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„Mich interessiert nicht, ob sie drei Frauen haben oder der Porsche gerade an die Wand geknallt ist“

Rolf Töpperwien, Autorin Alexandra Rohde

Der ehemalige ZDF-Sportreporter Rolf Töpperwien gehört zu den bekanntesten in Deutschland. 1950 in Osterode am Harz geboren, studiert er Publizistik, Geschichte und Politikwissenschaften eigentlich nur, weil er für seinen Traumberuf „einen Abschluss“ braucht. Denn Töpperwien, oder besser Töppi, wollte seit jeher Reporter des Fußballs werden. Nach dem Studium gelingt ihm der Einstieg beim Fernsehen und er feiert sein Debüt als Sportreporter im Jahr 1974 beim Spiel des Wuppertaler SV gegen den MSV Duisburg. 37 Jahre ist er DER Fußballreporter des ZDF bis er sich 2010 bewusst in den Ruhestand verabschiedet. Alexandra Rohde trifft den heutigen Privatier, wie er sich selbst nennt, zu einer Gambaspfanne in Wiesbaden.

Wirtschafts-News: Sie sind mittlerweile seit acht Jahren nicht mehr als Fußballreporter tätig – wie fanden Sie die Zeit beim ZDF und was vermissen Sie am meisten?

Rolf Töpperwien: Meine Zeit beim ZDF war der Traum meines Lebens. Ich wollte das, ich habe alles dafür gegeben und ich durfte den Job tun. Als vor 12 Jahren aber mein Sohn geboren wurde, haben sich die Dinge verändert. Denn da habe ich gemerkt, dass es mit ihm nun einen Menschen gibt, der mein Herz mehr erreicht als der Fußball, was vorher noch niemand geschafft hat. Und somit kann ich heute sagen, dass ich nichts vermisse. Mein ganzes Glück sind meine Frau Lisa und mein Sohn Louis. Ihn aufwachsen zu sehen ist ein großes Geschenk. Ich wollte heute nicht mehr ständig über Nacht weg- und so viel unterwegs sein wie früher. Vielmehr liegt mir daran, meinen Sohn jeden Morgen zur Schule zu bringen. Alles was mir gehört, gehört ihm. Er macht mich jeden Tag glücklich. Das eine ist vorbei, das andere ist jetzt. 

Wirtschafts-News: Gibt es ein spezielles Highlight Ihrer Karriere, an das Sie sich erinnern?

Rolf Töpperwien: Ich habe an jedem Wochenende im Stadion ein Highlight erlebt. Es gibt duzende davon. In meinem Buch schreibe ich über einige Highlights und besondere Momente, aber das spiegelt nur einen Bruchteil dessen wieder, was ich alles erleben durfte.

Wirtschafts-News: Wo steht der Fußball und welche Position wird er in der Gesellschaft in zehn Jahren einnehmen? 

Rolf Töpperwien: Der Fußball befindet sich in Deutschland seit Jahren auf der Überholspur und das in einer Spirale. Spirale deshalb, weil wir vor vielen Jahren gedacht haben, er würde überdrehen doch dem sind wir eines Besseren belehrt worden. Die Menschen lieben den Fußball mehr als ihre Autos oder ihre Frauen und der Fußball kann sich meiner Meinung nach erlauben was er will. Er ist das Wichtigste in diesem Land an Liebe. Wir hatten die Lage auch viele Jahre im Fernsehen falsch eingeschätzt – der Fußball wird gefressen wie Brot. An den Fußball kommt nichts ran und das wird so bleiben.

Wirtschafts-News: Die WM steht unmittelbar vor der Tür – was halten Sie von Public-Viewing?

Rolf Töpperwien: Da bekomme ich das große Schaudern. Menschenmassen, die sich eigentlich überhaupt nicht für den Fußball interessieren, kommen zusammen und wollen eine Party feiern. Ich möchte den Fußball in Ruhe auf Coach sehen und hören, was der Kollege sagt. In absoluter Ruhe. Dieses Partygehabe gerade zu EM- und WM-Zeiten ist in meinen Augen blinder Aktionismus. Fußball ist eine ernsthafte Angelegenheit.

Wirtschafts-News: Wer ist in Ihren Augen ein wahrer Fußball-Fan?

Rolf Töpperwien: Jemand, der sich für Fußball interessiert und der, wenn es wichtig ist, sich das anschaut und nicht feiert. Feiern kann ich hinterher.

Wirtschafts-News: Sehen Sie eine Entwicklung beim Frauenfußball?

