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Die Magie der Tausend Hügel – Wandern auf den Dächern Rheinhessens

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„Und die Sonne blickt durch der Zweige Grün und malt auf den glänzenden Matten der Bäume gigantischen Schatten“. Auch wenn die Reise des Damon keineswegs so idyllisch verläuft wie es in diesem Vers aus Schillers Bürgschaft den Eindruck erweckt, so mag doch der ein oder andere Rheinhesse dies Wandeln im Grünen schon genossen haben. Wer es dem gleichtun möchte, hat in den Hiwweln des neuen Prädikatswanderweges in der Rheinhessischen Schweiz seit diesem Jahr die perfekte Möglichkeit dazu.

„Wenn ich ein Vöglein wär’ und auch zwei Flügel hätt’“, flöge ich sicherlich zu dir,  wie ein altes Kinderlied es verspricht. Einen kleinen Umweg einzulegen, um die herrliche Aussicht über die Hügel Rheinhessens zu genießen, würde man dem lyrischen Ich des Kinderlieds anheimstellen. Den Ausblick aus luftiger Höhe auf und über das Land der 1000 Hügel kann man seit diesem Jahr Dank der neuen Prädikatswanderwege auch von der Spitze der Hügel genießen. Auf vier verschiedenen Touren bietet sich dem tapferen Wanderer ein atemberaubendes Panorama. Die Hiwwel, wie die Rheinhessischen Bewohner ihre Hügel liebevoll nennen, präsentieren im größten Weinanbaugebiet Deutschlands neben zahlreichen Weinbergen noch andere Naturschauspiele und kulturelle Schätze. Bewandert werden können die neun bis zwölf Kilometer langen Strecken von Wanderern aller Altersklassen. Doch bewandert werden und bewandert sein, ist bekanntlich ja nicht dasselbe. Neben der ersten Variante bietet sich dem Wandersmann Dank informativer Schautafeln am Wegesrand auch die Möglichkeit, bewandert zu werden.

Vier Prädikatswanderwege auf einen Schlag

Passend zu Beginn der Wandersaison wurden die Hiwweltouren nach ihrer Einweihung im April bereits einen Monat später vom deutschen Wanderinstitut mit dem Qualitätssiegel ausgezeichnet. Anhand dieses Wandersiegels wird garantiert, dass die Premiumwege eine abwechslungsreiche und erlebnisreiche Landschaft bieten, dass die Mehrheit der Wege größtenteils aus naturbelassenen Pfaden besteht und dass der Wanderer eine eindeutige Beschreibung der Route vorfindet. All die Kriterien weisen die vier unterschiedlichen Wanderrouten auf. Je nach Strecke eröffnet sich denjenigen, die gut und gerne zu Fuß in der Natur unterwegs sind, ganz verschiedene naturelle und kulturelle Ausblicke. Entweder führt die Wanderung vorbei an einer ursprünglichen Heidelandschaft, oder auch durch alte Eichen- und Kiefernwälder bis hin zu grandiosen Aussichtsplattformen wie dem Ingelheimer Bismarckturm.

Panoramarundblick auf der Hiwweltour Bismarckturm

Wie ein Gipfelkreuz in den Alpen weist der Bismarckturm dem Wanderer den Weg. Auch wenn die Schweizer Giganten ein wenig höher sind, geht es hier gleich zu Beginn steil durch Wald und Hecken den Berg hinauf. Wer zuerst den Bismarckturm erreicht, hat die erste Etappe der Tour geschafft. Belohnt werden aber alle Wanderer von der sagenhaften Sicht auf Ingelheim und den Rheingau. Wenn man endlich den Blick von der atemberaubenden Natur lösen kann, führt der Weg weiter in den Wald hinein. Mit frohem Mut verfliegt die Zeit wie im Flug und mit raschen Schritten passiert man die Schutzhütte, mit Blick auf den Laurenziberg und das Binger Loch. Hier beginnt der Weg schon sich abzusenken, und zur Freude der Meisten gelangt man an die Ufer eines Baches. An der Unterpollermühle bietet sich eine perfekte Gelegenheit die brennenden Glieder zu erfrischen. Da ein Treppenpfad wieder den Berg hinauf führt, dürfte eine Erquickung den womöglich schon müden Füßen gut tun. Doch halt, was ist das? Lauter Löcher im Boden? Wie Schautafeln erklären, handelt es sich um Salamanderlöcher im Geotop. Gut, dass dieses Gebiet ein Naturschutzgebiet ist. Vielleicht entdeckt der ein oder andere ja während seinem restlichen Fußweg zum Bismarckturm zurück noch einen Salamander.

Ein Hauch mediterranen Flairs auf der Heide

Einen weiteren Aussichtsturm verspricht auch die nächste Tour durch die Hiwwel. Die als leicht eingestufte Wandertour führt durch die Weinberge dem Ajaxturm entgegen. Im Schatten des Turmes, die Aussicht genießend, kann man sich gut vorstellen, wie dieser Turm die geheime Zuflucht eines Liebespaares war. Der Sage nach trafen sich ein Bauernbursche und eine Müllerstochter heimlich im Turm. Wie das Schicksal es will, sollte ihre Liebe nicht sein, und der Vater befahl der Tochter einen anderen Mann zu heiraten. Daraufhin starb sie bald mit gebrochenem Herzen. Noch heute hält der Hund des Bauernburschen, Ajax, von den Zinnen blickend, Ausschau nach seinem Herrchen. Doch die folgende Heidenlandschaft lässt den Wanderer des Bauers Trauer schnell wieder vergessen. Begeisterung erfasst das Herz, wenn die mediterran angehauchte Vegetation der Heide sich vor den Augen eröffnet. Um hier den Ausblick in vollen Zügen genießen zu können, wird am Wochenende im Sommer auch ein feiner rheinhessischer Tropfen zur Verköstigung angeboten. Beflügelt von einem Gläschen Wein und der Aussicht auf die Burgruine Neu- Bambergs tragen einen die Beine fast von alleine den Weinberg hinunter zum Startpunkt des Rundgangs nach Siefersheim.

