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Wie findet man einen Troll?

Lars Reichow, Bild: Mario Andreya

ZDF-Intendant Thomas Bellut sprach von massiven Veränderungen unserer Medienordnung, VRM-Chef Hans Georg Schnücker stellte die Frage, ob gesetzliche Regulierung erforderlich sei, Tabea Rößner, Sprecherin für Netzpolitik und Verbraucherschutz der Grünen, wies auf die Gefahren von Desinformationen hin. Als Folge all dessen, so der Präsident des rheinland-pfälzischen Landtages, Hendrik Hering, entstünden Filterblasen und Echokammern. Doch wie findet man einen Troll? – fragt der Mainzer Kabarettist, Lars Reichow.

Gutenberg-Talk: Ist erkennbar, dass die Medienlandschaft sich durch den Digitalisierungsprozess verändert?

Lars Reichow: Digitalisierung ist ein technologisches Feuerwerk, für die Bürger ein Riesenspaß, ein Konsumfass ohne Boden, für die Medienlandschaft ein Urknall, mindestens ein Erdbeben. Wir Babyboomer waren die erste Generation, auf die ein Chancen-Tsunami zugerast ist. Er hat fast alles mitgerissen, umgewälzt, dabei manches zerstört, was uns Halt und Glaubwürdigkeit gegeben hat. Jetzt gilt es vor allem Ruhe zu bewahren, Freiheit zu bewahren, aber gleichzeitig so schnell wie möglich Anstand und Glaubwürdigkeit in das neue Monstermöbelhaus einzubauen. Vernetzung nährt die Sucht nach der digitalen Weltherrschaft, der Informationsdiktatur. Die Verbrecher, die Bösen wittern das Geschäft ihres Lebens. Die meistgefährdete Art scheint mir im Moment die Wahrheit zu sein. Wir – die wir an die Wahrheit, auch an die unbequeme Wahrheit glauben, müssen ihr einen Platz einräumen, von dem sie niemand vertreiben kann. Wenn wir Wahrheit und Lüge nicht mehr voneinander unterscheiden können, dann wird unsere Gesellschaft daran zu Grunde gehen. Wenn wir nicht mehr unterscheiden können zwischen Nachrichten, Spielfilm und Werbepause, dann wird’s kritisch.

Gutenberg-Talk: Eine Veränderungen ist, dass der Zeitdruck massiv zugenommen hat. Dies macht die Arbeit für Journalisten anspruchsvoller. Wie nehmen Sie diese Veränderungen wahr? 

Lars Reichow: In meinem Beruf gehört es doch zur Grundausbildung, so schnell und so witzig wie möglich auf alles zu reagieren. Was glauben Sie, wie schwer das ist, wenn man eine schlechte Frage gestellt bekommt. Ich liebe es spontan und schnell zu reagieren, manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass die Antworten dann besser sind als meine durchdachten. Aber es ist unstrittig, dass es bei einigen Dingen nützlich ist, sich sehr viel Zeit zu nehmen, um eine schwierige, eine große Aufgabe zu lösen. Kreative Menschen leben und arbeiten meistens unter enormem Zeitdruck (ich staubsauge manchmal noch, um den Druck zu erhöhen) und manche kriegen auf diese Weise wunderbare Ergebnisse hin. Aber ich halte es für unmöglich, eine fundierte, recherchierte, also journalistisch einwandfreie Arbeit in einem Drittel der Zeit von früher zu erledigen. Dies führt nur zu kleinen und großen Fehlern. Digital heißt nicht genial!

Seriöser Journalismus braucht seine Zeit, denn seine Glaubwürdigkeit (ein schönes Wort) trägt ein hohes Maß an Verantwortung, kann – nicht nur in politischer Hinsicht - über Leben und Tod entscheiden. Im Gegensatz zur Unterhaltung, wo sich der Markt am Ende selbst reguliert, weil dumme Witze in der Regel auch keinen Erfolg haben, ist es der seriösen Nachricht vorbehalten, allen Parteien gleich unbestechlich vorzuliegen. Umso trauriger, dass wir gerade in diesen Tagen erleben müssen, wie billigste Fälschungen und irrsinnigste Lügen den mächtigsten Mann der Welt in seinem Büro offenbar direkt und ungefiltert erreichen. 

