. .

„Sie soll atmen“

Zur Galerie bitte Bild anklicken

„The worst crime is faking it” sind die Worte, die mantrahaft über der Mainzer Halle45 schweben. Authentizität ist die Kernaussage jener Worte, die ganz zum Schluss der Feder von Kurt Cobain entstammten. Mit Nirvana erschuf er Anfang der Neunziger einen neuen Sound, deren Songs wurden zur Hymne einer ganzen Generation. Glaubhaftigkeit war für ihn Währung und Antrieb zugleich, gewissermaßen ein Grundaxiom. So sehr, dass er, als er all dies nicht mehr zu spüren vermochte, seinem Leben ein Ende setzte.

Leben eingehaucht dagegen haben Ralph Heinrich und Dr. Hanns-Christian von Stockhausen der Halle45. Dass man sich den Gedanken jenes Künstlers verschreibt, scheint nur angemessen, denn Glaubwürdigkeit ist es, die das Geschäftsmodel einrahmen soll. So ist kein Jahr vergangen, dass die 5.000 Quadratmeter große Halle45 wiedereröffnet wurde. Am 9. und 10. April kamen erstmalig wieder über 4.000 Menschen auf das Areal der Alten Waggonfabrik zusammen. Und mit dem Street Food Festival gastierte die erste öffentliche Veranstaltung nach der umfassenden Sanierung der ehemaligen Phönix-Halle. 

Aus alt mach neu – in doppelter Hinsicht

Bereits im März fand die ehemalige Industriehalle mit ihrer Neuausrichtung Anklang bei Unternehmen und war Veranstaltungsort mehrerer erfolgreicher Firmenveranstaltungen. Wenn die Phönix-Halle unter dem vormaligen Pächter zumindest in Mainz und der näheren Umgebung in erster Linie für Kulturevents stand, war den neuen Betreibern um Ralph Heinrich und Dr. Hanns-Christian von Stockhausen von Beginn an bewusst, dass sie die Halle auch für den Corporate Bereich aufrüsten wollen. Und müssen. 

Die Voraussetzungen auf dem Industrieareal in Mainz-Mombach sind ideal, nicht nur bezüglich der zentralen Lage in Mainz und der günstigen Verkehrsanbindung. Ganz besonders auch aufgrund der gelegentlich unter den Tisch fallenden Tatsache, dass die Landeshauptstadt quasi in der Mitte Deutschlands liegt. Diesen Umstand in den Köpfen der Eventmanager und letztlich der Entscheider zu vergegenwärtigen, daran werde hart gearbeitet, erklärt Heinrich. 

Die Ausgangslage war somit eine ganz besondere: Zum einen musste die neue alte Eventlocation wieder die Mainzer erreichen und in der Region als eine der wichtigsten Adressen für das kulturelle Leben ankommen; und sich als solche beweisen. Zum anderen musste sich ein derart großes Projekt, das gänzlich ohne öffentliche Mittel auskommen musste, zunächst vor allem solide Refinanzierungsgrundlagen schaffen, um nachhaltig wirtschaftlich arbeiten zu können. 

Spagat der Superlative 

Wirtschaftliches Gerüst des Unternehmens ist vor allen Dingen der Business-to-Business-Bereich, Firmenkunden also, die die Räumlichkeiten für Corporate-Events nutzen. Und doch sind sich die Betreiber über ihre kulturelle Verantwortung in der Region bewusst. Als einen 360 Grad-Fokus bezeichnete von Stockhausen die Maxime, die Grundlage der Geschäftsperspektive sein müsse. Nur so könne der Spagat zwischen der notwendigen Akzeptanz in der deutschlandweiten Agenturlandschaft einerseits und dem kulturellen Fußfassen andererseits gelingen und zugleich profitabel sein. Geschäftsführer Ralph Heinrich, der für den Bereich Vertrieb und operative Durchführung zuständig ist, resümiert: „Wir sind mehr als zufrieden mit unserem Start. Es waren viele einzigartige Veranstaltungen aus den unterschiedlichsten Bereichen“ und fügt hinzu „wir haben durchweg sehr positives Feedback bekommen und das größte Lob für uns ist es, wenn die Veranstalter unsere Professionalität und unseren Einsatz unterstreichen und wiederkommen.“ 

Seit der Wiedereröffnung konnte die Halle45 rund 40.000 Gäste willkommen heißen und hat für einige Ausrufezeichen in der hiesigen Öffentlichkeit gesorgt. Betrachtet man die bisher stattgefundenen Events, fällt vor allem auf, mit welcher Vielseitigkeit und Wandelbarkeit die schmucke Industrielocation aufwartet. Viele Mainzer werden sich noch an die Dreiteilung der Halle erinnern; die ist mittlerweile Geschichte und so bieten sich nun auf exakt 4.365 Quadratmetern reiner Nutzfläche eine große Spielwiese, um verschiedensten Formaten eine Heimat zu bieten. Die alten, wieder in Stand gesetzten Kranbahnen, kombiniert mit einem integrierten Raumtrennungssystem, ermöglichen eine vielseitige und variable Aufteilung der Halle: Ob Mittelbühne mit dezentraler Bestuhlung, Tagungs-Setup mit mehreren abgetrennten Workshop-Bereichen oder die Möglichkeit, eine Messe mit bis zu 150 Ausstellern abzubilden.