Steilere Auf- und Abstiege durch die Wälder des Eichelberges

Während die eine Route das Gefühl von Urlaub in Südfrankreich erweckt, erinnert die Tour rund um den Eichelberg eher an dunkelgrüne Wälder im Norden Europas. Knorrige Kiefer- und Eichelwälder erwarten den Wanderer auf dieser Tour. In Serpentinen schlängelt sich der Weg durch das Gehölz des dichten Waldes, weg vom mittelalterlichen Ortskern in Neu- Bamberg, hin zu einem alten Quarzitporphyr-Steinbruch. Verschwitzt und keuchend nimmt der tapfere Wanderer die Herausforderung des steilen Weges an und bezwingt den Berg bis zur Gipfelkuppe. Die Strapazen ins Gesicht geschrieben, gleichwohl mit einem Lächeln auf den Lippen, blickt man von oben über die Weiten der Nordpfalz. Von hier aus lässt sich in der nahen Ferne auch die Sehenswürdigkeiten der anderen Routen wie der Heide oder den Ajaxturm erkennen. Kulturelle Ruinen verstecken sich aber auch auf der Route in den Wäldern des Eichelberges. Wer sich traut, vom Weg abzugehen und einen kleinen Schlenker zu laufen, stößt auf die Überreste einer alten Kapelle aus dem 30-Jährigen Krieg. Als ob die Hiwwel am Ende wahrlich nochmals dafür sorgen wollten, dass jeder Wanderer am Abend auch wirklich müde ist, steigt der Berg am Ende der Tour noch mal steil an. Doch keine Sorge: eine alpine Ausrüstung ist bei dieser Strecke nicht von Nöten. Aber gerade aufgrund dieser steilen Auf- und Abstiege rund um den Eichelberg sollten Wanderbegeisterte mit Knieproblemen eher vorsichtig sein. Dass ein kühles Helles nach dieser Wanderung besonders gut schmeckt, wissen auch die Gastgeber der „Junkermühle“. Im traditionellen Neu- Bamberger Ausflugslokal lässt es sich bei einem Bier oder Schoppe den Abend gemütlich ausklingen oder für die nächste Tour stärken.   

Waldrandpassagen und Wildromantische Schluchten locken nach Tiefenthal

Ist das Schoppe-Glas geleert, weißt das nächste Wässerchen, ein kleiner Bachlauf, den Weg. Wie auch das plätschernde Wasser verläuft die Wanderung an Teichen des Feuchtbiotops vorbei. Auf einmal still, kein gluckerndes Wasser mehr, ruhig scheint es im Wald zu sein. Nur das Keifen der Vögel ist zu hören, die sich schimpfend im Gebüsch verstecken, während Hecken und Bäumen sich zu einem „grünen Tunnel“ formen, an dessen Ende den Wanderer das Dunzelloch erwartet. Ein alter Steinbruch, in dem für lange Zeit wertvolles Baumaterial abgebaut wurde. Gut möglich, dass hierher das Material für die uralten Grenzsteine kommt, die den Weg säumen. Oder die Steine wurden zum Bau eines nahegelegenen Klosters verwendet. Heute sind neben den Ruinen leider nur noch ein alter Torbalken und die Kirchenglocke zu sehen. So mancher Mönch und Wanderer dürfte in Mitten dieser Idylle die Weiten der Natur genossen haben. Nach den Momenten der Ruhe lohnt es sich, den Abstieg durch eine wildromantische Schlucht zu nehmen. Vorbei an Fels und Moos gelangt man nach 12 Kilometern wieder zum Tiefenthaler Ortskern.


Dass sich die Ausflügler nicht in den Wäldern oder Weinbergen der Hiwwel verlaufen, sind alle Routen bestens ausgeschildert. Ermöglicht wurde die touristische Erschließung des Gebietes durch den Europäischen Landwirtschaftsfond für die Entwicklung des ländlichen Raumes sowie durch Fördermittel des Ministeriums für Wirtschaft, Klimaschutz, Energie und Landesplanung Rheinland- Pfalz. Durch gute Zusammenarbeit der federführenden Rheinhessen Touristik und den umliegenden Kommunen und Landkreisen Alzey- Worms und Mainz- Bingen konnte das Projekt mit vollster Zufriedenheit der Verantwortlichen und auch der Wanderer abgeschlossen werden. Obwohl sich die langen Sonnenstunden dem Ende neigen, bieten die Prädikatswanderwege ganzjährlich eine schöne Möglichkeit für alle Natur- und Wanderfreunde einen herrlichen Blick über die rheinhessischen Hiwwel. Seien es schneebedeckte Hügel, aufspringende Knospen, eine in Blüte stehende Heide oder ein bunter Blätterwald: Die Magie der 1000 Hügel dürfte zu jeder Jahreszeit begeistern.

 

Weitere Informationen:

www.rheinhessen.de/de/urlaub-und-freizeit/wandern-walken/wandern/hiwweltouren.html

Bildquelle: Dominik Ketz /Rheinhessen Touristik GmbH

Redaktion: Kerstin Kutscher