Gutenberg-Talk: Man kann wohl sagen, dass sich der gesellschaftliche Diskurs schon jetzt verändert hat. Nicht nur sind die Reaktionszeiten sehr viel schneller, auch der Ton ist viel rauer. Wie wirkt sich das aus auf Leute, die sich kritisch äußern wollen? Entsteht Befangenheit?

Lars Reichow: Befangenheit entsteht bei mir dadurch, dass sich andere, eigentlich alle, die gerade Lust dazu haben, völlig unbefangen äußern. Und nicht nur kritisch, sondern verletzend, verhetzend und teilweise auch verbrecherisch. Einen Verlag kann man verklagen, da kann man reingehen ins Gebäude und sich beschweren. Manchmal zahlt er sogar eine Entschädigung. Aber wie findet man – verdammt noch mal - einen Troll? Wie bringt man ihn vor Gericht? Hinzu kommt die Niveaulosigkeit, mit der sich ganz normale Leute im Netz äußern. Es gibt keine Demokratisierung in der Informationsgesellschaft. Mit anderen Worten: Die Verschriftlichung schwacher Gedankengänge bringt uns nicht weiter! Sie bringt uns nur gegeneinander auf! – Wenn also der Begriff „hoheitliche Aufgabe“ noch Sinn macht, dann im Journalismus. Medien tragen eine hohe, gesellschaftspolitische Verantwortung. Diese müssen sie sich erarbeiten, aber wir müssen ihnen diese Arbeit auch ermöglichen und sie vor Betrügern schützen.

Gutenberg-Talk: Durch den Auflagenrückgang der privaten Verlage ist ein Vakuum in der Medienlandschaft entstanden. Diese Lücke wird zunehmend von alternativen Medien besetzt. Hierbei handelt es sich um Publikationen, die nicht immer mit einwandfreien Quellenangaben arbeiten und zudem unverhohlen als Sprachrohr politischer Parteien fungieren (wie etwa im Fall von Compact und der AFD). Muss die Politik auf diesen Bereich einwirken? Oder kann man darauf hoffen, dass der Qualitätsjournalismus – privat und öffentlich-rechtlich – verlorenes Terrain zurückgewinnt?

Lars Reichow: Es wäre zu schön, wenn der Markt alles regeln würde und die Qualität am Ende zum Sieger erklärt. Wir sehen es an unserem (früheren) großen Vorbild USA, wie leidensfähig Qualität sein kann. Nein, wir täten gut daran, allen Bürgern unserer Demokratie klar aufzuzeigen, wem sie diese Freiheit auch zu verdanken haben: Einem aufgeklärten, der Wahrheit verpflichteten Journalismus. Demokratie muss sich viel gefallen lassen, aber sie sollte sich auch vor dem Untergang bewahren können.

Gutenberg-Talk: Welche Auswirkungen hat diese Entwicklung – Herr Bellut nannte es das Entstehen einer neuen Medienordnung – auf den gesellschaftlichen Diskurs?

Lars Reichow: Naja, Diskurs hin oder her, hier muss bald gehandelt werden. Wenn nicht zügig die Leitplanken für einen demokratisch-freiheitlichen-kritischen-fairen-faktenbelegten Journalismus auf den großen Ereignis- und Informationsautobahnen eingezogen werden, dann werden wir ein Volk von digitalen Manta-Fahrern. Das wird ein sehr mühsames Geschäft, dann noch vernünftige Wege zu gehen – vor allem graut mir vor einer großen, nationalistischen Kühlerfigur, der alle hinterher fahren. Ich wünsche mir einen starken Staat in einem starken europäischen Verbund, der die Spielregeln vorgibt, so wie damals 1948 das Grundgesetz ausgearbeitet wurde. Wir brauchen ein digitales Grundgesetz – und davon ausgehend eine digitale Weltordnung.

