlands für den Schreibtisch aber auch als Reisehandbuch vor. Diese Aufgabe beschäftigt mich auch noch heute, denn ich bin seit ein paar Jahren Vorsitzender der Dehio-Vereinigung, die dieses Handbuch herausgibt. Nach der Arbeit an dem Buch war ich eine Zeit lang als Referent im Wissenschaftsministerium Niedersachsens tätig, kehrte dann in das Landesamt für Denkmalpflege zurück und leitete dort die Abteilung für Baudenkmalpflege. Meinen beruflichen Weg in Niedersachsen beendete ich als stellvertretender Präsident des Landesamtes von Niedersachsen, ehe ich 1999 zum Landesamt für Denkmalpflege in Hessen wechselte.

Wirtschafts-News: Als Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen leiteten Sie 15 Jahre die Denkmalfachbehörde des Landes und waren damit für den Erhalt von etwa 60.000 Baudenkmälern und 100 denkmalpflegerisch schützenswerten, großflächigen Ortskernen sowie sechs Welterbestätten verantwortlich. In dieser Zeit sind Sie als engagierter Vermittler zwischen Politik, Fachwelt und Bevölkerung für den Erhalt dieser Denkmäler eingetreten. Wie waren die Jahre in Hessen und sahen auch Sie sich als Vermittler in der Denkmalpflege? 

Gerd Weiß: Das Schönste an meinem Beruf war und ist es bis heute, „Passion“ und „Aufgaben“ - oder Hobby und Beruf miteinander zu verbinden. In Hessen war die Ausgangssituation günstig, denn die Denkmalfachbehörde ist in der fachlichen Kompetenz unbestritten. Wir erfuhren Akzeptanz und politische Unterstützung, was in unserem Berufsfeld von großer Bedeutung ist. Hessen war beispielsweise das erste Bundesland in Deutschland, in dem der „Tag des Offenen Denkmals“, den es heute in ganz Europa gibt, eingeführt wurde. Was die Position des „Vermittlers“ betrifft: Ja, ich war immer eine Art Kommunikator und als dieser sah ich mich auch. Als mir meine Kollegen zu meinem 65. Geburtstag im Jahr 2014 die Festschrift mit dem Titel „Der Denkmalpfleger als Vermittler“ überreichten, hat mich das sehr berührt. Zu realisieren, dass auch die Menschen in meiner Umgebung mich so wahrnahmen, wie ich mich selbst sah, das war eine gute Sache. Die Kommunikation galt für mich immer als eine meiner Hauptaufgaben - Begeisterung an den Denkmalen zu vermitteln, Menschen für den Erhalt des kulturellen Erbes zu begeistern. Denkmalpflege hat viel damit zu tun, die Geschichten zu erzählen, die in den Gebäuden stecken. 

Wirtschafts-News: Seit Ihrem offiziellen Austritt aus dem Berufsleben steht das Leben weiterhin nicht still - Sie haben zahlreiche Funktionen und Ämter inne: so zum Beispiel den Vorsitz der wissenschaftlichen Kommission der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und den Vorsitz der Expertengruppe städtebaulicher Denkmalschutz des Bundesbauministeriums. Sie sind Mitglied der Expertengruppe für national wertvolles Kulturgut der Beauftragten für Kultur und Medien, außerdem sind Sie im Kuratorium der Kunststiftung des Hauses Hessen und in weiteren Stiftungen und Vereinen. War Ihre Entscheidung bewusst so gesetzt?

Gerd Weiß: Am Ende einer beruflichen Laufbahn gibt es die Überlegung: Hört man mit 65 auf oder verlängert man die berufliche Tätigkeit? Und vor allem: Was kommt danach? Ich hatte mich bewusst für das Aufhören entschieden, um rechtzeitig einen geregelten Übergang einzuleiten. Natürlich hatte ich mir aber im Vorfeld überlegt, was danach in meinem Leben folgt und wie es weitergeht, denn einen Beruf wie den eines Denkmalpflegers kann man nicht einfach an den Nagel hängen. Ich bin froh, meinen Weg so gewählt zu haben.

Wirtschafts-News: Die Renovierung des Brentanohauses in Oestrich-Winkel ist ein weiteres Herzensprojekt. Was konnten Sie bisher erreichen und welche sind die nächsten Ziele? 