Rolf Töpperwien: Auf jeden Fall. Frauen haben sich dem Fußball viel mehr zugewandt. Gerade der Frauenfußball hat sich enorm entwickelt. Das war früher undenkbar beziehungsweise sogar verboten. Heute haben wir 6-8 Millionen Zuschauer, wenn die Frauen erfolgreich in der WM spielen.

Wirtschafts-News: Was halten Sie von den technischen Neuerungen der vergangenen Jahre im Fußball, wie etwa den Videobeweis?

Rolf Töpperwien: Nicht viel. Die Torlinientechnik finde ich in Ordnung, damit sich Wembley 66 nicht wiederholt. Von dem anderen technischen Schnickschnack bin ich nicht überzeugt. Was soll ein Videobeweis, wenn der Schiedsrichter, wie beim Pokal-Endspiel Bayern gegen Frankfurt neulich, mehrmals auf den Monitor und dennoch falsch entscheidet?

Wirtschafts-News: Freuen Sie sich auf die WM 2018 und wer wird Weltmeister? 

Rolf Töpperwien: Na klar freue ich mich. Jede WM ist besonders und einzigartig. Und so betrachte ich die Spiele auch. Ich bin nicht voreingenommen. Russland als Austragungsland stehe ich offen gegenüber – wenn ich an 2022 Katar denke, bereitet mir das viel mehr Bauchschmerzen. Getippt habe ich auf Spanien. 

Wirtschafts-News: Was halten Sie von Löws Kader für die WM?

Rolf Töpperwien: Über Petersen war ich sehr überrascht finde die Wahl aber gut. Sonst ist alles „normal“ würde ich sagen. Was uns anbetrifft: Titelverteidigung wird schwer aber sie mischen sicherlich ein gehöriges Wort mit.

Wirtschafts-News: Oli Kahn wird auch die diesjährige WM wieder als Experte im ZDF begleiten – was halten Sie von ihm?

Rolf Töpperwien: OIi dafür einzusetzen war sogar mein Vorschlag. Oli ist ein ganz intelligenter Typ und er fährt eine klare Linie. Ich mag solche Menschen und habe in ihm sofort Potential gesehen. Allerdings bin ich damals mit meinem Vorschlag beim ZDF auf Kritik gestoßen. Weder der Intendant noch der Chefredakteur wollten Kahn. Nachdem ich dann aber ein Treffen mit dem Sportchef und dem Chefredakteur organisiert hatte, rief mich noch in der Nacht mein Sportchef an und sagte zu mir: „Töppi, der ist ja super!“ Daraufhin kam es zu einem zweiten Treffen mit dem wir den Intendanten überzeugen konnten.

Wirtschafts-News: Welche Art von Spielen haben Sie am liebsten übertragen?

Rolf Töpperwien: Am liebsten habe ich den DFB-Pokal übertragen: eine Dorfmannschaft gegen eine Bundesligamannschaft. Das waren immer die Spektakulärsten. Wenn der Kleine den Großen geschlagen hat -  sensationell. 

Wirtschafts-News: Welches war das bewegendste Spiel, bei dem Sie für das ZDF dabei waren?

Rolf Töpperwien: Ein Europapokalspiel Bayer 05 Uerdingen gegen Dynamo Dresden. Da ging das Hinspiel 0:2 aus und im Rückspiel stand es 1:3 zur Pause, also stand es 1:5 nach drei von vier gespielten Halbzeiten. Eigentlich schien alles entschieden! Aber dann hat Uerdingen das Ding dann schlussendlich mit 7:3 gewonnen. Das war das Wunder von Uerdingen. Und dann hat sich links außen Lippmann auch noch in der Nacht abgesetzt und ist im Westen geblieben. Genauso unfassbar fand ich, dass die Griechen mit Otto Rehhagel 2004 Europameister geworden sind. Ich hatte damals als einziger auf sie gesetzt. Aber nicht, weil ich an sie geglaubt habe, sondern weil Rehhagel ein enger Freund war.

Wirtschafts-News: „Wie kann bei der weiter zunehmenden Geschwindigkeit der Qualitätsjournalismus erhalten bleiben?“ – haben wir kürzlich VRM-Chef Hans-Georg Schnücker gefragt. Welche Antwort haben Sie für den Sportjournalismus?