Ein erster Rückblick

So scheint es nicht von ungefähr zu kommen, dass zwei Mainzer Erfolgsgeschichten ihr Glück auf dem Areal der Alten Waggonfabrik gesucht haben. Mit dem Umzug des Stijl Designmarktes und der CraftBeerMesse Mainz haben die Veranstalter Neue Projekte GmbH & Co. KG und die RAM Regio Ausstellungs GmbH den Mut bewiesen, die Halle45 als neue Location auszuwählen. Dies zeigt deutlich auf, dass Bedarf nach einer Halle dieser Größenordnung bestand. Beiden Veranstaltungen stand dieser Wechsel überaus gut zu Gesicht. „Dass diese beiden Mainzer Vorzeigemessen uns gleich im ersten Jahr das Vertrauen geschenkt haben, macht uns natürlich stolz. Es ist großartig, was in den letzten Jahren alles in Mainz entstanden ist und dies ein stückweit unterstützen zu können, motiviert uns Tag für Tag auf ein Neues“, so Geschäftsführer Ralph Heinrich. Neben den Mainzer Messen fand Anfang Oktober die „Fairgoods and Veggienale“ erstmals in Rheinland-Pfalz statt, eine Nachhaltigkeitsmesse mit Berliner Wurzeln, die durch die Kooperation mit der mainzplus Citymarketing GmbH in der Halle45 veranstaltet wurde.

Dass der Eventbereich einem bunten Strauß Blumen gleicht, der niemals gleich und immer anders ist, das haben die Betreiber im ersten Jahr auf eine sehr positive Art und Weise erfahren dürfen. DAX-Konzerne sowie mittelständische Unternehmen waren mit unterschiedlichen Events in Mainz-Mombach zu Gast. Neben Tagungen und Workshops waren eine große Fashion Show mit 1.400 geladenen Gästen und der Moderatorin Eva Padberg sowie die Startaufstellung von 43 Audi R8, die sich von Mainz aus auf den Weg zum 24 Stunden Rennen nach Le Mans machten, nur zwei der bisherigen Highlights. Auch in Sachen Eigenevents hat die Halle45 GmbH noch im Dezember mit ihrem Weihnachtsspecial den KMUs der Region eine willkommene Alternative geboten. Hier konnten erstmals verschiedene Firmen eine kollektive Weihnachtsfeier feiern und durch die Größe der Halle sowohl den privaten Rahmen genießen, als auch zu späterer Stunde gemeinsam in der unmittelbar angrenzenden BAR 45 weiterfeiern. Ein Konzept, das 2017 wieder angeboten wird.

Ins vermeintlich eiskalte Wasser wurde das 10-köpfige Hallenteam am ersten Septemberwochenende geworfen. „Wenn freitags Freunde elektronischer Musik in die Halle strömen, tags darauf Fans amerikanischen Hip-Hops und zum krönenden Abschluss Mozarts Zauberflöte, begleitet von einem 30-köpfigen Orchester, aufgeführt wird – dann lernt man in der Tat Schwimmen“, erinnert sich Heinrich. Dies durfte acht Wochen später bei dem erstmals mit 2.000 Sitzplätzen bis auf den letzten Platz ausverkauftem Auftritt von Serdar Somuncu bewiesen werden. Auch wenn es hier und da noch Verbesserungspotenzial und verschiedenen Abläufe zu optimieren gilt, wurden die öffentlichen Events doch durch die Bank positiv angenommen. 

Dass Genre-Begründer Cobain in den letzten Tagen seines Daseins mangelnde Glaubwürdigkeit seiner selbst als Ursache für seine Depression ausmachte, bietet hinreichend Grund zur Annahme, dass sie, jene Werthaftigkeit, gleichzeitig der Schlüssel zum Erfolg war. Was darauf folgte, war ein neuer Sound. Unaufgeregt und wenig prätentiös kam er daher, vergleicht man ihn mit den schrillen, nach Aufmerksamkeit schreienden Klängen, Farben und Persönlichkeiten der Anfangneunziger. Und doch, oder vielleicht deshalb, war er gewaltig. Den Kern der Halle zu erhalten, darum ging es Heinrich und von Stockhausen. Sie solle bleiben, was sie ist: eine Industriehalle. Eine, die atmet, sagt von Stockhausen, aber eine Industriehalle. 


Fotos: HALLE45