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"Wir haben eine gesellschaftliche Verantwortung"

Hans Georg Schnücker, Bild: VRM

Hans Georg Schnücker wird am 1. Juli 1956 im hessischen Wasenberg geboren. Er studiert Wirtschaftswissenschaften an der Universität der Bundeswehr in Hamburg mit den Schwerpunkten Betriebsorganisation und Öffentliches Recht. Bei der Rheinischen Post ist Schnücker Vertriebsdirektor und später Geschäftsführer. Seit 2004 ist er der Geschäftsführer der Verlagsgruppe Rhein Main (heute VRM) sowie deren Tochtergesellschaften. Im Interview mit der Wirtschafts-News spricht er über die Entwicklung der Medienlandschaft und die Position eines Zeitungsverlags.

Wirtschafts-News: Wo stehen Medienunternehmen heute und was hat sich im Laufe der Jahre am gravierendsten verändert?

Hans Georg Schnücker: Die Medienbranche verspürt als zentraler Bestandteil einer gesellschaftlichen Kommunikationskette den Wind der Veränderung immer als eine der ersten. Denn, wenn sich die Welt rasant verändert, verändern sich auch der Blick der Menschen darauf und ihr Wunsch nach Information. Was die heutige Situation noch einmal besonders macht, ist der Faktor der Geschwindigkeit. Zeitungen gibt es seit rund 400 Jahren. Über 200 Jahre später kamen dann Telegrafen, 80 Jahre später der Rundfunk. Das Fernsehen kam dann schon kurz darauf, nur 30 Jahre später, 1950. Und die Dynamik, die dann das Internet und die mit ihm gegründeten Unternehmen entfacht haben, ist noch einmal eine ganz andere. Google und Amazon gibt es seit 20 Jahren, Facebook seit 15. Dennoch sind es die wertvollsten Konzerne der Welt. Es mag provokant klingen, aber ich glaube, dass gerade wegen dieser Geschwindigkeit die Aufgabe, die wir als Medienhaus einnehmen eine Konstante bleiben muss: Seriös aufbereitete Informationen anbieten. Vertrauen der Menschen in unsere Demokratie stärken. Den Mächtigen auf die Finger schauen – und damit meine ich neben der Politik durchaus auch die genannten Konzerne.

Wirtschafts-News: Was bedeuten Megatrends wie Digitalisierung oder Globalisierung für einen regionalen Medienkonzern?

Hans Georg Schnücker: Das Nutzungsverhalten und die Bedürfnisse unserer Zielgruppen ändern sich. Vor allem seit dem flächendeckenden Einzug der Smartphones geht es oft darum, zu jeder Zeit an jedem Ort alle notwendigen Informationen bereitstellen zu können. Dem tragen wir beispielsweise Rechnung, indem wir neben unseren klassischen Print-Produkten auch E-Paper, News-Apps und vor allem eine große Bandbreite an Bewegtbild-Angeboten zur Verfügung stellen. Ganz unabhängig davon beobachten wir aber einen Gegentrend. Einer globalen Wertschöpfung einerseits stehen auch globale Krisen andererseits gegenüber. Die Welt wird immer unübersichtlicher. Viele Menschen haben erkannt, dass die Zukunft unseres Zusammenlebens nicht notwendigerweise im Silicon Valley entschieden wird, sondern, dass es sich lohnt, sich in seiner Region auszukennen und zu engagieren. In Vereinen, in der Lokalpolitik und im gesellschaftlichen Miteinander generell. Dabei kann ihnen keiner so gut helfen wie wir. Denn trotz aller Daten, die Facebook und Co. über die Menschen sammeln, haben wir einen entscheidenden Vorteil im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der Menschen vor Ort: Das Vertrauen in unsere Qualitätsmarken. Das ist ein hohes Gut, das wir niemals verspielen dürfen. Nicht umsonst lautet ein Satz unserer VRM-Mission: „Wir lassen alle Menschen in der Region Heimat leben.“

Wirtschafts-News: Mathias Döpfner kritisierte jüngst die ARD in Ihrer Ausrichtung der Digitalisierung. Er argumentierte dabei zuletzt in einer Veröffentlichung vom 02.11.17 in der Welt, öffentliche Rundfunk- und Fernsehanbieter dürften nicht zu Textanbietern, also Zeitungsverlagen im Internet, werden. Dabei sieht er nicht nur eine existenzielle Bedrohung privater Verlage, sondern gleichfalls eine Falschausrichtung der Digitalisierungsstrategie. Hat er damit recht? 