Rolf Töpperwien: Ich habe bei der Zeitung gelernt, dass man immer zwei Seiten hören muss. Wenn ich etwas schreibe oder behaupte, muss auch die andere Partei zu Wort kommen. Heutzutage wird immer mehr gemutmaßt, es entstehen Nebelkerzen aufgrund von Schnelligkeit und Effekthascherei. Außerdem ist das Vertrauen zwischen den Journalisten und den Protagonisten nicht mehr erforderlich. Die, die das meiste Geld bezahlen, bekommen die meisten Interviews. Früher musste man sich erst mal ein Vertrauen schaffen – heute hat Sky das Geld bezahlt und somit heißt es Antreten zum Interview. Qualität ist heute nicht mehr so wichtig. Für mich definitiv eine negative Entwicklung. Speziell der Fußball ist abhängig von Lizenzgebühren – das ist heute ein Milliardengeschäft. Damals gab es diese Gelder gar nicht. Heute zählen leider nur noch Geld und Verträge, nicht mehr das, was der Mensch sich an Vertrauen erarbeitet.

Wirtschafts-News: Wenn Sie sich in Ihrer beruflichen Position beschreiben dürften:

Rolf Töpperwien: Dann sage ich das, was sie alle sagen: Ich war immer der letzte Mohikaner. Oli Kahn hatte auf meinem Abschied damals eine Rede gehalten und gesagt, dass der einzige, dem er immer ein Interview gegeben habe - und auch immer wieder eines geben würde – ich sei. Dies mitunter, weil mich die privaten Angelegenheiten der Spieler nie interessierten. Ich feire höchstens mit ihnen. Aber mich interessiert weder ob sie schwul sind, noch ob sie zwei oder drei Frauen haben oder der Porsche gerade an die Wand geknallt ist. Für mich zählt das, was auf dem Platz stattfindet.

Wirtschafts-News: Mit welchem Verein sympathisieren Sie?

Rolf Töpperwien: Eintracht Braunschweig.

Wirtschafts-News: Welche Regernationsphasen brauchten Sie nach so einem Spieltag?

Rolf Töpperwien: Bei mir gab es immer zwei Seiten: wenn ich nach einem Zehnstundentag im Ü-Wagen saß und es hat alles geklappt, dann war ich in Hochform. Dann konnte ich feiern bis in den Morgen. Umgekehrt jedoch, wenn etwas nicht geklappt hat. Dann war ich nicht mehr ansprechbar und wollte niemand mehr sehen. Da gab es mal genau an meinem Geburtstag das Spiel Bayern gegen Schalke (1:1) im Münchner Olympiastadion. Als ich dieses hinterher für das heute journal kommentieren sollte, blieb der Bildschirm schwarz. Die Reportage musste entfallen. Im Nachhinein stellte sich raus, dass ein wütender abwandernder Bayernfan ein Hauptkabel am Übertragungswagen im Münchner Olympiastation gezogen hatte, was Auslöser dafür war. Ich war so bedient, dass ich im Anschluss auf meiner eigenen Geburtstagsfeier nicht mehr erschienen bin.

Wirtschafts-News: Was machen Sie heute gerne?

Rolf Töpperwien: Ich höre sehr gerne die ARD-Bundesliga-Konferenz im Radio, in der meine Schwester Sabine ja stets als Reporterin zu hören ist. Außerdem schaue ich die Sportschau. Das ging ja früher nicht. In die Stadien brauche ich nicht mehr unbedingt. Aber ich gehe noch auf relativ viele Veranstaltungen und rede mit den Menschen. Ansonsten bin ich ein großer Fan von Schallplatten. Ich habe eine Sammlung zuhause und gehe häufig auf Konzerte. Popmusik und Fußball könnte man bei mir als gleichwertig bezeichnen – nach Louis selbstverständlich. 

Haben Sie vielen Dank für das Interview.


Über die Autorin:

Alexandra Rohde ist freie Redakteurin und Autorin. Nach dem Studium der Publizistik, Soziologie und Pädagogik an der Johannes Gutenberg-Universität, absolvierte sie das Volontariat zur Pressereferentin. Ihren beruflichen Einstieg hatte sie bei der Mainzer Allgemeinen-Zeitung als freie Mitarbeiterin. Heute schreibt sie für unterschiedliche Zeitungen im Rhein-Main-Gebiet. Als Pressereferentin war sie weiterhin im Bereich der internen sowie externen Kommunikation tätig. Geboren 1982 in Mainz, studierte sie für ein Jahr im schweizerischen Basel und lebte für eine Weiterbildung im Bereich Aufnahmeleitung TV in München und Köln. Sie wohnt bei Mainz, in ihrer Freizeit reist sie leidenschaftlich gerne und hat ein Faible für Musik, Yoga und Tanz.