Gutenberg-Talk: Sind Zusammenhänge darstellbar zwischen der breiten Wahrnehmbarkeit solcher Publikationen einerseits und den Veränderungen in der parteipolitischen Landschaft in Deutschland andererseits?

Lars Reichow: Ich bin sicher, dass es Zusammenhänge gibt, aber ich bin der Falsche, um sie darzustellen. Verschwörungstheoretiker und Vereinfachungsweltmeister haben momentan Hochkonjunktur, jeder publiziert, was er mag, das tut im einen Fall weh, im anderen muss man ein Verbot prüfen, falls es gegen das Grundgesetz verstößt. Jeder, der sich auskennt damit, Meinungen zu verbreiten, ist interessant für diejenigen, die etwas loswerden wollen. Die AfD hat die parteipolitische Landschaft in Deutschland nicht nur verändert; sie beschmutzt auf perfide, widerwärtige Weise die Würde der Landtage und des Bundestags. Warum? Weil sie die Errungenschaften der Demokratie, die Institutionen und deren Repräsentanten verachtet. Die Intellektuellen, Philosophen und Publizisten, die sich hinter ihr scharen, sollten sich schämen, ihre Klugheit bzw. ihr Geschäft in den Dienst solcher Parteien zu stellen.

Gutenberg-Talk: Welche Bedeutung hat das Gutenberg-Jahr für die Stadt Mainz?

Lars Reichow: Ich will nicht lange drumherum säuseln: Offensichtlich eine zu geringe Bedeutung. Der Stadt Mainz ist es nicht gelungen, das Thema Gutenberg und das Gutenberg-Museum zu einem nationalen, wenn nicht internationalen Ereignisfeld, zu einer Sensation zu machen. Dem Jubiläumsjahr hätte es gut angestanden, einen Neubau zu verkünden, den Spatenstich eines spektakulären Bibelturms zu verkünden, einen Upgrade des Museums zum Landesmuseum bzw. eine nationale, wenn nicht gar eine europäische Trägerschaft zu verkünden. Man hätte dieses Jubiläum zu einer Feier der Demokratie machen können, zu einer Feier des glaubwürdigen, gedruckten Wortes, zu einer würdevollen Ökumene, einer ausgestreckten Hand in Richtung Dom und Bischofssitz. 

Gutenberg-Talk: Mainz ist Standort der größten Sendeanstalt Europas und zahlreicher weitere Medienunternehmen. Würden Sie sich ein stärkeres gesellschaftliches Engagement – etwa in Gestalt von öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen – wünschen?

Lars Reichow: Ganz sicher würde es der Stadt Mainz und dem Sender – in dieser Reihenfolge – zum Vorteil gereichen, wenn sich das ZDF noch stärker mit seiner Heimatstadt vernetzt. Ein Medienpark, wie er vor Jahren zwischen Mainz-Drais und dem Lerchenberg geplant war, könnte an anderer Stelle gut funktionieren. Mainz liegt hier unter seinen Möglichkeiten. Es wäre ein richtiges Projekt, zum Beispiel auf dem Gelände des Layenhofs eine Art Medienpark ins Leben zu rufen, um so der Stadt eine geistige Frischzellenkur zu verpassen und den Medienunternehmen einen Grund zu liefern, hier zu bleiben und zu investieren.

Gutenberg-Talk: Wie stark ist Mainz als Medienstadt für Außenstehende wahrnehmbar? 

Lars Reichow: Das müssen Sie die Außenstehenden fragen. Ich stehe zu weit drin, um das zu beurteilen. Mainz hat – auch unter einigen Wiesbadenern - einen guten Ruf, die Bevölkerung gilt als lustig, unkompliziert, aber ein bisschen bequem und provinziell. Kaum jemand denkt an die immense Bedeutung, die Mainz über Jahrhunderte und noch bis zum Zweiten Weltkrieg hatte. Diese Größe, diese Schönheit und diese Cleverness gilt es zurück zu erobern.

Bild: Mario Andreya