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„Der Zeitdruck ist immens geworden“

Dr. Thomas Bellut

Der ZDF Intendant Thomas Bellut wurde 1955 in Osnabrück geboren, studierte Politikwissenschaften, Geschichte und Publizistik an der Universität in Münster und promovierte auch dort. Seinen journalistischen Einstieg hatte er bereits 1983 als Redakteur bei den „Westfälischen Nachrichten“. Nach einen ZDF-Volontariat arbeitete Bellut viele Jahre als Redakteur für das ZDF und wechselte im Anschluss als Korrespondent nach Berlin. In den Folgejahren leitete Bellut Redaktionen, moderierte Sendungen und war über zehn Jahre der Programmdirektor auf dem Mainzer Lerchenberg. Seit dem 15. März 2012 ist Thomas Bellut der Intendant des Zweiten Deutschen Fernsehens in der Nachfolge von Markus Schächter. Wirtschafts-News sprach mit ihm über damals, heute und morgen und der Frage: wo steht das Fernsehen in unserer Gesellschaft?

Wirtschafts-News: Als Sie vor sechs Jahren das Amt des Intendanten antraten, war das unter anderem mit dem Ziel, als ZDF der Qualitätsanbieter Nummer eins zu werden sowie das Hauptprogramm zu verjüngen. Wie ist Ihnen das bisher gelungen? 

Thomas Bellut: Das ZDF ist der meistgesehene Sender in Deutschland, mit großem Abstand vor der ARD und den Privaten. Auch ZDFneo und ZDFinfo legen jedes Jahr zu. Vor allem mit ihnen erreicht die ZDF-Gruppe heute wieder so viele junge Zuschauer wie zuletzt Mitte der 90er Jahre. 2017 haben wir mehr als 220 nationale und internationale Fernsehpreise bekommen. Wir sind mit Qualität erfolgreich. 

Wirtschafts-News: Seit einiger Zeit ist die Diskussion um das Duale Rundfunksystem neu entbrannt. Der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger, Mathias Döpfner, kritisiert insbesondere die ARD in Ihrer Ausrichtung der Digitalisierung. Er argumentierte dabei zuletzt in einer Veröffentlichung vom 02.11.17 in der Welt, öffentliche Rundfunk- und Fernsehanbieter dürften nicht zu Textanbietern, also Zeitungsverlagen im Internet, werden. Dabei sieht er nicht nur eine existenzielle Bedrohung privater Verlage, sondern gleichfalls eine Falschausrichtung der Digitalisierungsstrategie, da er als Wettbewerber etwa Facebook, Netflix und Youtube ausmacht, nicht aber die FAZ oder die Süddeutsche Zeitung. Hat er damit recht? 

Thomas Bellut: In einem hat er Recht: Die bedrohliche Konkurrenz sind die globalen Medienkonzerne. Der Streit über Textangebote hilft da nicht viel. Das Netz hat eigene Gesetze und die klassischen Unterschiede zwischen Zeitung und Fernsehen gelten dort nicht mehr. Das ZDF hat aber grundsätzlich kein Interesse, Geschäftsmodelle der Verleger zu beeinträchtigen. Unser Onlineangebot ist im Kern eine Bewegtbild-Mediathek.

Wirtschafts-News: Geht man davon aus, dass immer weniger Menschen „klassisch“ fern sehen und die Relevanz diverser anderer Endgeräte wie Tablets, Smartphones und PCs stärker wird, hat dies Auswirkungen auf die Dauer und den Aufmerksamkeitsgrad beim Fernsehen. Inwiefern müssen sich TV-Formate anpassen?

Thomas Bellut: Die Digitalisierung ist ein gravierender Veränderungsprozess, dem wir uns seit vielen Jahren stellen. Nicht nur die Formate, das ganze Unternehmen verändert sich. Auch die jüngeren Zuschauergruppen sehen immer noch viele TV-Angebote, aber sie tun das vor allem nonlinear und auf ihren Smartphones. Genau dort sind wir entsprechend präsent. Wir haben in den vergangenen Jahren unsere Social Media Kanäle auf- und ausgebaut und wir bieten ZDF-Sendungen ganz oder in Ausschnitten auf Drittplattformen, etwa Youtube an. Immer mit dem Ziel, das junge Publikum mit unseren Marken, ganz besonders auch mit der ZDF Mediathek in Kontakt zu bringen.