Gerd Weiß: Die Arbeit für das Brentanohaus macht mir große Freude. Ich sehe das Haus und seine Renovierung als eine wichtige Aufgabe und habe nach dem Kauf des Hauses durch das Land Hessen den „Freundeskreis Brentanohaus“ gegründet. Das Haus ist ein ganz herausragendes Kleinod der Romantik, und davon konnten wir glücklicherweise auch die Landesregierung überzeugen. Dieses Kulturgut muss restauriert und für interessierte Besucher offenstehen. Für mich stand auch nach meinem beruflichen Ausscheiden fest, das Projekt weiter zu verfolgen. Die Verantwortung für das Haus hat eine Trägergesellschaft übernommen, die aus der Stadt Oestrich-Winkel und dem Freien Deutschen Hochstift besteht. Wir wirken alle zusammen, um die Grundinstandsetzung des Hauses voranzutreiben. Meine Aufgabe dabei ist es, Geld zu sammeln, um die Finanzierung der Restaurierungsmaßnahme zu sichern. Das ist mir bisher sehr gut gelungen, worüber ich ganz glücklich bin. Der erste Bauabschnitt am Äußeren des Haues konnte schon 2016 für rund 700.000 Euro abgeschlossen werden. 2017 folgte nun die Restaurierung des Badehauses und die Einrichtung der Tourist-Information. 2018 planen wir Maßnahmen im Innern. Wenn wir das Haus am Ende nicht nur instandgesetzt haben, sondern es auch wieder mit kulturellem Leben füllen können, dann ist das Ziel erreicht.

Wirtschafts-News: Lange Zeit hatten Sie auch den Bundesvorsitz der Denkmalpflege inne – welche waren hier Ihre Funktionen?

Gerd Weiß: Wir haben aufgrund der Kulturhoheit der Länder die Notwendigkeit einer bundesweiten Absprache zu denkmalpflegerischen Standards und Grundsatzfragen. Das passiert in der Vereinigung der Landesdenkmalpflege. Es handelt sich dabei um einen Zusammenschluss aller Denkmalämter der Bundesrepublik. Diese Tätigkeit hat mich im Laufe der Jahre viel beschäftigt, denn ich vertrat Deutschland auch im Kreis der Leiter der anderen europäischen Denkmalämter. Genau dieser europaweite Blick – nämlich bei unseren Nachbarn zu schauen, wie dort Denkmalpflege begriffen wird – war ein sehr spannender. 

Wirtschafts-News: Sie haben sich weiterhin als Lehrender an verschiedenen Universitäten einen Namen gemacht - wie wichtig war und ist Ihnen das Lehren?

Gerd Weiß: Ich lehrte zuerst an der Universität in Göttingen und erhielt im Jahr 2002 die Honorarprofessur am Kunstgeschichtlichen Seminar in Frankfurt. Wichtig war es mir, den Kunstgeschichtsstudenten das Berufsbild Denkmalpflege näher zu bringen, und so gestaltete ich die Vorlesungen entsprechend praxisorientiert. Wir besuchten Baustellen, kletterten auf Gerüste. Meine Studenten sollten live erleben, was Denkmalpflege bedeutet und wie spannend das Berufsfeld ist.
Heute lehre ich nicht mehr, betreue aber noch vereinzelt Doktoranden.

Wirtschafts-News: Im Jahr 2013 bekamen Sie die Goldene Ehrennadel der Stadt Kassel verliehen – wie kam es zu dieser Auszeichnung und was bedeutet sie Ihnen?

Gerd Weiß: Der Nadel ging einer der Höhepunkte meiner beruflichen Tätigkeit voraus. Es ging dabei um den „Bergpark Wilhelmshöhe“, welcher auf die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen werden sollte. Wir haben diesen Antrag gemeinsam mit vielen Kollegen bearbeitet und ich durfte den Antrag Deutschlands auf der Sitzung der UNESCO in Kambodscha vertreten. Es war ein großartiges Gefühl zu erleben, wie eine solche Idee eines Welterbes in der Weltgemeinschaft der UNESCO aufgenommen wird. Auch die Sitzung mit ihren etwa 1.500 Teilnehmern aus über 120 Staaten hatte mich begeistert. Da sitzen Nationen nebeneinander, durch das Alphabet zusammengewürfelt, die eigentlich gar nichts miteinander zu tun haben wollen, wie etwa der Iran und Israel, und diese Nationen tauschen sich dann plötzlich über die Frage aus, wie man es schafft, das bedeutende Erbe der Menschheit zu erhalten. Der Jubel, wenn ein Objekt wieder neu aufgenommen wird, ist unbeschreiblich. Wir haben es für Kassel geschafft und ich durfte dann in Kassel die Ehrennadel entgegennehmen. Für mich war es noch eine zusätzliche Ehre, dass damit erstmals ein „Nicht-Kasseler“ die Auszeichnung erhalten hat.