Hans Georg Schnücker: Selbstverständlich. Unsere duale Medienlandschaft, die öffentlich-rechtlichen, gebührenfinanzierten Rundfunkangeboten eine zweite starke, privatwirtschaftliche Säule gegenüberstellt, ist im Kern eines der besten Systeme der Welt. Leider hat die Einführung des Internets dazu geführt, dass die Kollegen dort den im Rundfunkstaatsvertrag erteilten Auftrag deutlich überdehnen. Bei der Verfassung dieser Grundlage war vom Internet noch weit und breit nichts zu sehen, sonst wäre der Fall auch noch klarer formuliert und würde gar nicht zu Debatten führen. Denn es ist völlig offenkundig, dass öffentliche Güter immer erst dann zum Tragen kommen sollten, wenn Märkte versagen. In diesem Falle ist es eher umgekehrt: Wir hatten und haben einen starken privatwirtschaftlichen Medienmarkt in Deutschland. Sowohl die überregionalen Medien wie ein „Spiegel“ oder eine ZEIT“ als auch wir regionalen Anbieter können unsere Aufgabe als unabhängige, vierte Staatsgewalt ausüben. In dem Moment, wo mit Pflichtgebühren, die eigentlich zur Aufrechterhaltung von Rundfunkangeboten eingesammelt werden, presseähnliche und textbasierte Nachrichtenangebote als App oder Webseite von ARD und ZDF angeboten werden, verzichten viele Kunden auf die zusätzliche Nutzung kostenpflichtiger Apps – Sie haben ja bereits die GEZ bezahlt. Das ist kein fairer Wettbewerb und das muss man dann auch artikulieren.

Wirtschafts-News: Immer weniger Menschen lesen „klassisch“ die Zeitung, die Relevanz diverser anderer Endgeräte wie Tablets, Smartphones und PCs wird stärker – welche Auswirkungen hat das auf einen Verlag die die VRM? Wo halten Sie fest an „Alt-Bewährtem“ und wo muss man neue Wege gehen, neue Geschäftsmodelle suchen?

Hans Georg Schnücker: Unsere gedruckten Auflagen sinken wie bei den meisten Verlagen, das stimmt. Allerdings haben wir Wachstumsraten im E-Paper-Bereich, die konstant bei über 20 Prozent liegen. Zudem haben wir alleine im letzten Jahr mehr als 15 Millionen Aufrufe auf unseren Videoangeboten verzeichnen können – wir erreichen quasi so viele Leute wie noch nie. Wir wollen aber ohnehin mehr als ganzheitlicher Gestalter unserer Region agieren, als nur ein reiner Informationsdienstleister. In unserem umfangreichen Markenprojekt haben wir ganz genau definiert, wofür wir stehen und was unsere Kunden von uns erwarten können. Deshalb gliedern wir unsere Angebotspalette in vier Säulen, neben den „Medien“ auch „Leben“, „Service“ und „Engagement“. Darin enthalten sind Onlineportale, auf denen unsere Kunden Reisen buchen oder regionale Produkte bestellen können, genauso wie Dienstleistungen für unsere Werbekunden oder der ganze Bereich der Leseförderung.

Wirtschafts-News: Der Auflagenrückgang vieler Tageszeitungen zwingt sie, Pay-Modelle einzuführen oder weiterzuentwickeln. Dadurch müssen sie Reichweitenverluste befürchten. Das Vakuum, das in der Folge entsteht, wird vielfältig durch alternative Medien mit extremen Positionen eingenommen. Immer wieder ist von Echokammern und Filterblasen zu hören. Bundespräsident Steinmeier nannte im Rahmen des Forums Bellevue unlängst die „Parzellierung der Gesellschaft“ als Konsequenz dessen. Hat ein Verlag wie Ihrer eine gesellschaftliche Verantwortung, die wirtschaftlichen Zielen zuwiderläuft?  

Hans Georg Schnücker: Ja und nein. Ja, wir haben eine gesellschaftliche Verantwortung, nein, sie läuft unseren wirtschaftlichen Interessen nicht zuwider. Es muss uns gelingen, das hohe und schützenswerte Gut von Presse- und Meinungsfreiheit und die höchstrelevante Aufgabe als fester Eckpfeiler unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung wieder in die Mitte der Debatte zu rücken. Dass sich Menschen alternativ informieren, möchte ich ihnen gar nicht zum Vorwurf machen. Der Vorwurf gilt eher der Politik, die es über Jahrzehnte lang zulässt, dass die Plattformen, die sie ansprechen, weder kartell- noch steuer-, datenschutz- oder presserechtlich reguliert werden. Dass sich dann entsprechende Monopolstellungen ergeben, die sich kaum noch steuern lassen, darf da nicht verwundern. Wir tun jedenfalls gut daran, den Menschen hier vor Ort seriöse Informationen zu liefern – und unsere Journalisten dafür anständig zu bezahlen. Ich glaube, dass das langfristig der richtige Weg ist.

Wirtschafts-News: Als wie bedrohlich betrachten Sie die Entwicklung alternativer Medien im Hinblick auf den gesellschaftlichen Diskurs?