Wirtschafts-News: Ausdrücklich unterstreicht Mathias Döpfner in seiner Stellungnahme, die eine Reaktion auf die Frankfurter Erklärung von Journalisten von ARD und ZDF war, man müsse im Kampf gegen Fake-News und populistische Parolen zusammenhalten. Als wie bedrohlich betrachten Sie die Entwicklung alternativer Medien im Hinblick auf den gesellschaftlichen Diskurs?

Thomas Bellut: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat im Kern einen klaren Auftrag: eine unabhängige, sorgfältige Berichterstattung. Unsere Finanzierung durch den Rundfunkbeitrag ermöglicht Angebote, die privatwirtschaftlich nicht realisierbar wären. Denken sie etwa an die weltweiten Korrespondentennetze von ARD und ZDF. Wir liefern, gemeinsam mit den Qualitätszeitungen und Zeitschriften, die Grundlage für eine faktenbasierte Meinungsbildung und Diskussionskultur in der Gesellschaft. Unsere Glaubwürdigkeit in der Gesellschaft ist nach wie vor hoch. Das belegen regelmäßige Umfragen. Wir sind damit ein wichtiges Gegengewicht gegen Lügen, Gerüchte und üble Nachrede, die in der Tat in der digitalisierten Medienwelt zu einer Plage geworden sind.

Wirtschafts-News: Private Verlage geraten durch alternative Medien zunehmend unter Druck, da Letztere nicht selten fernab journalistischer Grundsätze handeln. Verstärkt wird der Druck nun durch die Notwendigkeit, Pay-Konzepte einzuführen, gewissermaßen nach der Maxime, Reichweite oder Überleben. Das wird zu einer weiteren Konsolidierung führen. Sind die öffentlich-rechtlichen Anstalten Profiteur einer solch misslichen Situation?

Thomas Bellut: Die Verlage sind durch die Digitalisierung und neue Wettbewerber unter Druck geraten. Sie verlieren Leser und Anzeigen. Die Verlage sind aber dabei, dieser Entwicklung mit neuen Konzepten und neuen Geschäftsmodellen entgegen zu wirken. Wenn das nicht gelingt, wird guter Printjournalismus immer schwerer zu finanzieren sein. Die Folge wäre ein Verlust an journalistischer Vielfalt und Qualität. Umso mehr, wenn an seiner Stelle künftig die Algorithmen der globalen Plattformen nur noch Informationscocktails bieten, die an den Vorlieben der Nutzer ausgerichtet sind.  Es geht also nicht um die Frage, ob ein Anbieter von der Situation profitiert, sondern um eine wichtige Zukunftsfrage unserer Medienordnung. Ich bin der festen Überzeugung, dass die klassischen Medien, aber auch die Politik, diesen Herausforderungen gemeinsam entgegen treten sollten.

Wirtschafts-News: Ein weiteres Problem ist die zunehmende Geschwindigkeit. Politik und Medien heizen sich dabei wechselseitig an. Noch vor einigen Jahren hatten Politiker Gelegenheit zum Überlegen und Journalisten zum Recherchieren. Dies ist nun nicht mehr der Fall. Die Berichterstattung nach der Silvesternacht von Köln ist ein Negativbeispiel als Folge dessen. Wie lässt sich dieses Dilemma auflösen, um den Qualitätsjournalismus auch künftig zu erhalten?

Thomas Bellut: Es stimmt, der Zeitdruck ist immens geworden. Unsere Antwort lautet: Wir müssen in jeder Situation gründlich prüfen, wie wir verantwortungsvoll journalistisch agieren. Dabei gilt im Zweifel der Grundsatz: Sorgfalt vor Tempo. Ich lasse mich lieber von den Medienjournalisten kritisieren, weil ich einmal zu spät auf Sendung gegangen bin, als dafür zu früh und falsch berichtet zu haben. Jede Situation, jede Lage ist anders – die beste Garantie für einen verantwortungsvollen Umgang damit sind gut ausgebildete und erfahrene Redaktionen. Die haben wir.