Wirtschafts-News: Alte Denkmale haben Geschichte und geben uns wertvolle Auskünfte über die Historie. Doch wie verträgt sich der Erhalt dieser „Zeitschichten“ mit den Anforderungen der aktuellen Energieeinsparverordnung? Glauben Sie, dass sich auf Dauer der Blick auf den „Erhalt oder Abriss“ alter Baubestände verändern wird bzw. wie schwierig wird es sein, den ursprünglichen Charakter solcher Gebäude aufrecht zu erhalten?

Gerd Weiß: Ich glaube, dass wir ohne den Blick in die Vergangenheit nicht unsere Zukunft entwickeln können. Gerade die in unserer Gesellschaft zu beobachtende Globalisierungstendenz führt dazu, dass wir im Gegenzug eine deutliche Rückbesinnung auf die Werte des kulturellen Erbes der europäischen Städte und der historischen Kulturlandschaften entdecken. Die unverwechselbare individuelle Gestalt unserer Orte gilt es zu bewahren, denn sie sind es, die den hier lebenden Menschen ein Gefühl der Geborgenheit und Identifizierung mit ihrer Umwelt vermitteln. Die gebaute historische Umwelt ist elementarer Bestandteil und Ausgangspunkt der heute so oft beschworenen Baukultur. Die Vermittlung dieser Bedeutung, das Werben, die Akzeptanz in der Öffentlichkeit und der Erhalt sind auch künftig die wichtigsten denkmalpflegerischen Aufgaben.  

Wirtschafts-News: Rückblickend auf Ihre berufliche Laufbahn: welches waren besondere Projekte und was würden Sie als Ihre wichtigsten Arbeiten bezeichnen?

Gerd Weiß: Für mich war immer das Beglückendste an meinem Beruf, dass ich persönliche Neigungen mit meiner beruflichen Aufgabe verbinden konnte. Was mich unter den vielen Projekten besonders beschäftigt und erfüllt hat, das war die große Sanierungsmaßnahme des Klosters Eberbach im Rheingau. Das war mein Projekt, für das ich auch direkt die praktische Denkmalpflege betrieb, und es war gleichzeitig eine Leidenschaft für diese Restaurierung, die ich hier ausleben konnte. Beim Kloster Eberbach behielt ich die unmittelbare Nähe zum Objekt, die mir, als Ausgleich zu den zahlreichen Verwaltungsaufgaben im Rahmen der Leitung eines Landesamtes, wichtig war.

Wirtschafts-News: Noch zwei Sätze zur Privatperson Gerd Weiß: welche sind Ihre Hobbys und was bedeutet Ihnen die Stadt Wiesbaden sowie die Rheinmainregion?

Gerd Weiß: Wir haben eine große Familie mit drei Kindern und sechs Enkelkindern. Die sind mir an erster Stelle wichtig. Außerdem bin ich ein Sammler von Haus aus – und so sorge ich dafür, dass Dinge, die mich begeistern, auch unser Haus füllen. Neben Büchern, Grafiken, Bildern sind dies unter anderem Blechspielzeug, Kreisel oder chinesische Snuffbottles. Wiesbaden und die Rhein-Main-Region sind für mich mit dem reichen kulturellen Angebot, der zentralen Lage und dem wunderschönen Rheingau ein idealer Lebensmittelpunkt.

Wirtschafts-News: Haben Sie herzlichen Dank für das Interview.

Alexandra Rohde ist freie Redakteurin und Autorin. Nach dem Studium der Publizistik, Soziologie und Pädagogik an der Johannes Gutenberg-Universität, absolvierte sie das Volontariat zur Pressereferentin. Ihren beruflichen Einstieg hatte sie bei der Mainzer Allgemeinen-Zeitung als freie Mitarbeiterin. Heute schreibt sie für unterschiedliche Zeitungen im Rhein-Main-Gebiet. Als Pressereferentin war sie weiterhin im Bereich der internen sowie externen Kommunikation tätig. Geboren 1982 in Mainz, studierte sie für ein Jahr im schweizerischen Basel und lebte für eine Weiterbildung im Bereich Aufnahmeleitung TV in München und Köln. Sie wohnt bei Mainz, in ihrer Freizeit reist sie leidenschaftlich gerne und hat ein Faible für Musik, Yoga und Tanz.