Hans Georg Schnücker: Mir gefällt schon der Begriff „alternative Medien“ nicht. Facebook und Co. bezeichnen sich selbst auch als Plattformen – und wissen genau warum. Als Medium hat man nämlich neben ein paar Rechten auch eine ganze Liste an Pflichten. Und wenn sie einmal in die Kommentarspalten schauen und die Ohnmacht betrachten, die Staat und Unternehmen zeigen, wenn es um die Verhinderung von Hass und Hetze geht, dann stellen sie fest, dass diese Pflichten durch die Bank weg verletzt werden. Aber ja, ich halte diese Entwicklung für mehr als bedenklich. Denn bei allen unterschiedlichen Sichtweisen auf ein Thema, benötigt es für eine gesunde Debattenkultur vor allem eins: Eine eindeutige Informationslage. Wenn jetzt jeder beginnt, sich seine eigene Wahrheit zu suchen, entsteht elementarer Schaden für unser Zusammenleben, „alternative Fakten“ sind ein furchtbares Wort. Ich will aber auch etwas Versöhnliches sagen: Die Möglichkeiten dieser Netzwerke sind enorm und ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass wir mit den richtigen Werkzeugen auch wieder Ordnung in diese unkontrollierte Kommunikationslandschaft bringen. Wir Medien können dabei eine entscheidende Rolle spielen, wenn die Plattformen auf uns zukommen und den Content, den wir ihnen bieten, angemessen honorieren.

Wirtschafts-News: Wie kann bei der weiter zunehmenden Geschwindigkeit der Qualitätsjournalismus erhalten bleiben?

Hans Georg Schnücker: Indem der Wertekanon, der viel älter ist, als die Digitalisierung, hochgehalten wird. Unabhängigkeit, Aufrichtigkeit, Seriosität. Auch Videokolumnen oder Blogbeiträge können journalistisch wertvoll gestaltet werden. Das ist auch unsere Aufgabe als Medienhaus.

Wirtschafts-News: Wo sehen Sie Medienunternehmen in Deutschland in zehn Jahren und wo wird die VRM stehen?

Hans Georg Schnücker: Wir dürfen uns nichts vormachen. Weltweit und auch in Deutschland hat ein Konsolidierungsprozess begonnen, der langfristig dazu führt, dass es weniger Verlage und Medienunternehmen in Deutschland geben wird. Das heißt aber mitnichten, dass die Aufgaben und das Leistungsspektrum der Unternehmen abnehmen – im Gegenteil. Wir können zu den Mediengruppen gehören, die in zehn Jahren hier in Deutschland die von mir beschriebene, elementare Aufgabe wahrnehmen, unsere Kunden mit den Informationen zu versorgen, die sie zur Teilnahme an der Gesellschaft brauchen. Dafür treten wir alle jeden Tag an.

Wirtschafts-News: Welche Verbundenheit haben Sie mit der rheinland-pfälzischen Landeshaupt und was schätzen Sie besonders an Mainz und den Menschen?

Hans Georg Schnücker: Ich bin ja eigentlich gebürtiger Hesse und lebe derzeit auch in Wiesbaden, wo wir ebenfalls eine große Tageszeitung haben, den Wiesbadener Kurier. In Düsseldorf habe ich meine rheinische Feinausbildung erhalten. Mainz vereint diese bisherigen Stationen auf wunderbare Art und Weise. Offene Menschen, direkte Ansprache, Geselligkeit und immer ein Hauch Selbstironie. Das gefällt mir sehr. Außerdem empfinde ich es als große Ehre, den Verlag in der Stadt zu führen, in der Johannes Gutenberg einst die Grundlage einer modernen und partizipativen Medienlandschaft legte. Dass der rheinhessische Wein hervorragend schmeckt, brauche ich nicht eigens zu erläutern.

Wirtschafts-News: Haben Sie vielen Dank für das Interview.


Über die Autorin:

Alexandra Rohde ist freie Redakteurin und Autorin. Nach dem Studium der Publizistik, Soziologie und Pädagogik an der Johannes Gutenberg-Universität, absolvierte sie das Volontariat zur Pressereferentin. Ihren beruflichen Einstieg hatte sie bei der Mainzer Allgemeinen-Zeitung als freie Mitarbeiterin. Heute schreibt sie für unterschiedliche Zeitungen im Rhein-Main-Gebiet. Als Pressereferentin war sie weiterhin im Bereich der internen sowie externen Kommunikation tätig. Geboren 1982 in Mainz, studierte sie für ein Jahr im schweizerischen Basel und lebte für eine Weiterbildung im Bereich Aufnahmeleitung TV in München und Köln. Sie wohnt bei Mainz, in ihrer Freizeit reist sie leidenschaftlich gerne und hat ein Faible für Musik, Yoga und Tanz.