Wirtschafts-News: Sprechen wir nochmals explizit vom ZDF, so durchlaufen Sie seit vielen Jahren einen enormen Sparkurs. Sendungen wie die  „ZDF Reporter“, „ZDF Umwelt“ und „ML mona lisa“ wurden gestrichen – zahlreiche Arbeitsplätze nicht nachbesetzt. Wie stark wirken sich die Einsparmaßnahmen auf Programm und Mitarbeiter aus und auf welchem Abschnitt des Weges befinden Sie sich aktuell?

Thomas Bellut: Wir haben in der Tat schon ein erhebliches Sparprogramm hinter uns. Zehn Prozent Personalabbau bei mindestens gleich bleibenden Aufgaben ist eine große Belastung, ganz besonders für die verbleibenden Mitarbeiter. Wir haben die Auflagen, die die KEF uns gemacht hat, fast geschafft. Aber wir sehen auch, dass die Politik weitere Einsparungen verlangt. Dazu haben wir gerade erst zusammen mit der ARD ein umfangreiches Paket für Kooperationen und kostensenkende Maßnahmen verabredet und den Ländern vorgelegt. Bislang haben wir das Programm und die Programmqualität im Wesentlichen erhalten können. Aber in einigen Bereichen sind wir an der Grenze angekommen.

Noch zwei Fragen zur Person Thomas Bellut:

Wirtschafts-News: Ihr Traumberuf war es einst, Regisseur zu werden, ist das richtig? Die Regie führen Sie nun ja in gewisser Hinsicht auch – wie entwickelte sich Ihre berufliche Laufbahn?

Thomas Bellut: Ich vermute, das habe ich mal in einem Interview gesagt. Ja, Film und Fern sehen haben mich immer schon gereizt. Die Rolle des Regisseurs, der einerseits kreativ gestaltet und andererseits einen großen Apparat steuert, fasziniert mich bis heute. Ich habe aber keinen Grund mit meiner beruflichen Entwicklung zu hadern. Ich habe als politischer Journalist viel erlebt, konnte als Programmdirektor für mich damals ganz neue Bereiche wie Fiction, Show und Unterhaltung mitgestalten. Das war herausfordernd, hat Spaß gemacht und war am Ende wohl auch keine schlechte Vorbereitung auf das Amt des Intendanten.

Wirtschafts-News: Welche Verbundenheit haben Sie mit der rheinland-pfälzischen Landeshaupt entwickelt? Sind Sie in Mainz angekommen und gibt es Dinge oder Orte, die Sie besonders schätzen?

Thomas Bellut: Ich lebe sehr gern in Mainz und fühle mich hier seit Jahrzehnten zu Hause. Dass die rheinland-pfälzische Hauptstadt der Standort des ZDF wurde, war zwar historisch betrachtet eher ein Zufall, im Nachhinein aber eine außerordentlich gute Wahl. Von hier aus hat man entspannten Blick auf die Welt. Das ist in den hektischen Zeiten über die wir eben sprachen, keine schlechte Arbeitsbedingung in einem Medienunternehmen.

Wirtschafts-News: Haben Sie vielen Dank für das Interview.


Über die Autorin:

Alexandra Rohde ist freie Redakteurin und Autorin. Nach dem Studium der Publizistik, Soziologie und Pädagogik an der Johannes Gutenberg-Universität, absolvierte sie das Volontariat zur Pressereferentin. Ihren beruflichen Einstieg hatte sie bei der Mainzer Allgemeinen-Zeitung als freie Mitarbeiterin. Heute schreibt sie für unterschiedliche Zeitungen im Rhein-Main-Gebiet. Als Pressereferentin war sie weiterhin im Bereich der internen sowie externen Kommunikation tätig. Geboren 1982 in Mainz, studierte sie für ein Jahr im schweizerischen Basel und lebte für eine Weiterbildung im Bereich Aufnahmeleitung TV in München und Köln. Sie wohnt bei Mainz, in ihrer Freizeit reist sie leidenschaftlich gerne und hat ein Faible für Musik, Yoga und Tanz.


Redaktion: Alexandra Rohde
Foto: ZDF/Markus Hintzen